Asyl
02/02/2016

Kritik an Verteilung der Flüchtlinge

Bezirke beklagen schlechte Informationspolitik des Flüchtlingskoordinators. Angst vor neuen Großquartieren.

von Julia Schrenk, Elias Natmessnig

Die Zeiten, in denen in Wien uneingeschränkte Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen gelebt wurde, sind vorbei. Die "besorgten Bürger" werden immer lauter, vor allem, wenn neue Großquartiere geschaffen werden sollen. So wie in Floridsdorf, wo in den kommenden Wochen eine Unterkunft für 600 Flüchtlinge in der Siemensstraße eröffnet wird. Eine weitere für 150 Personen in der Grellgasse wird noch in diesen Tagen bezogen. "Wir hoffen damit das Auslangen gefunden zu haben", sagt Bezirkschef Georg Papai (SPÖ) – denn der Unmut in der Bevölkerung ist deutlich zu spüren. FPÖ-Bezirksparteiobmann Wolfgang Irschik befürchtet, dass in Floridsdorf noch mehr Flüchtlinge untergebracht werden. Für ihn ist es auch kein Zufall, dass die großen Quartiere in Flächenbezirken entstehen. "Die Leute sollen dorthin abgeschoben werden, wo man sie nicht sieht."

Für die FPÖ sind die Flüchtlinge zugleich ein Glücksfall, lässt sich doch mit ihnen mobilisieren. Just in Floridsdorf, wo die FPÖ bei der Wahl im Oktober der SPÖ stark zusetzte, entstehen Großquartiere. Auch in nicht so stark betroffenen Flächenbezirken, etwa in Favoriten, setzt die FPÖ auf das Asylthema. Weil sich viele Frauen fürchten würden, verteilen die Blauen jetzt Infofolder an sogenannten "Hotspots" im Bezirk. "Die SPÖ betreibt gerade themenpolitischen Selbstmord", sagt Michael Mrkvicka, blauer Bezirksvorsteher Stellvertreter von Favoriten.

Infos fehlen

Wie viele Flüchtlinge derzeit in welchen Bezirken untergebracht sind, ist unklar. Die Zahlen liegen dem Fonds Soziales Wien (FSW), der neue Flüchtlingsunterkünfte prüft und eröffnet, zwar vor, herausgeben will er sie aber nicht. Nur einzelne Bezirke geben auf Nachfrage Auskunft (siehe unten). "Niemand hat Interesse daran, einen Wettbewerb zwischen den Bezirken zu eröffnen", sagt Flüchtlingskoordinator Peter Hacker.

Bei einigen Bezirksvorstehern kommt nun Unmut auf. "Dem Fonds fehlt es an der Informationspolitik", sagt Silke Kobald, ÖVP-Bezirksvorsteherin von Hietzing. Sie kritisiert, dass niemand weiß, wo wie viele Flüchtlinge beherbergt werden: "Da kriegt man leicht das Gefühl, dass ein Ungleichgewicht herrscht", sagt Kobald und fordert eine "faire Aufteilung über die Bezirke". Derzeit sind in Hietzing 1100 Flüchtlinge untergebracht, die meisten von ihnen im ehemaligen Geriatriezentrum. Damit ist der 13. einer jener Bezirke, die im Vergleich viele Geflüchtete beherbergen. "1000 Menschen auf einem Fleck ist nicht ideal. Wir wurden vorab nicht informiert, aber wir gehen mit der Situation um, so gut es geht", sagt Kobald.

Ähnliches berichtet ein anderer Bezirksvorsteher: "Die Info über ein neues Quartier habe ich von der Trägerorganisation erfahren, nicht vom FSW." Dabei hat dieser im September sogar extra in einem Brief an alle Bezirkschefs zugesagt, "engstens" mit diesen zusammenzuarbeiten (siehe Faksimile).

Flüchtlingskoordinator Peter Hacker stellt das Ungleichgewicht bei der Aufteilung gar nicht in Abrede, aber: "Wir sind abhängig davon, welche Unterkünfte uns angeboten werden." Es sei einfach nicht möglich gewesen, im September, als täglich 10.000 Geflüchtete in Wien ankamen, mit den Bezirken zu diskutieren. Auch jetzt werde nicht bei jedem "Zwutschkerl-Quartier" der Bezirkschef informiert: "Dazu stehe ich", sagt Hacker. Jetzt, wo die Flüchtlingszahlen nicht mehr so hoch sind, sucht man wieder den Kontakt: "Deshalb haben wir jetzt die Debatten, die wir haben."

Fakten

Flüchtlinge in Bezirken:1400 Landstraße, 1100 Hietzing, 750geplant in Liesing, 420aktuell in Floridsdorf. Noch im Februar beziehen 750 weitere Quartier. 400 Neubau, 250 Meidling, 200 Ottakring.

Probleme in den Flüchtlingsklassen

„Ich will; du willst; er, sie, es will“, spricht Lehrerin Sabine Lampert den Schülern vor, „Und wie geht‘s weiter?“ „Wir wollen“, kommt in gebrochenem Deutsch aber doch selbstbewusst von den Flüchtlingen als Antwort. Aus der zweiten Reihe ruft der 19-jährige Fahed stolz: „Wir wollen Deutsch lernen!“

Der Unterricht macht sich also bezahlt. Seit Mitte Dezember werden in Mistelbach, NÖ, 22 Asylwerber in einer eigenen Klasse unterrichtet. Österreichweit gibt es 30 solcher Standorte. Mit einem vereinfachten Lehrplan sollen die neuen Schüler an das Bildungsniveau heimischer Kollegen herangeführt werden. Doch was in der Theorie einfach klingt, stößt in der Praxis an Grenzen.

Mangelnde Pünktlichkeit, eine stark auseinanderklaffende Vorbildung, Anweisungen, die ignoriert werden – der Unterricht läuft sechs Wochen nach dem Start noch nicht nach Plan. „Man merkt, dass noch Sand im Getriebe ist“, bringt es BORG-Direktorin Isabella Zins auf den Punkt.

„Von Analphabeten bis zu Maturaniveau“ sei das Bildungsniveau laut Klassenvorstand Lampert breit gestreut. Die Schüler sind 15 bis 25 Jahre alt. Für die zehn betreuenden Lehrer eine anfänglich unterschätze Herausforderung. „Die Schüler sind bemüht; alle wollen, aber manche können nicht“, erklärt Lampert.

Diskussionen

Vernachlässigen wollen die Pädagogen dennoch niemanden. Die Folge: „Den Unterricht müssen wir nun praktisch drei Mal vorbereiten“, erklärt Lampert. Vor drei Wochen hat die Schule nämlich unterschiedliche Übungslevels eingeführt. „Daraufhin gab es wieder Diskussionen, warum etwa der Sitznachbar andere Aufgaben bekommt und man selbst die Übung wiederholen muss“, sagt Zins. Mit 22 Flüchtlingen in einer Klasse habe man zudem eine Obergrenze erreicht. „Für den Spracherwerb ist das definitiv zu viel“, weiß Lampert.

In die Pflicht genommen werden nicht nur die Flüchtlinge, sondern auch das Ministerium. Die Unterstützung sei bislang überschaubar gewesen. Die Übungen mussten sich die Lehrer in Eigenregie zusammenstellen.

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