UNESCO-Welterbe: Wie Seine Exzellenz für Wien eine Mehrheit organisierte
Am frühen Montagmorgen schlug endlich die große Stunde jenes Mannes, der in den vergangenen Monaten geräuschlos im Hintergrund an der Sensation arbeitete: Peter Brezovszky. Der pensionierte Diplomat übernahm vor einigen Monaten für Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) eine Herkulesaufgabe: Er sollte für die Stadt – und in enger Abstimmung mit dem Bund und dem Heumarkt-Investor Michael Tojner – endlich jenen Meinungsumschwung in der UNESCO herbeiführen, der Wien von der Roten Liste des gefährdeten Welterbes bringt.
Brezovszky erhielt den Titel eines „Sonderbotschafters“ – und zückte jene Waffen, die der Stadt in ihren Bemühungen zuvor gefehlt hatten: diplomatische Erfahrung, internationale Kontakte, Fingerspitzengefühl, Verschwiegenheit – und den Instinkt für das richtige scharfe Wort an geeigneter Stelle.
Günstige politische Konstellation
In den Jahren zuvor war der damalige SPÖ-Landtagspräsident Ernst Woller führend mit der Causa befasst. Er scheiterte aber an den diplomatischen Machtspielen in der UNESCO, die er zunehmend heftig öffentlich attackierte – was das Verhältnis zwischen Wien und den Welterbeschützern weiter trübte. Zuletzt ging gar nichts mehr.
Das Problem: Investor Michael Tojner wurde immer ungeduldiger; immerhin verfällt das derzeitige Hotel Intercontinental (bei laufendem Betrieb!) zunehmend. Auch der am Heumarkt-Areal angrenzende Eislauf-Verein und das Konzerthaus drängten auf eine Lösung. Irgendwann war allen Beteiligten klar: Bei der UNESCO-Sitzung in Busan will – und muss – man alle Kräfte mobilisieren und einen (letzten?) gut koordinierten Versuch wagen, die Streichung von der Roten Liste zu erwirken.
Erleichternd kam hinzu, dass die politische Konstellation günstig ist: In Wien und im Bund sind die SPÖ und die Neos in einer Koalition und in den entscheidenden Positionen. Die ÖVP, die in der Heumarkt-Causa stets kritisch war, ließ man außen vor. Gemeinsam mit Ludwig setzten sich zuletzt vor allem Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) und der Außenamts-Staatssekretär Sepp Schellhorn (Neos) für eine Lösung ein. Letzterer reiste sogar erst unlängst in halb-geheimer Mission nach Paris zur UNESCO.
Die Strategie, die zum Ziel führen sollte: Man versuchte in Wien erst gar nicht länger, das Welterbezentrum der UNESCO oder gar den kritischen Denkmalbeirat ICOMOS von der Welterbetauglichkeit des Heumarkt-Projekts zu überzeugen. Sondern wandte sich direkt an die Botschafter der 21 Länder, die im entscheidenden Welterbekomitee sitzen. Sie waren es letztlich, die dafür sorgten, dass Wien von der Liste gestrichen wurde.
Der strategische Höhepunkt
Man müsse „Stärke zeigen“, bekräftigten Insider im Vorfeld immer wieder im Gespräch mit dem KURIER. Und das tat man auch: Man empfing im Mai die Botschafter in Wien zu einer Fact-Finding-Mission – Termin mit Ludwig, Babler und Schellhorn inklusive. Dann folgte der strategische Höhepunkt.
So soll das Projekt von Michael Tojner aussehen.
Üblicherweise publiziert der Denkmalbeirat ICOMOS vor jeder Welterbe-Sitzung eine „Draft Decision“ – also einen Entscheidungsentwurf, dem die Komitee-Mitglieder zumeist auch folgen. Im Falle des Heumarkt-Projektes war klar, dass ICOMOS weiter den Verbleib auf der Roten Liste empfehlen würde.
Daher preschte Österreich mit einer eigenen „Draft Decision“ vor, die Schellhorn in Paris präsentierte und in der man die Streichung von der Roten Liste argumentierte. Mit im Gepäck hatte man auch ein Image-Video, in dem sich klingende Namen (bis hin zum Wiener Tourismusdirektor Norbert Kettner) für das Heumarkt-Projekt aussprachen. Auch Brezovszky war im Video zu sehen.
In den vergangenen Wochen eilte er, wie zu hören war, in Paris von Termin zu Termin, legte sich mit Mächtigen an – und überzeugte den einen oder anderen von seiner Mission. Das beherrscht Brezovszky: Er formuliert geschliffen und hat – mit schelmischem Blick – immer eine Geschichte auf Lager.
Der 1961 Geborene blickt auf eine lange Laufbahn im diplomatischen Dienst zurück; er war unter anderem als Generalkonsul in New York tätig, vertrat Österreich in den 2010er-Jahren als Botschafter in Kopenhagen und fungierte als UNESCO-Referatsleiter im Außenministerium. Mit dem Erfolg in Busan hat Brezovszky – so formulieren es Begleiter des Heumarkt-Projektes – sein „Meisterstück“ vorgelegt.
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