Wien-Mitte: Warum der Heumarkt den Wienern so nahe geht
Als der venezianische Maler Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, seinen berühmten „Canaletto-Blick“ auf Wien warf, war vom Hotel Intercontinental noch keine Spur. Auch den Platz des Wiener Eislauf-Vereins und das Konzerthaus gab es noch nicht.
Damals, 1760, war die Gegend zwischen Schwarzenbergplatz und dem Bahnhof Wien Mitte eine unbebaute Landschaft vor der Stadtmauer, durch die der unregulierte Wienfluss mäanderte. Sie hieß „Heumarkt“, weil die Bauern dort Heu verkauften.
Heute ist mit dem Heumarkt vor allem das Grundstück gemeint, auf dem einige der wichtigsten Institutionen der Wiener Gesellschaft versammelt sind: der Eislauf-Verein (seit 1901), das Konzerthaus (seit 1913), das Akademietheater (seit 1922) und das Hotel Intercontinental (seit 1964). Nimmt man das vis-à-vis gelegene Akademische Gymnasium (1866) dazu, ist hier so viel Wien auf engstem Raum konzentriert wie kaum an einem anderen Ort der Stadt.
Kein Wunder, dass die Debatte um das Stadtbild, das Unesco-Weltkulturerbe und den Canaletto-Blick sich ausgerechnet am Heumarkt entzündet haben.
Wien on Ice
Der Wiener Eislauf-Verein (WEV) wurde 1867 gegründet. Seit 1901 ist er am heutigen Standort ansässig. Seine Hochzeit hatte der WEV in der Zwischenkriegszeit; die 10.000 m² große Kunsteisfläche war 1927 die größte in ganz Europa; in der Saison 1929/30 erreichte der Verein den Rekordstand von 9.521 Mitgliedern.
„Eislaufen ist relativ schnell zu einem Massenphänomen geworden“, sagt die Historikerin Sabine Meisinger von der Uni Wien, die zum 150-jährigen Jubiläum die Vereinsgeschichte erforscht hat. Funfact: Das beim WEV im 19. Jahrhundert entstandene und bis heute praktizierte Rundtanzen auf dem Eis steht seit 2018 auf der UNESCO-Liste für immaterielles Kulturerbe.
Viele Mitglieder des Vereins waren jüdisch, die NS-Zeit hatte daher auch auf den WEV verheerende Auswirkungen. Nach dem Krieg sanierte sich der Verein durch die enorm beliebte „Eisrevue“, die zunächst im Freien stattfand und später in die Halle (erst Messepalast, dann Stadthalle) verlegt wurde. In den 70er-Jahren ging die Eisrevue im Konkurrenzprodukt „Holiday on Ice“ auf.
Grenze zur Vorstadt
Eine wichtige Einnahmequelle für den WEV waren und sind Vermietungen des im Sommer eisfreien Platzes. Es gab Tennisplätze Beachvolleyballturniere oder Opernaufführungen; bei den Wiener Festwochen zeigte die Extremperformerin Florentina Holzinger dort zuletzt einen Auto-Stunt.
Tief ins Gedächtnis der Stadt gebrannt hat sich das bis in die 90er-Jahre veranstaltete „Catchen am Heumarkt“; die wienerische Ausprägung der Showsportart Wrestling brachte Lokalmatadore wie Schurl Blemenschütz oder Otto Wanz hervor und animierte auch das Publikum zu Höchstleistungen: „Sauf eam a Aug aus, des andere lass eam zum Wanen!“
Die Lothringerstraße markiert die Grenze zwischen erstem und drittem Bezirk; der Heumarkt liegt jenseits der Grenze. Man kann sagen: Mitten im Zentrum fängt hier die Vorstadt an.
Das am 6. März 1964 eröffnete Hotel Intercontinental machte Wien schlagartig um Jahrzehnte moderner. Es war das erste Haus einer internationalen Hotelkette in Wien; mit seinen 502 Zimmern war der muschelweiße Kubus damals das größte Hotel der Stadt, samt der größten Tiefgarage von Wien.
Telefon im Bad
Sogar die Badezimmer hatten Telefonanschluss, und in der Lobby gab es einen Check-in-Schalter für Fluggäste – die Intercontinental-Gruppe war eine Tochter der US-Fluglinie Pan Am.
Der Eislauf-Verein musste für das Hotel seine Fläche auf 6.000 m² verkleinern; die einst vom Jugendstilarchitekten Ludwig Baumann errichteten Vereinsgebäude wurden geschleift. Der WEV wurde finanziell entschädigt; Teil der Vereinbarung war seinerzeit auch, dass der Eislaufverein die Kühlung des Hotels übernimmt.
Die Anzahl der Zimmer wurde sukzessive auf 392 reduziert; daran sieht man, wie viel mehr Platz die Menschen inzwischen brauchen. Den prachtvollen, riesigen Luster über der Hotelbar gibt es immer noch; ansonsten aber ist vom schicken Sixties-Flair in der Lobby kaum noch eine Spur; seit einer großen Umgestaltung sieht es dort heute kitschig und überladen aus wie in vielen Hotels.
Café am Heumarkt
Im Haus Am Heumarkt 15, gleich hinter dem „Intercont“, befindet sich eines der ältesten und urigsten Kaffeehäuser der Stadt, das Café am Heumarkt. Es wird in dritter Generation von den Brüdern Alexander und Michael Tomoff, beide um die 70, betrieben. Wer noch nie dort war, kennt das Café wahrscheinlich aus Film und Fernsehen: Es ist ein beliebter Drehort, weil die Zeit hier stehen geblieben ist. Renoviert oder gar umgebaut wurde hier seit Jahrzehnten nicht.
Zum Projekt „Heumarkt Neu“ hat Alexander Tomoff „eigentlich keine Meinung“. Nur eines fällt ihm dazu ein. Einmal ist er zum Belvedere raufgegangen und hat den Canaletto-Blick ausprobiert. „Da schaut man auf ein Wien, das noch keine Großstadt ist“, sagt er. Man könne sich tatsächlich vorstellen, wie das einmal ausgesehen hat.
Über sein Kaffeehaus sagt Tomoff: „Zu uns kommen junge Leute, aber wir sind kein Jugendtreff. Und es kommen alte Leute, aber wir sind kein Seniorenlokal.“ Er meint damit: Das Café Heumarkt will es keinem recht machen und bietet gerade deshalb für alle was. Das kann man vom ganzen Heumarkt irgendwie auch sagen.
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