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Welterbe und Wien: Zeit für Architektur-Debatten ohne Vergangenheitsfetisch

Gut, dass Wien nun nicht mehr auf der Roten Liste der UNESCO steht. Jetzt können wir versuchen, ohne Vergangenheitsfetisch über Architektur zu reden.
Georg Leyrer
Heumarkt-Areal

Nein, auch mit dem Tojner-Hochhaus im nunmehrigen zusammengestutzten Vollausbau wird der Heumarkt nicht der schiachste Ort der Wiener Innenstadt. Hat die UNESCO-Kommission auf ihren Rote-Liste-Missionen den Weg auch mal zum Schwedenplatz gefunden? Dort wurden die Bombenwunden der Stadt mit schmucklosen, hohen Zweckbauten zugepflastert, noch bevor vom Welterbestatus und seiner Gefährdung überhaupt die Rede war. Zählt also offenbar nicht.

Die jahrelange Debatte um den geplanten Neubau gegenüber dem Konzerthaus war insgesamt so erwartbar wie unterinspiriert: Es standen einander die krudesten Positionen gegenüber. Nein, eh soll das Allgemeingut Stadt nicht zur Gewinnmaximierung Einzelner mit fader Investorenarchitektur verbaut werden. Viel Glas, viel Stahl, viel Kubatur – viel Langeweile. Aber die völlig willkürliche Festschreibung eines beliebigen stadthistorischen Zustands, wie ihn sich die UNESCO-Denkmalschützer auf die Fahnen geschrieben haben, muss ebenfalls dringend grundsätzlich hinterfragt werden.

Dazu müssen wir lernen, geschmacks- und argumentationssicher über Architektur zu sprechen. Bei diesem Thema verlieren leider auch die vernünftigsten Menschen sofort jede Urteilskraft. Mei, wie haben die früher schön gebaut! Aber heute? So hässlich! Derart kruder Vergangenheitsfetisch wäre kaum woanders noch denkbar.

In den aufgeregten Debatten über das Bauen werden die unsinnigsten Vergleiche ernsthaft ausargumentiert. Ungeniert und selbstsicher vergleicht man ohne weitere Denkleistung etwa gerne die Prachtbauten der Gründerzeit („schön“) mit den heutigen Wohnbauten („schiach“). Dass hinter den geschmückten Fassaden früher oft und oft Wohnungselend geherrscht hat? Egal. Dass die vielgeschmähten Wohnbauten von heute in Wahrheit die Nachfolger der einstigen Miethaikasernen am Stadtrand – und im Vergleich mit diesen natürlich purer Luxus sind? Passt nicht ins Bild vom „Früher war alles schöner“.

Genau anhand dieser verlotterten Linien nun wurde und wird über jedes Haus in Wien debattiert, das mutig seinen Kopf aus der Vergangenheit hochstreckt. Diese Stadt darf nicht leben, sondern muss eingefroren werden. Übrigens in einer Vergangenheit, die es so nicht gab: Wie fiktiv und schönfärberisch der „Canaletto“-Blick, an dem der Heumarkt bis heute gemessen wird, in Wirklichkeit war, zeigt derzeit eine spannende Ausstellung im Kunsthistorischen Museum. Gemalt wurde das Bild übrigens 1759/’60. Das kann doch heute kein Argument mehr sein.

Gut, dass Wien nun von der Roten Liste genommen wurde. Und ein guter Anlass auch für die UNESCO, ihre Kriterien zu überdenken. Stadt ist längst etwas anderes.

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