Welterbe: Ein Finale, bei dem Österreich Favorit ist
Eine Frage in der UNESCO-Sitzung: Bleibt Wien wegen der Heumarkt-Causa auf der Roten Liste des gefährdeten Welterbes?
Während sich in Amerika vier Teams für die WM-Halbfinalspiele qualifiziert haben, wartete am anderen Ende der Welt – konkret im südkoreanischen Busan – ein Finale, dessen Kontrahenten bereits feststehen: ICOMOS, der Denkmalbeirat der Welterbeinstitution UNESCO auf der einen Seite – und die Republik Österreich auf der anderen.
Es geht – wie vielfach vom KURIER berichtet – um die Rote Liste des gefährdeten Welterbes, auf der das historische Zentrum Wiens aufgrund der sogenannten Heumarkt-Causa steht.
Österreichs Begehr: Bei der UNESCO-Sitzung in Südkorea, die ab 19. Juli mit bis zu 3.000 Gästen aus 196 Nationen über die Bühne geht, soll Wien endlich von der Liste gestrichen werden. Dass das in den vergangenen Jahren nicht geklappt hat, lag vor allem an ICOMOS, dessen Experten die Baupläne von Investor Michael Tojner auf dem Heumarktareal als Welterbe-schädlich einstuften.
Handlungsempfehlungen noch nicht veröffentlicht
Schenkt man Insidern Glauben, dann steht dieses Jahr – um in der Fußballsprache zu bleiben – ein wahrer Finalkrimi bevor. Denn: ICOMOS spiele schon im Vorfeld unsauber, ist zu hören. Üblicherweise veröffentlicht der Denkmalbeirat rechtzeitig vor den Sitzungen seine sogenannten „Draft Decisions“, also Handlungsempfehlungen, wie mit den Welterbestätten auf der Roten Liste zu verfahren sei. Die Draft Decision für Wien war eigentlich für Freitagabend angekündigt – bis heute ist sie nicht publiziert.
Insider gehen davon aus, dass sie erst am Montag in den Abendstunden übermittelt wird. Sprich: deutlich zu knapp vor Sitzungsstart in Busan, als dass Österreich noch darauf reagieren könnte. Es ist davon auszugehen, dass ICOMOS bei seinem Njet der vergangenen Jahre bleibt und Wien weiter auf der Roten Liste halten will.
Welche Chancen hat Österreich?
ICOMOS-Kritiker – und derer gibt es, wie berichtet, international immer mehr – sehen in der Verzögerung böse Absicht. ICOMOS und das Welterbezentrum seien gar nicht an einem Kompromiss interessiert, lautet der Vorwurf.
Dennoch – oder gerade deshalb – hat Österreich gute Chancen, als Sieger vom Platz zu gehen: In Busan will man, sollte eine Vorab-Einigung mit ICOMOS ausbleiben, nicht länger stillhalten, sondern eine Abstimmung über die Causa erwirken. Dabei müssen zumindest 14 der 21 im Welterbekomitee vertretenen Nationen dafür stimmen, dass Wien von der Roten Liste gestrichen wird.
Die diplomatischen Vorarbeiten laufen bereits seit Längerem auf Hochtouren: So waren Botschafter aus den betroffenen Ländern im Mai auf Fact-Finding-Mission in Wien, auch bilaterale Gespräche laufen. Zuletzt reiste, wie der KURIER erfuhr, sogar der für die Republik zuständige Außenamts–Staatssekretär Sepp Schellhorn (Neos) nach Paris, um der österreichischen Position Nachdruck zu verleihen.
Eigenes Dokument aus Österreich
Bei den Botschaftern der 21 Nationen des Welterbekomitees sind unterdessen wirkmächtige Unterlagen eingegangen. Österreich hat diesmal seine eigene Draft Decision erarbeitet, die man jener von ICOMOS entgegenhalten will. Das Dokument ist bereits vor drei Wochen bei den Botschaftern der Welterbekomitee-Staaten und beim Welterbezentrum eingegangen - und es liegt auch dem KURIER vor.
Auf vier eng beschriebenen Seiten wird detailliert aufgelistet, welche Bemühungen die Stadt Wien und Projektentwickler Tojner in den vergangenen acht Jahren angestellt hätten, um die Weiterentwicklung des Heumarkt-Areals mit dem Welterbe in Einklang zu bringen. Punkt 15 der österreichischen Draft Decision bringt es dann auf den Punkt: Wien solle von der Roten Liste gestrichen werden.
Als zusätzliche Entscheidungshilfe für die Botschafter soll ein knapp sechsminütiges Video dienen, das die Heumarkt-Proponenten gedreht haben und das der KURIER einsehen konnte: Darin sind Aufnahmen des Ist-Zustandes am Heumarkt ebenso zu sehen wie die Zukunftsperspektive. Die Zahl der Fürsprecher, die im Video zu Wort kommen, ist groß.
Wer setzt sich ein?
Neben Tojner selbst sprechen unter anderem der Wiener Sonderbotschafter Ernst-Peter Brezovszky, Christina Schwarz, (die Kaufmännische Direktorin des Wien Museums), Tourismusdirektor Norbert Kettner, Christoff Beck (Eislaufverein) und Wertinvest-Geschäftsführerin Daniela Enzi zu den Zusehern.
Der Tenor ihres auf Englisch vorgetragenen Appells: Man erhoffe sich vom Welterbekomitee eine Entscheidung, die das Areal in eine gute Zukunft führt. Wie zu hören ist, kommt das Video bei den Adressaten gut an.
Freilich: Wie die Entscheidung (die in Busan wohl am 21. Juli auf der Tagesordnung ist) ausgehen wird, steht in den Sternen. Nach KURIER–Informationen kommen positive Signale unter anderem von den Welterbekomitee-Mitgliedern Bangladesh, Ukraine, Aserbaidschan, Armenien, Türkei, Kenia, Senegal, Tanzania und Togo – weitere dürften folgen.
Aber es ist (erneut) wie im Fußball: Der Gewinner steht erst nach dem Schlusspfiff fest. Zu hoffen bleibt jedenfalls, dass die Causa in Busan nicht erneut in die Verlängerung geht . . .
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