Gleichstellung: Ist Wien wirklich die „Stadt der Frauen“?

Am Mittwoch wird die neue Frauenstadträtin Elke Hanel-Torsch angelobt. Eine Bestandsaufnahme, wie es um Wien bestellt ist.
Das Wiener Rathaus leuchtet abends, Bäume sind mit roten Lichtern geschmückt.

Es gibt kaum eine Rede, bei der Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) nicht betont, dass Wien die „Stadt der Frauen“ ist. Elke Hanel-Torsch wird am Mittwoch für eben diese verantwortlich sein, wenn sie als Frauenstadträtin angelobt wird.

Doch in welchem Zustand befindet sich die Stadt in puncto Gleichstellung wirklich? 

Kathrin Gaál und Elke Hanel-Torsch stehen vor Rednerpulten mit dem SPÖ-Logo im Hintergrund.

Frauenstadträtin Kathrin Gaál hält am Mittwoch ihre Abschiedsrede, Elke Hanel-Torsch übernimmt.

Wenn man den aktuellen Gleichstellungsindex, der vom Österreichischen Städtebund und der Arbeiterkammer erstellt wird, heranzieht, zeigt sich klar: An Wien kommt kein anderes Bundesland heran. Die Stadt erreicht 77 von 100 möglichen Punkten. Salzburg auf Platz 2 erreicht nur 53 Punkte (siehe Grafik). Der Österreich-Schnitt liegt gar bei nur 49 Punkten.

In die Erhebung fließen Faktoren wie Kinderbetreuung, Repräsentation, Gewaltschutz oder auch Gesundheitsversorgung mit ein. Die Pole-Position heißt aber nicht, dass es nicht noch Baustellen gibt. Eine Bestandsaufnahme.

Viel Weiblichkeit in der Stadtpolitik

Mit Ludwig ist zwar ein Mann an der Spitze, aber sonst ist die rot-pinke Stadtregierung mehrheitlich weiblich. Fünf amtsführende Stadträtinnen stehen zwei Stadträten gegenüber. Bei den nicht-amtsführenden Stadträten gibt es ein 50:50-Verhältnis. Im Wiener Landtag beträgt der Frauenanteil allerdings nur 40 Prozent. Das liegt vor allem an der FPÖ, unter ihren 22 Mandataren findet sich lediglich zwei Frauen.

Abgesehen von den nackten Zahlen zeigt sich, dass auch viele männliche Politiker Frauenpolitik betreiben. Demokratie-Stadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) hat sich erst vor wenigen Tagen auf Instagram mit einem Video zu Frauenfeindlichkeit zu Wort gemeldet. „Männergewalt ist ein Männerproblem“, ist darin zu hören. 

Peter Kraus und Theo Löcker von den Grünen machen in Videos auf Alltagssexismus aufmerksam. Und Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos), der auch Wien-Chef der Partei ist, bezeichnet sich selbst medienwirksam als Feminist. 

Laut Gleichstellungsindex ist man in der Frage der Repräsentation hauptsächlich bei der Anzahl von Managerinnen schlecht, hier erreicht Wien nur 35 Punkte (ist aber dennoch auf Platz 1 im Bundesländervergleich).

Gynäkologische Versorgung mangelhaft 

Im Jahr 2022 wurde die bisher größte Frauenbefragung in Wien durchgeführt, mehr als 15.000 Frauen nahmen damals daran teil. Besonders oft wurde der Wunsch nach besserer Versorgung geäußert. Unter anderem wurde ein Mangel an Gynäkologen angegeben.

Das spiegelt sich auch im Gleichstellungsindex wider. Wien büßte Punkte wegen des Teilindex Gynäkologie ein. Dort wurde der sehr geringe Wert von 34 erreicht. Zur Verdeutlichung: Bei Urologie erreicht Wien einen Maximalwert von 100. Im November hat Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) neun Gesundheitszentren für gynäkologische Anliegen angekündigt, derzeit gibt es null.

Problem: Angsträume und Abhängigkeit 

Dass Wien im Gleichstellungsindex beim Thema Gewaltschutz 100 Punkte erreicht, mutet auf den ersten Blick etwas überraschend an. Hier fließen aber hauptsächlich die Anzahl von Frauenhäusern, Beratungsmöglichkeiten für Frauen, aber auch für Männer mit ein. Infrastrukturell kann sonst niemand mit Wien mithalten.

In der Frauenbefragung zur Lebensrealität wurde freilich ein anderes Bild gezeichnet. Viele Frauen haben Abhängigkeitsverhältnisse und Gewaltbeziehungen angesprochen und auch die Schwierigkeiten, Gewaltspiralen zu entkommen. 

Ein großer Hinderungsgrund: zu wenige finanzielle Ressourcen. Auch im öffentlichen Raum gibt es Aufholbedarf. Angsträume müssten beseitigt werden, so der Sukkus der Befragung.

Große Herausforderung: Berufseinstieg 

Bei der Erwerbstätigkeit von Frauen hat Wien mit 53 Punkten zum einen noch viel Luft nach oben, zum anderen fällt es in diesem Bereich hinter Niederösterreich (54 Punkte). Besonders schlecht schneidet Wien bei der Arbeitslosenquote von Frauen ab, es sind nur 19 Punkte. 

Das zweitschlechteste Bundesland Kärnten hat 78 Punkte. Das ist wohl damit zu erklären, dass die Arbeitslosigkeit (bei beiden Geschlechtern) in Wien wesentlich höher ist als im Rest Österreichs.

42,8 Prozent der arbeitslosen Frauen in Wien haben maximal einen Pflichtschulabschluss, was einen Berufseinstieg oder auch einen Wiedereinstieg (meist nach familiären Betreuungspflichten) erschwert. Das kostete auch im Gleichstellungsindex beim Faktor Bildung Punkte, hier ist Wien mit 78 Punkten auf Platz 2 hinter Salzburg (82 Punkte). Es gibt bereits erste Initiativen wie die erst kürzlich neu ins Leben gerufene Frauenstiftung des Waff.

Top bei Betreuung, Mobilität und in Neubau

Bei Kinderbetreuungsmöglichkeiten hängt Wien mit 93 Punkten die anderen Bundesländer klar ab. Wien hat bereits 2009 den Gratis-Kindergarten eingeführt. Knapp 90 Prozent aller Betreuungseinrichtungen haben 45 Stunden pro Wochen und 47 pro Jahr geöffnet, sind also mit Vollzeit-Arbeit vereinbar.

Auch beim Punkt Mobilität kann sonst keiner mit der Infrastruktur Wiens mithalten. Hier zeigt sich das Stadt-Land-Gefälle besonders stark. Die Bundeshauptstadt erreicht 98 Punkte, die meisten anderen rund die Hälfte. 

Ein Fun-Fact zum Schluss: Würde man alle Gemeinden inklusive der einzelnen Wiener Bezirke reihen, wäre Neubau auf Platz 1 des Gleichstellungsindexes.

Kommentare