Die einen verehren ihn, für andere ist er ein rotes Tuch: Verkehrsplaner Hermann Knoflacher polarisiert.

© Kurier/Franz Gruber

Chronik Wien
03/08/2021

Hermann Knoflacher: "Wien ist seit Jahrzehnten mein Patient"

Der KURIER sprach mit dem Verkehrsplaner über den Lobautunnel, das Virus Auto und über ein Nazi-Gesetz, das wir nach wie vor befolgen.

von Bernhard Ichner, Andreas Puschautz

Er zählte lange zu den umstrittensten Verkehrsplanern Österreichs. Und auch heute noch stoßen Hermann Knoflachers pointiert formulierten Forschungsergebnisse immer wieder auf Kritik. Für seine Anhänger ist er ein Vorreiter, für seine Gegner ein Verhinderer. 

In Wien gehen zahlreiche verkehrspolitische Weichenstellungen auf die Rechnung des emeritierten ehemaligen Leiters des Instituts für Verkehrsplanung und Verkehrswesen an der TU.

So zählt der geistige Vater der autofreien Innenstadt etwa zu seinen größten Erfolgen, dass Bürgermeister Felix Slavik 1972 der geplanten Gürtelautobahn eine Absage erteilte. 1974 habe er die Ring-Straßenbahn gerettet, erzählt Knoflacher. Und in weiterer Folge sei es ihm gelungen, das Fahrrad im Wiener Verkehrskonzept zu verankern. Auch an der Fußgängerzone in der Kärntner Straße war er beteiligt. 2004 bis 2018 war er außerdem Vorsitzender des Fahrgastbeirats der Wiener Linien.

Zuletzt ließ der 81-jährige Verkehrsplaner mit seiner Kritik am Lobautunnel aufhorchen. Dessen Bewilligung wäre ein Schuss ins Knie, richtete er der Politik via Medien aus. 

Der KURIER bat ihn zum Interview. 

"Verkehr ist nur ein Symptom"

KURIER: Herr Professor, fahren Sie mit dem Auto?
Hermann Knoflacher: Ich hab keines, aber fallweise fahr ich. Wenn ich etwas transportiere wie Holz oder Mist. Dinge, die in keine Aktentasche passen. Aber generell fehlt mir die Zeit zum Autofahren. Wir haben in Wien oder in Klosterneuburg, wo ich wohne, aber auch Rahmenbedingungen, die es leicht machen, ohne Auto zu leben.

Sie haben zuletzt als strikter Gegner des Lobautunnels aufhorchen lassen. Sie haben die Stadt Wien zwar oft verkehrsplanerisch beraten, in diesem Fall sitzen Sie aber im Boot der Gegenseite. Geht das, kann man gleichzeitig Experte und Aktivist sein?
Jeder Experte ist Aktivist. Der eine für die Lobbys, der andere für die Bürger. Letzterer wird als Aktivist bezeichnet, während die Lobbys dafür sorgen, dass der andere als Experte wahrgenommen wird. Außerdem wird Projektierung – also die Ausführung eines Projekts – gern mit der Verkehrsplanung verwechselt. Dass es Konflikte zwischen den  Projektbetreibern und jenen, die eine viel weitere Sicht haben, ist ganz natürlich.  

Bleiben wir beim Lobautunnel: Sie sagen, dieser schade Natur und Wirtschaft, führe zu mehr Autoverkehr und konterkariere Österreichs Klimaziele. Die SPÖ hält in seltener Einigkeit mit ÖVP und FPÖ aber am Projekt fest. Hört man in Wien nicht mehr auf Sie?
Ich hab nicht den Eindruck. Obwohl Wien viele Erfolge darauf aufbauen konnte, dass man mir einst zugehört hat. Aber nicht nur ich werde nicht gehört. 2003 hat die Stadtplanung in einer Studie nachgewiesen, dass die S1 die falsche Lösung ist. Für die Stadt ist das nicht gesund. Wien ist sozusagen ein Patient, den ich über Jahrzehnte behandelt habe. Deshalb mache ich mir Sorgen wegen bestimmter Entwicklungen. Denn ich mag Wien sehr.

Warum hört man Ihnen nicht mehr zu?
Das weiß ich nicht. Muss man auch nicht. Es würde schon reichen, wenn man überprüfbare Sachargumente logisch nachvollzieht. Ich vertrete keine Meinung, sondern Faktenwissen. Wenn ich als Stadt Ziele – etwa punkto Modal Split oder punkto Klima – definiere, dann darf ich keine Maßnahmen setzen, die verhindern, dass ich diese Ziele erreiche. Das würde aber stattfinden, wenn der Lobautunnel gebaut wird.

Themenwechsel. Sie haben in einem Interview gesagt, das größte Verkehrsproblem unserer Zeit sei die Dummheit. Autofahrer würden sich gut fühlen, während sie die Natur zerstören und würden sich durch die Kraft ihres Autos stark fühlen. Sagen Sie das auch zu einer Mutter, die mit zwei kleinen Kindern den Wochenendeinkauf für die ganze Familie erledigen muss oder zu einem Pendler aus dem tiefsten Waldviertel, der täglich nach Wien rein muss? 
Wir sind alle der Komplexität, die durch unsere technische Umwelt entstanden ist, nicht gewachsen. Dumm ist aber nicht das Individuum – sondern jene, die Situationen geschaffen haben, in denen sich die Menschen gefangen fühlen.

Also etwa Verkehrsplaner.
Natürlich, auch. Ich habe ja selber Dinge, die heute falsch sind, vor 50 Jahren gemacht. Heute findet ein Paradigmenwechsel statt. Die alten Kernhypothesen sind widerlegt. Interessanterweise sind immer die, die von meinen Planungen am meisten profitieren, zunächst die vehementesten Gegner. Wie etwa die Kaufleute in der Fußgängerzone Kärntner Straße. Aber keine meine Operationen am Körper einer Stadt hat bisher Schaden verursacht.

Kommen wir zum Modal Split. Es gibt weltweit nur wenige Städte, die den Anteil am motorisierten Individualverkehr am Modal Split unter 25 Prozent drücken konnten. Wir sollen Menschen vom Land das Auto stehen lassen können?
Indem ich Geldströme umlenke. Wir haben ja ein völlig falsch aufgestelltes System, das die Zentren fördert, indem etwa im Finanzausgleich bestimmte zentrale Leistungen besonders gefördert werden. Also versuchen die Städte die Einwohnerzahlen zu erhöhen, damit sie mehr Geld bekommen. Stattdessen bräuchten wir ein Finanzsystem, das jene Gemeinden fördert, die einen Ausgleich zwischen den ansässigen Arbeitskräften und den zur Verfügung stehenden Arbeitsplätzen herzustellen versuchen. Arbeit muss dorthin, wo die Menschen wohnen. Dafür brauchen wir eine andere Art der Ausbildung und ein anderes Denken. Wenn man Verkehr angreift, muss man alles angreifen. Verkehr ist ja nur ein Symptom für einen bedenklichen Zustand im System.

Sie haben immer wieder davor gewarnt, dass Maßnahmen wie die Citymaut oder Benzinpreiserhöhungen nur in die soziale Falle führen. Aber wie bekommt man die Autos aus der Stadt, wenn nicht über finanzielle Hebel?
Über die physische und die finanzielle Veränderung. Wo heute ein Auto steht, haben wir in Zukunft eben keines – dafür Bäume, Grünflächen und Bewegungsräume für Kinder. Corona hat den Bedarf ja aufgezeigt. Wir hätten weniger Menschen, die sich in ihren Wohnungen gefangen fühlen. Und finanziell ist die Förderung des Autos abzuschaffen. Man muss Strukturen schaffen, in denen es für die Menschen leichter ist, zu Fuß zu gehen, mit dem Rad zu fahren oder Zugang zum öffentlichen Verkehr zu finden, als mit dem Auto zu fahren. Aber das geht nicht von heute auf morgen.

Wo müsste man ansetzen, um Ihre Visionen zu realisieren?
Nicht in der Verkehrsplanung. Sondern in der Bodenpolitik, in der Raum- und in der Stadtplanung. Der Verkehr macht ja seit Jahrzehnten nichts anderes als die Mängel der Planung zu kompensieren. Das ist nicht zuletzt durch die Reichsgaragenordnung entstanden – wir exekutieren ein Gesetz von 1939, das das Ziel hatte die Motorisierung zu fördern, um Amerika  zu überholen. ,Ziel des Führers’, steht in der Präambel.  Jetzt haben wir die absurde Situation, dass die Leute zurecht über die hohen Wohnungsmieten jammern - aber sie wissen nicht, dass im Keller unten ca. 20 Prozent der Mietkosten fürs Auto aufgewendet werden. Wenn ich das in Ordnung bringe, werden weniger Wege mit dem Auto zurückgelegt. 

Kommen wir zum Rad. Wie ließe sich der Radverkehr fördern?
Es muss eine sichere Umgebung geben für Radfahrer. Und der Zugang zum Rad muss schneller sein als zum Auto. Wien versucht, dem Radverkehr in den kritischen Bereichen zu seinem Recht zu verhelfen. Darin waren die Grünen sehr gut. Radlwege auf der grünen Wiese machen keinen Sinn. 

Sie sprechen vom „Virus Auto“ und haben in den 70ern das Gehzeug entwickelt – einen Holzrahmen, der demonstrieren soll, wie absurd viel Platz ein Auto einnimmt. Ist diese Karikatur in Zeiten eines anderen Virus, in denen Abstand das Maß aller Dinge ist, nicht irgendwie überholt?
Sehr gute Frage. Beides ist asozial. Also: Fühlen sich die Menschen wohl mit der Abstandsregelung? Oder brauchen sie Berührung, Zuwendung, vielleicht eine Umarmung? Wenn die Antwort Ja lautet, dann passt das genau aufs Auto. Und das ist eine wunderbare Bestätigung meiner Bezeichnung des Autos als Virus. 

Letzte Frage: Woran sind Sie gescheitert?
Ich scheitere immer wieder. Wenn ich etwa zuschauen muss, wenn der Patient trotz richtiger Therapie das Falsche macht. Und wenn die Politik falsche oder feige Entscheidungen trifft, die den Menschen nicht helfen. Der Verkehr ist wie gesagt nur ein Symptom.  

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