Chronik | Österreich
08.06.2017

Muslime in der Zwickmühle

Imame treten gegen Terror auf. Manchen geht das zu weit, anderen nicht weit genug.

Es soll ein starkes Zeichen gegen den Terror sein: Wie berichtet, werden Mitte Juni 300 Imame der Islamischen Glaubensgemeinschaft Österreich (IGGÖ) eine Deklaration gegen Terror und Extremismus unterschreiben. Doch: Reicht das?

Darüber gibt es unterschiedliche Ansichten unter liberalen Muslimen. "Die Deklaration ist ein wichtiger und guter Schritt – aber was fehlt, ist, dass die ideologischen Ansätze des Islams hinterfragt werden", sagt etwa Soziologe Kenan Güngör. Ganz anders bewertet Politikwissenschaftler Farid Hafez diesen Schulterschluss: "Das hat vielleicht auch den Effekt nach außen, dass alle Muslime in diese Geschichte reingezogen werden."

Sichtbares Zeichen

Es ist ein beachtenswerter Weg, den die Islamische Glaubensgemeinschaft geht. Der Gedanke dahinter: "Weil uns die Menschen mit den Terroristen in einen Topf werfen, müssen wir aktiv und deutlich sichtbar Stellung beziehen", erklärte Imam Ramazan Demir, der Organisator der Deklaration.

Diesen Weg begrüßt Güngör. "Ein Grund für die Islamfeindlichkeit ist es ja, dass angeblich im Namen des Islam solche Verbrechen geschehen." Lange hätten sich Muslime nicht sichtbar dagegen gestellt. Das hätte die Skepsis verstärkt. "Das war eine falsche Strategie. Ein aktives Einstehen für einen humanistischen Islam ist wichtig, das muss aktiv betrieben werden."

Güngör geht aber noch einen Schritt weiter. Er fordert ein, eigene Lehren zu hinterfragen. "Wenn es heißt: Das hat nichts mit dem Islam zu tun – stimmt das so? Was lehren wir? Haben wir eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte?" Denn: Es gebe sehr wohl Ansätze zur Verherrlichung von Gewalt. "Da ist noch einiges zu tun." Und auch in Moscheen würden radikale Aussagen oft unwidersprochen bleiben.

Teufelskreis

Ganz anders bewertet Politikwissenschaftler Hafez den Schritt der Glaubensgemeinschaft. "Schon 2014 haben sich muslimische Verbände in einer Aussendung gegen den IS positioniert. Das hat keinen medialen Widerhall gefunden. Es geht auch darum, wie vermarktet man das und wie findet man Gehör? Bei Islamophoben wird man damit keine Umkehr der Betrachtung erzeugen."

Zudem werde nun immer wieder die Frage gestellt werden, ob eine Deklaration reicht. "Das ist ein Teufelskreis. Sobald man sich positioniert, hat man automatisch etwas damit zu tun."

Das stärkste Zeichen gegen den Terror würden seiner Ansicht nach britische Imame setzen – sie hatten das Totengebet für die Attentäter verweigert. "Damit wurden die Täter aus dem Islam rauskatapultiert."

Dass radikale Ansichten auch in Österreich noch immer gelehrt werden, ist allen Beteiligten bewusst. Doch: "Das spielt sich im kleinsten Kreis im Privaten ab. Da müssen wir auf Polizei und Jugendarbeit setzen", meint Güngör. Dem stimmt Hafez zu: "Mohammed M. (Austro-Dschihadist, Anm.) war im Kinderzimmer tätig."