Chronik | Wien
08.04.2018

Esoterikmesse: Ein Skeptiker sucht die Erleuchtung

Wissenschaftler Ulrich Berger begab sich auf der Esoterikmesse in Wien für den KURIER auf höhere spirituelle Ebenen.

Räucherstäbchen und schamanische Trommelklänge empfangen Ulrich Berger. Der Wissenschaftler, Skeptiker und Kritiker der Pseudowissenschaften forscht auf gänzlich neuem Terrain: Einer Esoterikmesse in der Wiener Stadthalle.

Dutzende Aussteller bieten hier ihre Dienste an. Berger wird freudig empfangen. Eine Dame in weiß tritt auf ihn zu. „Hallo! Wir sind die christlichen Heilerinnen!“

Zitrone und Ei

Die Dame hat spirituelle Reinigung im Angebot. Und zwar mit Zitrone und einem rohen Ei. Sie arbeite mit einer Mischung aus Schamanismus und christlichem Glauben, wie sie erklärt. „Wenn die Zitrone gesegnet ist, hat sie die Fähigkeit, Negativität auszuschalten“, sagt sie. Das (frische) Ei wirke im Anschluss wie ein kleiner Staubsauger für das Negative. Bergers Interesse ist geweckt. „Ist das Ei nachher noch genießbar?“ „Nein, das muss entsorgt werden, damit die Energie nicht mehr freigesetzt wird.“ Frisch und frei fühle man sich nach der christlich-schamanischen Behandlung. „Und der Papst weiß davon?“, fragt Berger. „Der Papst weiß vieles. Durch die Liebe von Jesus Christus kann ganz viel Heilung passieren.“

Keine fünf Meter weiter bietet ein Medium Lebenshilfe an. „Frau I. interpretiert Ihr Leben für die nächsten neun bis 12 Monate. Sie können dann auch so viele Fragen stellen, wie Sie wollen“, erklärt die Assistentin. 60 Euro soll die Beratung kosten. „Frau I. hat 30 Jahre Erfahrung.“ Es geht aber auch in der schnellen Variante um zehn Euro. Da steht zwar nicht das Medium, dafür ihr Computer zu Diensten. „Man gibt nur Vorname, Nachname und Geburtstagsdatum an und erfährt über das Karma des vorigen Lebens und ein Engel wird Ihnen ausgewiesen.“

Berger nützt die Gelegenheit – einen persönlichen Engel hatte er noch nie – und erfährt: Sein Erzengel heißt Nathanael. Sein ganz persönlicher Inkarnationsauftrag lautet: Leid, Zerstörung und katastrophale Auswüchse verhindern. „Da bin ich ja richtig“, lacht der Wissenschaftler. Auch eine Spruch zur Aktivierung seines Heilsteines ist angeführt: „Er bringt mir wahre Erfüllung. So sei es. So sei es. So sei es.“

Die Cadmium-Falle

Ehe sich Berger den kostenlosen Segen vom katholischen Pfarrer holt, wird er von einem Herren aufgehalten, der Trinkwassertests für daheim anbietet. Er warnt vor den Schwermetallen. „Ich habe Plastikleitungen“, erwidert Berger. „Aber da ist auch Cadmium drin! (Schwermetall, Anm.) “

Auch ein weiterer Herr beschäftigt sich mit Wasser. Mit einer energetisch aufgeladenen Folie bringt er nämlich gute Energie hinein. Das funktioniere auch bei anderen Flüssigkeiten oder Speisen. „Das ganze Universum ist Frequenz. Und das hier ist ein versiegeltes Kraftfeld“, erklärt der Verkäufer. Sogar Medikamente könne man damit aufladen. Denn: „Medikamente werden nicht aus Liebe produziert – entsprechend negativ ist ihre Energie.“

Der Stand des katholischen Pfarrers – es ist der Pfaffenheini, der bereits mit Youtube-Videos Bekanntheit erlangte – lockt mit kostenlosen Mutter Gottes-Medaillen. „Wenn Sie wollen, Sie können sich segnen lassen. Gratis natürlich!“, bietet eine Dame an. Dass die Kirche hier vertreten ist, erklärt man so: „Die Leute hier sind alle auf der Suche.“

„Grüß Gott, wie ist Ihr gesundheitlicher Zustand?“ Die junge Dame vis a vis wirkt besorgt. Ganz schnell könnte man das überprüfen. Mit Iris- , Puls- und Zungendiagnose um 20 Euro. „Da sieht man alle Ihre Beschwerden. Welche Organe schwach oder entzündet sind.“ „Sie erkennen ganz konkrete Krankheiten?“, wird Berger stutzig. „Ja genau“, bekräftigt sie. „Und am Ende geben wir Tipps, welche Ernährung, welche Kräuter helfen.“ Ein heikes Gespräch. Die Diagnose von Krankheiten ist eigentlich Ärzten vorbehalten.

Wissenschaftler Berger hat die Erleuchtung gesucht – und nicht gefunden. Gibt es irgendwas, mit dem er sich anfreunden konnte? „Da ist mir der altmodische Priester mit seinem Segen noch am sympathischsten. Es kostet nichts und geht schnell.“

 

Zur Person Ulrich Berger:

Der Oberösterreicher ist Mathematiker und Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien. Pseudowissenschaften sind ihm ein Dorn im Auge. Berger ist Vorsitzender der Gesellschaft für kritisches Denken und Mitglied der Skeptiker-Organisation „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“. Auf scienceblogs.de/kritisch-gedacht  bloggt er über Pseudowissenschaft.