© Markus Strohmayer

Chronik Wien
07/14/2020

Explosion in Wien verhindert: Gasleitung vor Delogierung manipuliert

Der Mieter soll im Haus negativ aufgefallen sein. Der KURIER hat mit dem Schlosser gesprochen, der die Explosion verhindert hat.

von Markus Strohmayer, Birgit Seiser

Es war eine glückliche Fügung, die am Montag in Wien-Ottakring mehrere Tote durch eine Gasexplosion verhinderte: Ein Gerichtsvollzieher war um 8 Uhr zu einer Wohnung in der Degengasse 50 gekommen. Begleitet wurde er von einem Schlosser, Möbelpackern und Zeugen – denn in der Wohnung sollte eine Delogierung stattfinden. 

Da es sich um ein älteres Schloss handelte, konnte Schlosser Andreas Eisner die Tür problemlos öffnen und brauchte keine Flex – wie es sonst mittlerweile Standard ist. Hätte er eine benutzt, wäre es zum Funkenflug gekommen und die Wohnung wohl in die Luft geflogen. Denn der bisherige Mieter soll die Gasleitung so präpariert haben, dass Gas in die Wohnung strömen konnte.

Beim Betreten der Wohnung merkte der Gerichtsvollzieher sofort den Gasgeruch. „Ich habe nur gerufen ‚Gas, laufts‘“, schildert Schlosser Eisner den Moment im KURIER-Gespräch. Die Gaskonzentration dürfte laut den Einsatzkräften der Brandgruppe der Wiener Polizei an der Explosionsschwelle gewesen sein. Die Gasleitung wurde sofort geschlossen. Wäre es zu einer Explosion gekommen, hätte diese auch die Leben von vier Hausbewohnern gefährdet, die sich gerade in dem Gebäude aufgehalten hatten. 

Bei den Ermittlungen des Landeskriminalamts wurden offensichtliche Beschädigungen an einer Leitung der Gastherme festgestellt, die augenscheinlich absichtlich mit Werkzeug herbeigeführt worden waren. Nun steht der 61-jährige Mieter der Wohnung, Bobosz W., unter Verdacht, die  Explosion geplant zu haben – aus Rache, wie eine Nachbarin glaubt. Sie will aus Angst anonym bleiben. Denn der Mann ist derzeit auf der Flucht.

Jahre keine Miete gezahlt

Beim KURIER-Lokalaugenschein erzählt die Tochter der Vermieterin, Patricia H., dass der Pole seit Jahren keine Miete mehr bezahlt hatte. Man ließ ihn aus Mitleid in der Wohnung leben. Denn der Verdächtige hatte zunächst mit seiner Ehefrau dort gewohnt. Nach deren Tod habe er immer mehr getrunken und andere Bewohner belästigt.

So soll er gegenüber zwei Studentinnen übergriffig geworden sein und versucht haben, sich Zutritt zu deren Wohnungen zu verschaffen. Ein in dem Haus tätiger Arbeiter beschuldigte den Polen zudem, ihn bestohlen zu haben. Die Delogierung war daher unausweichlich und wurde zuletzt lediglich durch Corona verzögert.

26. Juni 2019 - Ein fünfstöckiges Wohnhaus in der Preßgasse in Wieden stürzt in Folge einer vorsätzlich herbeigeführten Detonation teilweise ein. Ein 19-jähriger hat in seiner Wohnung in Selbstmordabsicht den Gasherd manipuliert. Neben dem jungen Mann kommt eine 29-jährige Mieterin ums Leben. 15 weitere Personen werden teils schwer verletzt. Das Gebäude an der Ecke Preßgasse/Schäffergasse muss zur Gänze abgerissen werden, die Mieter werden umgesiedelt.

6. April 2018 - Bei einem Brand und einer damit einhergehenden Explosion in einer Erdgeschoßwohnung in Meidling stirbt eine Person. Das Feuer dürfte von dieser in suizidaler Absicht gelegt worden sein.

26. Jänner 2017 - Eine vorsätzlich herbeigeführte Explosion während eines Delogierungsversuchs in einem Gebäude in der Hernalser Hauptstraße kostet den Hausverwalter das Leben. Der Mieter, der aufgrund von Zahlungsrückständen auf die Straße gesetzt werden sollte, hat den Gaszähler demontiert, das Ventil aufgedreht und so Gas ausströmen lassen. Ein erst ein Monat altes Baby in einer Nachbarwohnung in Hernals erleidet durch herabstürzende Mauerteile schwere Verletzungen, zwei Männer werden ebenfalls schwerst verletzt. Der Täter fasst lebenslange Haft aus.

26. April 2014 - Ein junger Mann mit persönlichen Problemen manipuliert in einem Haus in der Äußeren Mariahilfer Straße in Rudolfsheim-Fünfhaus die Gasleitung und bewirkt eine Explosion. Der 19-Jährige stirbt, am Gebäude entstehen schwere Schäden. Eine 48 Jahre alte Frau wird knapp acht Stunden nach dem Einsturz lebend aus den Schuttmassen geborgen.

16. April 2014 - Ein Mittvierziger, der aus seiner Wohnung aus einem repräsentativen Eckhaus am Hohen Markt in der Innenstadt delogiert werden soll, verschüttet nachts in den Räumlichkeiten Benzin und legt Feuer. Das Benzin-Luft-Gemisch detoniert, eine 23 Jahre alte Nachbarin des Mannes wird von herabfallenden Mauerteilen erschlagen. Der Täter kassiert dafür später eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes und mehrfachen Mordversuchs.

Patricia H., die ebenfalls in dem Haus wohnt, hätte am Dienstag als Zeugin vor Ort sein sollen. „Ich hätte mir vor der Tür sicher eine angeraucht“, erzählt die 31-Jährige. Wegen eines Unfalls ihres Freundes sprang stattdessen ihr Bruder als Zeuge ein. Dieser hatte wie alle anderen Anwesenden großes Glück, dass der Schlosser die Gefahr erkannt hatte und sich das Gas-Luft-Gemisch nicht entzündete.

„Ich bin immer etwas früher da, um mir ein Bild zu machen“, erzählt Schlosser Eisner, der meint, er habe ein Rauschen gehört, dabei aber zuerst an die Dusche gedacht. 

Tatsächlich war es ausströmendes Gas.  „Wir hatten einfach a Mas’n“, schildert der 30-Jährige, der am Tag nach der knapp verhinderten Explosion bereits wieder vor Ort war. Er tauschte das Schloss der Eingangstür aus, um den verunsicherten Bewohnern die Angst vor dem noch Flüchtigen zu nehmen.

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