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Chronik Wien
11/08/2019

Bundesheer hilft am Jüdischen Friedhof

32 Soldaten werden eine Woche lang verwilderte Ruhestätte vom Gestrüpp befreien.

von Anna-Maria Bauer

Es ist eine ungewöhnliche Adresse, an der für 32 Soldaten am Montag der Dienst beginnen wird: Schrottenbachgasse 3, 1180 Wien. Die Adresse des jüdischen Friedhofs in Währing.

Das österreichische Bundesheer wird eine Woche lang auf dem Gelände Unterstützungsleistungen anbieten. „Handwerkliche, manipulative Tätigkeiten“, heißt der offizielle Auftrag. Konkret bedeutet das: Die verwilderte, zugewachsene Ruhestätte wird von Gestrüpp befreit. Verteidigungsminister Thomas Starlinger hat ein entsprechendes Ansuchen des Vereins „Rettet den Jüdischen Friedhof Währing“ angenommen.

Dieser Verein ist 2017 vom Unternehmer Günther W. Havranek und Ariel Muzicant, Ex-Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), gegründet worden.

Sein Ziel ist es, den Jüdischen Friedhof als Zeugnis der Stadtgeschichte wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Derzeit ist das Sicherheitsrisiko aufgrund der umgefallenen, überwachsenen und wackeligen Grabdenkmäler zu groß.

Salonière und Ritter

Eröffnet im Jahr 1784 war der Friedhof knapp 100 Jahre die Hauptbegräbnisstätte der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Insgesamt sollen 30.000 Personen hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Es liegen Größen wie Mäzenin und Salonière Fanny von Arnstein oder Gustav Ritter von Epstein begraben.

1880 wurde der Friedhof geschlossen, in der NS-Zeit ist er teilweise zerstört worden und danach verwildert.

Seit 2006 gibt es zwischen Land, Bund und Experten eine Debatte über die Sanierung.

Gemeinsam mit Freiwilligen hat der Verein in den vergangenen Jahren den Großteil des 20.000 Quadratmeter großen Areals bereits von Unterholz befreien können.

Rund 4.000 Quadratmeter sind noch übrig. Der Verein hofft, dass die Soldaten das letzte Gestrüpp kommende Woche entfernen können.

Anschließend könnte die nächste Phase der Sanierung beginnen; in einem kleinen Testgebiet haben Archäologen bereits damit begonnen: Zunächst wird überprüft werden, ob sich Grabsteine unter der Oberfläche befinden, anschließend werden die Steine statisch gesichert und von Steinmetzen so aufgerichtet, dass sie nicht mehr umfallen können.

Noch eine Dekade

Bis das erreicht ist, dauert es aber wohl noch eine Zeit. „Vielleicht fünf bis zehn Jahre“, schätzt Jennifer Kickert, grüne Gemeinderätin und Vereinssprecherin. Auch die Pflanzen am Areal müssen weiter im Auge behalten werden. Einige kranke Bäume müssen gefällt werden.

Die strukturelle Sanierung aller Gräber ist geplant, es melden sich aber auch immer mehr Einzelpersonen oder Institutionen, die einzelne Gräber erneuen möchte. Bereits restauriert wurde das Grab des Bankiers und Großindustriellen Hermann Todesco durch die Nationalbank. Die B & C Stiftung möchte wiederum die Sanierung des Grabes von Großhändler Joachim Ephrussi übernehmen. (Er war 1860 der weltgrößte Getreideexporteur.) Und die ehemalige Unternehmerin und Autorin Susanne Schober-Bendixen wird die Restaurierung eines besonderen Grabes übernehmen. Im Zuge von Recherchen hat sie erkannt, dass ihr Urururgroßvater Emanuel Redlich hier begraben liegt.

Der Jüdische Friedhof Währing  war nach seiner Eröffnung im Jahr 1784 die Hauptbegräbnisstätte der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Neben dem Sankt Marxer Friedhof ist er der letzte erhaltene Friedhof Wiens im Stil des Biedermeier. Er wurde in der NS-Zeit  teilweise  zerstört.

Der Verein „Rettet den Jüdischen Friedhof Währing“ öffnet die Ruhestätte in regelmäßigen Abständen für Interessierte. Die nächsten Plätze für Führungen gibt es am 8. Dezember um 11 und 13 Uhr. Anmeldung unter juedischer.friedhof@gruene.at erbeten.