Welterbe: Internationale Unesco-Botschafter planen Heumarkt-Besuch
Bevor Mitte Mai der Song Contest in Wien gastiert, haben sich – deutlich weniger lautstark – hochrangige Gäste angesagt: Wie dem KURIER aus gut informierten Quellen bestätigt wurde, beabsichtigen die UNESCO-Botschafter mehrerer Länder, sich in der Endlos-Causa Heumarkt „selbst ein Bild machen zu wollen“. Und zwar vor Ort.
Der Grund: Bei der nächsten UNESCO-Sitzung im südkoreanischen Busan im Juli dieses Jahres soll endlich die Entscheidung fallen, ob das historische Zentrum Wiens von der Roten Liste der gefährdeten Welterbestätten gestrichen wird.
Dass die Wiener Innenstadt überhaupt auf der Liste steht, hat – wie vielfach berichtet – mit dem Heumarkt-Bauprojekt zu tun. Investor Michael Tojner will sein dortiges Hotel Intercontinental sowie das angrenzende Areal erneuern. Der Rechtsstreit, der seit Jahren tobt, füllt mittlerweile ganze Bücher.
Eine zweifelhafte Rolle in der Causa spielt der Denkmalbeirat ICOMOS (Internationaler Rat für Denkmalpflege). Er fungiert als eine Art Beratungsgremium des UNESCO-Welterbekomitees, das seinerseits über die Rote Liste entscheidet.
In der Realität hat sich ICOMOS in den vergangenen Jahrzehnten eine mächtige Position erarbeitet: Der Rat erstellt jene „Draft Decision“, auf Grundlage derer das Welterbekomitee bei den Sitzungen seine Überlegungen anstellt, ob eine Welterbestätte weiter auf der Liste verbleibt oder aber von ihr gestrichen wird.
Allerdings: Ob ICOMOS mit der übertragenen Verantwortung immer so sorgsam umgeht, darüber scheint man sich international nicht mehr ganz sicher zu sein. Wie zu hören ist, sprechen hochrangige UNESCO-Vertreter aus dem Ausland mittlerweile von „dubiosen Strukturen und Verzögerungstaktiken“, mit denen ICOMOS seine eigene Existenz abzusichern versuche.
Sprich: Statt an Lösungen für die gefährdeten Welterbestätten mitzuarbeiten, stelle ICOMOS „immer neue Forderungen“, damit die Stätten auf der Roten Liste verbleiben. Das Gremium beschaffe sich auf diese Weise selbst Arbeit für die nächsten Jahre, lautet der Vorwurfe.
Der Heumarkt, wo sich die ICOMOS-Experten auch nach mehreren Adaptierungen des Bauprojekts nicht zufrieden zeigen, ist dabei nur eines von vielen Beispielen. Auch in anderen Fällen erzählt man sich, dass die Streichung von der Liste bewusst von ICOMOS verzögert wurde.
So stand der senegalesische Nationalpark Niokolo-Koba ab 2007 auf der Liste, bevor es 2024 – nach 17 Jahren – gelang, ihn zu streichen. In Ägypten galt die Pilgerstätte Abu Mena gar von 2001 bis 2025 als gefährdet. Der neue UNESCO-Generaldirektor, der Ägypter Khalid El-Enany, kennt als einstiger Minister für Tourismus und Altertümer die schwerfälligen Verfahren wohl noch aus eigener Erfahrung.
Innerhalb des Welterbekomitees, dem diplomatische Vertreter aus 21 Ländern angehören, ist angesichts der Causa Heumarkt die Skepsis gegenüber ICOMOS jedenfalls weiter gewachsen, wie dem KURIER aus dem Umfeld bestätigt wird. Die Angaben von ICOMOS würden als „widersprüchlich“ wahrgenommen; teils seien „Informationen sogar ganz weggelassen worden“ – etwa mit Blick auf die vieldiskutierten Sichtachsen.
Der Heumarkt mit Eislaufverein und Konzerthaus: Die Renderings zeigen das Areal nach der Umgestaltung – Sommer (Aufmacherbild) wie
Winter.
Im Fokus steht einmal mehr der Canaletto-Blick
Im Fokus der Welterbehüter steht ja vor allem der sogenannte Canaletto-Blick (vom Oberen Belvedere aus), den manch einer in Gefahr sieht. (Die Debatten, ob es ihn je gab, füllen weitere Bücher.) Dass andere wichtige Blickwinkel und Sichtachsen, die sich mit dem Hotel-Neubau sogar verbessern würden (darunter etwa die Perspektive Lothringerstraße), in der Beurteilung weitgehend unbeachtet bleiben, ärgert Befürworter des Projekts seit Langem.
Gleich mehrere Vertreter des Welterbekomitees, das in Busan über den Verbleib Wiens auf der Roten Listen entscheidet, wollen sich nun vor der Sitzung „selbst ein Bild“ von der Lage in Wien machen. Zu den 21 Mitgliedsländern des Komitees zählen derzeit etwa Aserbaidschan, Bangladesch, Senegal, Türkei, Schweiz und Südkorea. Welche Botschafter in Wien zu erwarten sind, ist nicht bekannt. Wie zu hören ist, sei mit einer „namhaften Abordnung“ zu rechnen.
Treffen mit hochrangigen Politikern
Die Botschafter können sich ihrerseits auf einen gebührlichen – und parteiübergreifenden – Empfang einstellen. Auf KURIER-Anfrage bestätigte Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) seine Bereitschaft zu einem Treffen. Er wird in Sachen Heumarkt seit Februar von Ernst-Peter Brezovszky beraten, der die Rolle eines „Sonderbotschafters der Stadt Wien für das UNESCO-Welterbe“ übernommen hat. Der gut vernetzte Diplomat Brezovszky war unter anderem Generalkonsul in New York und zuletzt Österreichs Botschafter in Kopenhagen.
Auch der in der Bundesregierung für Auslandskultur und die UNESCO zuständige Staatssekretär Sepp Schellhorn (Neos) werde die Vertreter empfangen, heißt es aus seinem Büro. Man wolle der „Vermittlerrolle“ gerecht werden: Es sei wichtig, einen guten Kompromiss zwischen dem Entwicklungsinteresse der Stadt, den Plänen des Investors und dem Welterbeschutz zu finden. „Wir haben kein Interesse an einer Prolongierung. Ein weiteres Hinauszögern ist keine Lösung“, hört man aus dem Kabinett.
Dem Vernehmen nach will auch SPÖ-Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler die UNESCO-Vertreter treffen. Ebenfalls auf der Agenda stehen könnte ein Treffen mit Heumarkt-Investor Tojner sowie mit Matthias Naske, dem Intendanten des Konzerthauses.
Genauso wie die Verantwortlichen des Wiener Eislaufvereins drängt auch das Konzerthaus auf eine Lösung; beide Institutionen grenzen an das Hotel Intercont und werden von der Bauverzögerung in Mitleidenschaft gezogen. Naske schrieb zuletzt – wie berichtet – einen Brief an Schellhorn, in dem er das „Erbe Wiens als Welthauptstadt der Musik“ in Gefahr sah. Immerhin hat Tojner (siehe Renderings) angekündigt, mit dem Hotel-Neubau das gesamte Areal inklusive Eislaufverein generalzusanieren.
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