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Chronik Wien
08/09/2020

Konzepte: Die Angst vor Begegnung mit der Bim

Wien hat keine Begegnungszone auf einer Schienenstraße. Pläne dafür gibt es immer mehr, Bedenken auch.

von Stefanie Rachbauer

Wien hat eine Begegnungszone mit einem extra für Fiaker asphaltierten Fahrstreifen (die Rotenturmstraße). Und bald wieder eine, durch die ein großer Linienbus fährt (die Neubaugasse, wohin die 13A-Route von der Mariahilfer Straße verlegt wird). Eines gibt es in Wien aber nicht: eine Begegnungszone mit einer Straßenbahn. Das könnte sich bald ändern.

Die Wunschliste mit Begegnungszonen auf bestehenden oder potenziellen Schienenstraßen wird nämlich immer länger (siehe Kasten). Nachdem Anfang des Jahres die Grünen im 3. Bezirk eine Begegnungszone und eine neue Straßenbahn-Linie auf der Landstraßer Hauptstraße gefordert hatten, zogen nun die Grünen im 8. Bezirk nach. Die Josefstädter Straße, so ihre Forderung, soll eine Fußgänger- und Begegnungszone werden. Und jetzt fordern Anrainer in einer Petition an den Gemeinderat, eine Begegnungszone in der Lerchenfelder Straße (wo der 46er fährt) – und zwar in dem rund Abschnitt zwischen Neubaugasse und Lange Gasse.

Die Begründung: Die Lerchenfelder Straße sei zunehmend zu einem Schleichweg zwischen der Innenstadt und dem Gürtel geworden. „Lärm und Dreck“ beeinträchtigten zunehmend die Wohnqualität. Die Begegnungszone solle das ändern.

Ob diese Forderung Realität wird, entscheiden zu einem Gutteil die Bezirke, in denen die Lerchenfelder Straße verläuft. Sehr skeptisch zeigt sich die Josefstädter Bezirksvorsteherin Veronika Mickel-Göttfert (ÖVP): „Es gibt geeignetere Standorte. Begegnungszonen auf Schienestraßen sind ein eigenes Kapitel – aus Sicherheitsgründen.“

Sicherheitsbedenken wie diese werden bei derartigen Projekten so gut wie immer laut. Doch was ist dran? Sind Begegnungszonen mit Straßenbahnen gefährlich? Und warum gibt es Begegnungs- und Fußgängerzonen mit Bim in Linz und Graz – aber nicht in Wien (abgesehen von einem Stück der Quellenstraße)?

Landstraßer Hauptstraße
Die Grünen im 3. Bezirk wollen eine Begegnungszone zwischen dem Bahnhof Wien Mitte und der Rochusgasse. Zudem soll die neue Bim-Linie „J“ den Bus 74A ersetzen. Die geplante Route führt vom Stubentor über die Landstraßer Hauptstraße und weiter zum Gasometer

Josefstädter Straße
Eine Begegnungszone von der Lange Gasse zum Palais Strozzi  fordern die Grünen im 8. Bezirk. Ein Teil davon könnte auch eine Fußgängerzone werden. Der 2er würde laut Plan vor dem Theater in der Josefstadt in beide Richtungen nur über ein Gleis geführt werden

Lerchenfelder Straße
In einer Petition an den Gemeinderat fordern Anrainer zwischen der Neubaugasse und der Lange Gasse eine Begegnungszone

Die Regeln
Auto- und Radfahrer dürfen in einer Begegnungszone maximal 20 km/h fahren, Fußgänger dürfen die ganze Fahrbahn nutzen. Fußgängerzonen sind nur den  Fußgängern vorbehalten  

 

Paradigmenwechsel

Das habe historische Gründe, sagt Markus Raab. Er leitet die Magistratsabteilung 46, die Begegnungszonen vorab prüft. „Die Zonen in Linz und Graz sind historisch gewachsen. Die Verkehrssicherheit hatte damals nicht so einen hohen Stellenwert.“

Fest steht: Fußgänger dürfen in einer Begegnungszone auf den Gleisen gehen, aber die Bim nicht mutwillig behindern. Straßenbahnen wiederum dürfen nur 20 km/h fahren. Der Bremsweg ist dadurch kürzer, aber: „Ein Zusammenstoß kann immer noch übel ausgehen.“

Eine Begegnungszone in einer Schienenstraße sei „unzweckmäßig“, sagt Raab. Denn: Einer der Gründe, warum eine Begegnungszone laut Gesetz eingerichtet werden kann, ist, dass es die Sicherheit des Verkehrs (und insbesondere des Fußgängerverkehrs) es erfordert. Und diese Bedingung sei in Schienenstraßen kaum erfüllt.

Die Kombination Begegnungszone und Bim ist für Raab – wenn überhaupt – nur unter einer Bedingung denkbar: Die Straße darf nicht (wie sonst üblich) niveaugleich umgebaut werden. Das heißt konkret: Zwischen den Gleisen und der restlichen Fläche braucht es eine mindestens drei Zentimeter hohe Kante.

Frage der Pünktlichkeit

Die Wiener Linien wollen die drei aktuellen Begegnungszonen-Pläne nicht beurteilen, solange keine konkreten Planungen vorliegen. Jedenfalls zu bedenken seien aber etwaige Auswirkungen auf die Fahrzeit der Straßenbahn sagt ein Sprecher auf Anfrage.

In Neubau kann man derartigen Bedenken nichts abgewinnen: „Alles, was die Situation für die Bewohner verbessert, ist zu begrüßen“, heißt es aus dem Büro von Bezirkschef Markus Reiter (Grüne) zu den Wünschen für die Lerchenfelder Straße. Begegnungszonen auf Schienenstraßen seien eine Entwicklung, die „nicht aufzuhalten sein wird.“

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