© Kurier/Franz Gruber

Chronik Wien
12/20/2019

Gemeinsam zu Weihnachten: Wo die Sorge des Lebens verhallt

Die Seniorenheime öffnen am Heiligen Abend für Nachbarn.

von Anna-Maria Bauer

"Das Problem sind die Erinnerungen," sagt Sidonie Geller und nimmt eine rote Kugel. "Weil je älter man wird, desto stärker sind die." Die 87-jährige dreifache Witwe geht zum großen Tannenbaum auf der Holzbühne. "Und zu Weihnachten ist es besonders schlimm." Sie hat einen passenden Ast gefunden, hängt die Kugel auf.

Rund ein Dutzend Bewohnerinnen und ein Bewohner haben sich im Gasthaus des Pensionistenwohnheims Haus Rossau in Wien-Alsergrund eingefunden, um den Baum zu schmücken; eine Tradition. Jene, die nicht mehr so gut auf den Beinen sind, geben von unten aus Anweisungen.

Die 99-jährige Leopoldine Mauthner kämpft sich mit Gehhilfe die Stufen hinauf.

Das Schmücken möchte sie sich nicht nehmen lassen. Das hat sie als Kind immer mit ihrem Vater gemacht.

Zu sehen bekommen den geschmückten Baum seit drei Jahren nicht mehr nur die Bewohnerinnen und Bewohner – sondern auch die Nachbarn. Seit 2016 öffnet das Kuratorium Wiener Pensionisten-Wohnhäuser (KWP) seine 30 Häuser am Heiligen Abend für die Umgebung. Von 14.30 bis 16 Uhr gibt es Punsch, Kekse, Geschichten und Lieder zum Mitsingen.

Gemeinsam ablenken

Denn so wie Sidonie Geller geht es zu Weihnachten vielen: Mit der Besinnlichkeit kommen die Erinnerungen. Und wenn man niemanden hat, mit dem man die Gefühle teilen kann, kommt auch die Traurigkeit. Da hilft ein Ort, an dem man gemeinsam sein und sich ablenken kann. Dass es Bedarf dafür gibt, zeigen die Zahlen: Im Vorjahr haben 2.000 Wienerinnen und Wiener das Angebot genützt.

Auch die 84-jährige Trude Skala wird Weihnachten im Haus Rossau verbringen.

Die vergangenen Jahre ist sie bei einer ihrer Töchter gewesen, aber spätestens beim leuchtenden Christbaum wurde es ihr zu viel, die Tränen ließen sich nicht aufhalten. "Und das wollte ich meinen Kindern nicht mehr antun", sagt sie.

Christbaum erhaschen

Dabei hat sie Weihnachten früher gern gehabt. Eine Szene ist ihr besonders in Erinnerung: Sie war fünf Jahre alt, hatte mit ihrer Schwester und ihrer Mutter den Christbaum gerade fertig geschmückt, da meinte ihre Mutter, sie sollten schauen, ob sie das Christkind sehen könnten. Also gingen sie auf den Gang, sahen aus dem Fenster. Und als hätte es die Mutter gewusst, funkelte es blau am Nachthimmel.

Es waren die Funken, die die Straßenbahn an der Oberleitung schlug. Aber das wusste sie nicht. "Meine Schwester und ich konnten es nicht fassen", sagt Trude Skala und muss bei der Erinnerung lächeln.

Manche Erinnerungen sind eigentlich doch ganz schön.

Sie möchten den Tag in Gemeinschaft verbringen? Die Wiener Pensionistenklubs ( 01/31399-170112) laden die Seniorinnen und Senioren der Stadt zu einem "weihnachtlichen Beisammensein" am 24. Dezember von 14.30 bis 16 Uhr. Eine kurzfristige Anmeldung beim Empfang des jeweiligen Hauses ist auch am 24. Dezember noch möglich.

 

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