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Technokraten mit Pinsel und Gefühl: KHM zeigt "Canaletto & Bellotto"

Das Museum stellt jene Maler vor, die die Vorstellung von historischen Stadtansichten prägten. Doch ihre Bilder waren stets gute Erfindungen.
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Jedes Bild trägt ein Versprechen in sich: Das, was da gezeigt wird, könnte tatsächlich einmal so da gewesen sein.

Es gibt zwar viele Argumente, das nicht zu glauben (KI-generierte Bilder haben diese vervielfacht), doch ein Restverdacht bleibt. Und Exaktheit und technologische Präzision befeuern nicht erst seit gestern das Vertrauen jener, die gern gut abgesichert den Graben vom Glauben zum Wissen überschreiten.

Wenn das Kunsthistorische Museum mit seiner Frühjahrsschau nun zu einer „Zeitreise“ ins 18. Jahrhundert einlädt, ist das also kein rein nostalgisches Unterfangen: Es gilt auch, sich in den Perspektivenwechsel einzufühlen, der sich damals durch die beginnende Aufklärung und das Aufkeimen einer wissenschaftlichen Weltsicht im Gefolge von Isaac Newton, Gottfried Wilhelm Leibniz & Co. abzeichnete.

Technik und Gefühl

Die gestochen scharfen, genau konstruierten Stadtansichten, die Giovanni Antonio Canal (1697–1768) und sein Neffe Bernardo Bellotto (1721–1780) mit großem Erfolg anfertigten, sind also zunächst einmal Zeitgeist- und nicht bloß Zeitdokumente.

KHM-Kurator Mateusz Mayer vermittelt das am Start der dicht arrangierten Schau mit einer „Camera Obscura“, einer Vorform der Fotokamera, die möglicherweise dem älteren der beiden Künstler gehörte. Dass beide unter dem Namen „Canaletto“ auftraten, ist bis heute ein Quell der Verwirrung.

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Die Lebenswege der beiden werden in der Schau aber bald unterscheidbar: Antonio Canal, der ursprüngliche Canaletto, versorgte zunächst vor allem englische Adlige, die auf ihrer „Grand Tour“ nach Italien kamen, mit Venedig-Ansichten. 

Als der Tourismus wegen Kriegshandlungen ins Stocken kam, ging er 1746 nach London und malte die Metropole so, als läge sie in Italien: In einer Ansicht von 1748 wimmelt es in der Themse vor Prunkschiffen wie zuvor am Canal Grande, im Hintergrund schickt sich die damals neu erbaute St. Paul’s Cathedral an, zum neuen Petersdom zu werden.

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Wille und Vorstellung

Die Frage nach dem Realitätsgrad der Darstellungen zieht sich durch die Schau, die sich allerdings bald dem Neffen Bernardo Bellotto zuwendet: Schließlich verfügt das KHM über 13 Ansichten von Orten in Wien und Umgebung, die der Maler 1759/’60 schuf, darunter den durch die Heumarkt-Debatten bekannten Ausblick vom Belvedere, der eigentlich korrekt „Bellotto-Blick“ heißen müsste.

Ein Werküberblick ergibt sich durch den Fokus auf die Wiener Arbeiten nicht: Bellottos reiches Werk in Dresden wird durch zwei Bilder nur angerissen, sein Schaffen in Warschau und München ist gar nicht präsent.

Im Vergleich erscheint Bellotto, der anders an sein Onkel nicht auf private Mäzene und den Kunstmarkt, sondern auf Arbeitsverhältnisse als Hofkünstler setzte, aber als der interessantere Maler: Ansichten Canalettos erscheinen häufig noch wie Kulissen, in die Personen wie Spielfiguren hineingesetzt wurden (tatsächlich war der Vater des Malers Bühnenbildner). Bellottos Gemälde hingegen vermitteln Atmosphäre, Details wirken glaubwürdiger, lebendiger und organischer.

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Die Spannung zwischen exakter Berechnung und unmittelbarer Anschauung löst sich nicht zuletzt im virtuosen Spiel des Malers mit perspektivischer Verzerrung, Licht und Schatten auf: Dieses wird in vielen Bildern zur eigentlichen Attraktion. Dass Bellotto in Wien Zentren der Wissenschaft in den Blick nahm, war wohl kein Zufall – in einer Ansicht wirft die Dominikanerkirche ihren exakt konstruierten Schatten auf das Jesuitenkolleg, den damaligen Sitz der Universität.

Berechnung und Erfahrung

Mittels KI animierte Versionen dieser Ansichten gibt es am Ende zum Drüberstreuen. Archivalien, die näher an den Geist der Zeit, seine Technikgläubigkeit und seine Widersprüche führen, bleiben aber bloße Fährten: Was bleibt, ist der Wunsch nach einem Epochenporträt, das die Fäden zusammenführt.

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