Chronik | Österreich
06.06.2017

300 Imame bekämpfen Terror

In einer Deklaration verurteilen die Geistlichen jeglichen Extremismus. Gipfeltreffen am 14. Juni in Wien.

Paris, Nizza, Istanbul, München, Manchester oder zuletzt London. Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) verurteilte bis dato jeden einzelnen Terroranschlag. Bei jeder Gelegenheit – auf ihrer Homepage, in den Moscheen oder in öffentlichen Erklärungen.

Bei der Mehrheitsgesellschaft komme dies aber nicht ausreichend an. Die Bevölkerung wisse nicht, was in den Moscheen gepredigt wird, "zwischen Terror und der friedlichen Religion Islam wird zu wenig differenziert", meint IGGÖ-Präsident Ibrahim Olgun. Darum setzt die offizielle Vertretung der Muslime nun auf Aktionismus: Zum ersten Mal werden alle 300 Imame, die bundesweit für die Glaubensgemeinschaft arbeiten, eine Deklaration gegen Terror und Extremismus unterzeichnen. Am 14. Juni kommen die Geistlichen dafür im Islamischen Zentrum in FloridsdorfÖsterreichs größter Moschee – zusammen.

Imame verweigern Terroristen von London das Totengebet

Gegen Stigmatisierung

"Wir haben mit Terroristen, die unsere Religion für ihre Zwecke missbrauchen nichts zu tun, wir gehören nicht zueinander", erläutert Imam Ramazan Demir, Gefängnisseelsorger und der Organisator der Deklaration. "Aber weil uns die Menschen mit den Terroristen in einen Topf werfen, müssen wir aktiv und deutlich sichtbar Stellung beziehen." Die Initiative sei von den Imamen selbst ausgegangen. Einer der Vorreiter war Salim Mujkanovic, der im Islamischen Zentrum predigt.

Dass Menschen nach Anschlägen Angst haben, sei natürlich, sagt Demir. Es gelte aber "nicht in Panik zu verfallen, zu verallgemeinern und alle Muslime kollektiv für den Terror verantwortlich zu machen". Zumal sich die Gewalt ja auch gegen diese richte – bei Anschlägen in der Türkei oder in Syrien etwa. Wie der KURIER berichtete, verhöhnte der sogenannte Islamische Staat (IS) in seinem Magazin Rumiyah nicht zuletzt die Imame der "Unislamischen Glaubensgemeinschaft" und rief sogar zum Mord an drei Mitgliedern der IGGÖ auf.

"Wir sitzen alle in einem Boot. Wir leben hier in Österreich und daher müssen wir einen Beitrag für ein friedliches Zusammenleben leisten", betont Demir. Die Imame sämtlicher Ethnien – Ultraorthodoxe, wie Liberale – positionieren sich daher in ihrer Deklaration eindeutig und verurteilen dezidiert "jegliche Art des Terrors".

Im selben Atemzug warnen sie "vor einer pauschalisierten Stigmatisierung des muslimischen Bevölkerung". Die dadurch entstehende aufgeheizte Stimmung sei "der perfekte Nährboden für radikale Tendenzen. Diese polarisierte Stimmung in Österreich erschwert die Arbeit der Imame im Kampf gegen die Radikalisierung immens". In der aktuellen Situation sei es "wichtiger denn je, klar zu differenzieren und religiöse Minderheiten vor populistischem Missbrauch und Anfeindung zu schützen". All dies, so erklären die Geistlichen, müsse von Politik und Medien unterstützt werden.

Schwarze Schafe

Die Deklaration, die an sämtliche Parlamentarier, die Medien und die anderen Religionsgemeinschaften übermittelt wird, soll aber nicht die letzte Aktion dieser Art bleiben. Noch im Sommer ist eine Menschenkette vom Islamischen Zentrum über die Donaubrücke bis zur nächsten katholischen Pfarre geplant.

Bei der IGGÖ will man jedoch nichts beschönigen. Zwar würden die eigenen Imame und Religionslehrer gegen Extremismus ankämpfen. "Es gibt in Österreich aber auch illegale Hinterhofmoscheen, in denen nicht anerkannte Imame predigen", sagt Olgun. "Jene Jugendlichen, die in den Krieg zogen, kamen von dort oder wurden in den Sozialen Medien radikalisiert."

Die Deklaration sei daher auch eine Klarstellung für diese "schwarzen Schafe". Um wie viele Kleinstmoscheen es sich dabei handelt, ist ungewiss. Demir spricht von "einigen wenigen" und auch im Innenministerium will man nicht bekannt geben, welche Einrichtungen man bereits auf dem Radar hat. Aufschlüsse dürfte der in Kürze erwartete Verfassungsschutzbericht liefern.

Ein Zeichen der Trauer und Solidarität mit den Terroropfern setzte man am Wochenende auch in der Schura-Moschee in der Leopoldstadt. "Im Rahmen der Ramadan-Nachtgebete wurden Kerzen entzündet sowie Plakate mit den Aufschriften ,Nein zu Terror’ und ,Nicht in meinen Namen’ in die Auslage gestellt", berichtet der Wiener Gemeinderat Omar Al-Rawi (SPÖ).