Chronik | Wien
23.05.2018

Nach Mädchenmord: „Es wird keine Blutrache geben“

Der Obmann des Rates der Tschetschenen setzt auf die heimische Justiz und glaubt nicht an Racheaktionen.

KURIER: Ist nach diesem furchtbaren Mord an dem kleinen Mädchen wieder etwas Ruhe in die tschetschenische Gemeinschaft eingekehrt?

Schaikhi Musaitov: Die Gemeinschaft ist immer noch schockiert, viele Eltern haben um ihre Kinder Angst und lassen sie nur in Begleitung zur Schule gehen. Auch wenn es jetzt etwas ruhiger geworden ist, ist immer noch eine große Anspannung unter unseren Landsleuten zu spüren.

Dennoch wird der Mord, obwohl er, wie es sich jetzt darstellt, ein Einzelfall war, mit der tschetschenischen Gemeinschaft in Verbindung gebracht. Wie erklären Sie sich diesen schlechten Ruf?

Wir hatten in den vergangenen Tagen auch großen und positiven Zuspruch von Österreichern, Türken oder Arabern. Aber es stimmt, wir Tschetschenen haben ein schlechtes Image, das hat auch mit der medialen Berichterstattung zu tun, wo auch aus sehr kleinen Problemen große Schlagzeilen produziert werden.

Aber es werden doch nicht nur die Medien daran schuld sein. Gibt es nicht auch Versäumnisse der Gemeinschaft selbst?

Natürlich gibt es auch bei uns Versäumnisse, hier unterscheiden wir uns nicht von anderen Gruppen. Aber es wird von uns medial ein Bild gezeichnet, das nicht der Wahrheit entspricht.

Wenn Ihnen das Image-Problem bewusst ist, stellt sich die Frage, was Sie dagegen tun.

Wir arbeiten mit vielen Organisationen, auch mit der Stadt Wien und der Landespolizei, intensiv zusammen, um gemeinsam die integrativen Maßnahmen zu verbessern und zu verstärken. Es gibt hier viele Projekte, die wir unterstützen und fördern. Wir arbeiten zum Beispiel viel mit Jugendlichen und bieten Deutschkurse auch für ältere Menschen an. Aber darüber wird kaum berichtet.

Jetzt kursiert seit gestern ein Video im Internet, aufgenommen beim Begräbnis des getöteten Mädchens in Tschetschenien. Darin fordert ein Familienmitglied in seiner Trauerrede Blutrache an der Familie des Täters. Wie lässt sich so etwas erklären?

Man muss hier klar unterscheiden. Das Video ist in Tschetschenien aufgenommen worden, das ist ein großer Unterschied. Die Gemeinschaft in Österreich vertraut ganz klar dem Rechtsstaat, und ist auch überzeugt davon, dass hier ein faires Urteil fallen und dass der Täter mit der vollen Härte des Gesetzes bestraft wird. Das wird dann auch die Gemeinschaft zufriedenstellen und die Anspannung und Aggressivität abklingen lassen.

Aber im Video wird offen zu einem Mord aufgerufen.

Die Rhetorik ist sicherlich dem sozialen Umfeld dieser Gegend geschuldet, aber solche Worte gehören nicht nach Österreich und das wird hier auch keine Auswirkungen haben.

Sie glauben also nicht, dass die Familie des Täters unmittelbar in Gefahr ist?

Nein, das glaube ich nicht. Und wenn der Täter bestraft wird, könnte er auch nach dem alten Gewohnheitsrecht in Tschetschenien nicht nochmals bestraft werden.

Hört man sich in der tschetschenischen Community um, scheint es, dass das Vertrauen vor allem in die Polizei nicht so groß ist, wie Sie es jetzt sagen. Täuscht der Eindruck?

Wir vertrauen der Polizei, wir haben uns in stundenlangen Gesprächen mit den Mordermittlern ausgetauscht und glauben, dass alles lückenlos aufgeklärt wird. Zweifel gibt es in der Gemeinschaft nur daran, dass die Eltern des mutmaßlichen Täters so schnell entlastet wurden. Viele Menschen glauben, dass sie zwar unmittelbar mit dem Mord nichts zu tun hatten, aber sehr wohl geholfen haben, die Leiche zu beseitigen.

Aber es gibt dazu laut Polizei aktuell keinerlei Hinweise und es wird gegen die Eltern auch nicht ermittelt.

Das ist richtig.

Können Sie auch mit dem Gerücht aufräumen, dass von der Familie des Täters an die Familie des Opfers Geld bezahlt wurde? Also eine Art Blutgeld.

Ich bin mit der Opferfamilie im Kontakt, das wäre mir bekannt. Und ich glaube auch nicht, dass der Vater des Täters nach Gewohnheitsrecht versucht, irgendetwas zu regeln. Er sagt ja auch selbst, dass er eigentlich gar kein Tschetschene ist und einer Minderheit angehört.

Aber angenommen, die Strafe für den mutmaßlichen Täter fällt geringer aus, als es sich die Gemeinschaft erwartet, kann es dann zu Racheakten an der Täterfamilie kommen?

Nein, das glaube ich nicht. Wir leben hier in einem Rechtsstaat und wir sind uns sicher, dass hier ein befriedigendes Urteil gefällt wird.

Sie gehören dem Rat der Tschetschenen in Österreich an, Sie sprechen auch Recht. Wie kann man sich das vorstellen?

Wir sind ein Rat, der versucht, bevor es zu Konfliktfällen mit dem österreichischen Recht kommt, auf unsere Landsleute einzuwirken, damit es gar nicht zu Problemen oder Konflikten kommt. Hier geht auch um Traditionen.

Aber auf welche Basis stützen Sie dieses Recht?

Hier wenden wir das tschetschenische Gewohnheitsrecht an.

Aber es gibt ein österreichisches Recht, das allgemeingültig ist, und das über allen steht, warum brauchen Sie dann noch ein eigenes Recht?

Das ist richtig, und wir respektieren und achten natürlich das österreichische Recht, das steht außer Frage. Aber unsere Aufgabe und Funktion im Rat ist es, dass wir Menschen aufklären, was sie hier dürfen, und was nicht. Und dazu wenden wir unser Gewohnheitsrecht an. Hier geht es zum Beispiel auch darum, wie jüngere mit älteren Menschen umgehen sollten.

Das klingt jetzt fast nach Scharia oder Schattenjustiz. Können Sie ausschließen, dass hier Recht abseits des österreichischen Rechts gesprochen wird und Straftaten innerhalb der Gemeinschaft gelöst werden?

Ja, das kann ich ausschließen, es geht uns vor allem um Aufklärung.

 

 

Die Familie des Verdächtigen Robert K. wird von Landsleuten massiv bedroht

Unter den Tschetschenen in Österreich liegen die Nerven blank. Nachdem bekannt wurde, dass ein 16-jähriger Landsmann die siebenjährige Hadish in Wien getötet haben soll, gibt es offene Drohungen gegen die Familie des mutmaßlichen Täters. Zuletzt hatte sogar die Familie des kleinen Mädchens den Rat der Tschetschenen (siehe  Interview, Anm.) dazu aufgerufen, dafür zu Sorgen keine Racheaktionen zuzulassen.


Doch bei der Beisetzung des kleinen Mädchens in Tschetschenien am vergangenen Wochenende gab es entsprechende Aufforderungen. Rund um die Leiche des Kindes, das in einem Teppich eingewickelt ist, versammelten sich Angehörige. Davon kursiert auch ein Video mit einer deutschen Übersetzungen – die allerdings nicht ganz stimmt. Zwar fordert ein Angehöriger des Kindes Rache. Allerdings nicht namentlich. Der  bärtige Mann erklärt: „ Vier Personen sollten umgebracht werden für diese Leiche. Wenn es uns möglich ist, müssen wir es tun. Wenn nicht, dann können wir auch nichts dagegen tun. Es gibt genauso andere Leute, die es nicht geschafft haben.“   


Keine Ermittlungen

Die Familie des Tatverdächtigen (er wird von Anwältin Liane Hirschbrich vertreten, Anm.)  ist von der Polizei sofort unter Schutz gestellt und aus der Wohnung im Dittes-Hof gebracht worden. Es gibt auch massive Anschuldigungen gegen die Eltern des 16-Jährigen. Unter anderem von der Familie des Opfers. Sie will nicht glauben, dass der Bursche den Leichnam des Mädchens alleine beseitigt haben soll. Gegenüber dem  KURIER beteuert Roberts Vater Hannes K. nochmals, nichts von der Tat gewusst und auch nicht mitgewirkt zu haben. Auch die Staatsanwaltschaft Wien und die Polizei ermitteln nicht gegen die Angehörigen. Was nichts an den Drohungen ändert.  Bilder der gesamten Familie kursieren im Netz. Außerdem  Bilder mit Säcken voller Geld – die angeblich Familie K. gehören sollen –, wohl um Neid zu schüren.


Jenes Video  aus der Wohnung des Verdächtigen, auf dem angeblich ein Teppich voller Blut zu sehen ist, hat sich übrigens als falsch herausgestellt. Aus Polizeikreisen ist zu hören, dass es sich definitiv nicht um Blutflecken handelt.