Chronik | Wien
14.06.2017

Gipfeltreffen der Imame im Islamischen Zentrum

Am Mittwoch unterzeichneten 312 Imame in Wien eine Erklärung gegen Terror und Extremismus. In Österreich die erste Aktion dieser Art.

Ein Zeichen gegen Terror und Extremismus setzen mehr als 300 Imame der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) mit ihrer gemeinsamen Deklarationder KURIER berichtete. Zu deren Verlesung durch IGGÖ-Präsident Ibrahim Olgun versammelte sich am Mittwoch ein Großteil der Geistlichen vor dem Islamischen Zentrum in Wien-Floridsdorf. Aus den Bundesländern waren 180 Imame angereist.

Zwar verurteilte die offizielle Vertretung der Muslime bis dato jeden islamistischen Terroranschlag. Bei jeder Gelegenheit. Auf ihrer Homepage, in den Moscheen und in öffentlichen Erklärungen. Bei der Mehrheitsbevölkerung käme dies aber nicht ausreichend an, Muslime und Terroristen, die die Religion missbrauchen, würden oft in einen Topf geworfen, meint der Koordinator der Deklaration, Ramazan Demir. Mit dem Schulterschluss der Imame wolle man nun der breiten Öffentlichkeit, aber auch illegalen Hinterhofmoscheen demonstrieren, „dass Terror und die friedliche Religion Islam nichts miteinander zu tun haben“, so Olgun.

Die Deklaration, die an sämtliche Parlamentarier, Medien sowie die anderen Religionsgemeinschaften übermittelt wird, ist zwar die erste gemeinsame Aktion der Imame gegen Terror. Es soll aber nicht die letzte bleiben. Noch im Sommer ist eine Menschenkette vom Islamischen Zentrum über die Donau bis zur nächsten katholischen Pfarre geplant.

Dem KURIER liegt die gesamte Erklärung vor, sie steht hier zum Download zur Verfügung.

Deradikalisierung

So beginnt die Deklaration, die einem Teil der muslimischen Community nicht weit genug geht, mit der Koran-Sure 5:32: "Wenn jemand einen Menschen tötet, so ist es, als habe er die ganze Menschheit getötet! Und wer einem Menschen das Leben rettet, so ist es, als habe er die ganze Menschheit gerettet."

Im Anschluss versichern die Imame, dass sie "mit aller Entschlossenheit alles tun werden, um das friedliche Zusammenleben in Österreich aufrecht zu erhalten". Nichts werde sie davon abbringen, sich für Freiheit, Gerechtigkeit oder auch die Chancengleichheit von Männern und Frauen einzusetzen. Zudem verurteilen die Geistlichen "die terroristischen und extremistischen Gewaltakte auf der ganzen Welt". Und sie betonen, "dass die Gräueltaten und Attentate der IS-Terroristen dem Islam widersprechen". Terror sei keiner Religion, Ethnie oder Kultur zuzuordnen.

Die Imame bekennen sich weiters zum "Festhalten an verfassungsrechtlichen Prinzipien der Republik Österreich" und unterstreichen die Bedeutung der Präventions- und Deradikalisierungsarbeit - insbesondere in der Jugendarbeit.

Gleichzeitig warnen sie vor einer "pauschalierten Stigmatisierung der muslimischen Bevölkerung" sowie vor antimuslimischen Ressentiments. Denn die dadurch aufgeheizte Stimmung sei erst recht idealer Nährboden für extremistische Tendenzen. Mit der Forderung nach dem Schutz religiöser Minderheiten vor populistischem Missbrauch und Anfeindungen spielen die Imame auch auf die aktuelle österreichische Innenpolitik an.

Allerdings hält sich bei vielen Vertretern der muslimischen Community die Hoffnung, dass der Appell Früchte trägt, in Grenzen. "Gerade bei der FPÖ sind antimuslimische Ressentiments Programm", meint etwa SPÖ-Gemeinderat Omar Al-Rawi. "Die Freiheitlichen leben ja von Spannungen und Problemen. Und auch die ÖVP ist gespalten. Da gibt es wohl noch das christlich-soziale Lager mit sozialpartnerschaftlichem Gedanken, das dieser Initiative der IGGÖ wohlwollend gegenüber steht. Aber es gibt auch eine neue Strömung, die die FPÖ rechts überholen will." Zielklientel der Deklaration sei daher "die kritische Masse in der Mitte", meint Al-Rawi.

IGGÖ will Jugendliche erreichen

Zwar stelle die Deklaration der Imame ein historisches Zeichen dar, wie deren Sprecher, Tarafa Baghajati, betont. Sei man doch im Unterschied zu sämtlichen bisherigen Imam-Konferenzen deutlich sichtbar an die Öffentlichkeit getreten - "in unserer gesamten Pluralität. Alle Ethnien stehen zueinander, Schiiten und Sunniten sowie alle Rechtsschulen".

Olgun kündigt im Gespräch mit dem KURIER aber bereits weitere ganz konkrete Maßnahmen zur Deradikalisierung Jugendlicher an. Diejenigen, die bereit seien, in den Krieg zu ziehen, seien zwar "nicht in unseren Moscheen radikalisiert worden, sondern in sozialen Medien oder illegalen Hinterhofmoscheen" - als Glaubensgemeinschaft müsse man aber aktiver werden.

So werde zusätzliches Personal für Deradikalisierung bei der IGGÖ angestellt - "Seelsorger, die auf die jungen Leute zugehen". Zudem würden die Aufgaben der Imame neu definiert. "Sie sollen nicht nur das Lesen des Koran unterrichten und in der Moschee predigen, sondern in der Gesellschaft präsenter sein und interreligiös wirken", erklärt Olgun. Im Herbst sollen bereits ein Entwurf für das künftige Betätigungsfeld der Geistlichen sowie ein Kriterienkatalog für Moscheen vorliegen. Auch das Jugendreferat der IGGÖ soll eine Aufwertung erfahren. Mit der Muslimischen Jugend (MJÖ) wolle man ebenfalls "mehr kooperieren".

Säkulare Muslime

Eine Erklärung gegen Extremismus legt übrigens auch die Initiative der säkularen Muslime in Deutschland, Österreich und der Schweiz vor – die „Freiburger Deklaration“. Darin werden unter anderem eine moderne, aufgeklärte und humanistisch angelegte Theologie sowie die Verbreitung liberal-islamischer Ideen propagiert. Den Zielen der Initiative könne man sich zwar weitgehend anschließen, meint Olgun. Als IGGÖ stehe man aber für einen „Islam der Mitte“, man sei „weder extremistisch, noch zu liberal“, religiöse Vorschriften könne man nicht verleugnen.

Nichtsdestotrotz will die IGGÖ Europas Muslimen eine gemeinsame grenzüberschreitende Erklärung vorschlagen.

Hinweis: Der Artikel wurde um 16.45 aktualisiert