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Analyse
01/24/2021

Die Wiener Ringstraße: Kreislauf der Pracht

Herrscher zeigten am Ring ihre Macht, das Volk ging spazieren. Was davon blieb und was wiederkehren könnte

von Stefanie Rachbauer, Nina Oezelt

Fragt man Passanten am Wiener Ring, welche Straße als der „schönste Prachtboulevard der Welt“ bezeichnet wird, dann lautet die Antwort meist: „Champs-Élysées“. Andere sagen „Time Square“. Manche „Las Ramblas“. Nur wenige, vor allem Ältere, antworten: „Ringstraße“ und erinnern sich daran, dass sie vor allem früher so genannt wurde.

Nachvollziehen können diese Bezeichnung aber nicht alle. So manchem ist der Ring sogar reichlich egal: „Seit 35 Jahren wohne ich im Zentrum. Aber ich würde nie auf die Idee kommen, am Ring spazieren zu gehen“, sagt ein Mann.

Um 1900 wäre er mit dieser Ansicht wohl alleine da gestanden: Am Ring zu flanieren, das war etwas Besonderes: Man ließ sich dort gerne sehen. Auf Boulevards in anderen Metropolen wurde das ebenso praktiziert. Und in Paris will man diese Zeit zurückholen: Die Champs-Élysées wird bis 2024 begrünt und fußgängerfreundlich umgebaut. Die Straße soll so ihren verlorenen Glanz zurückgewinnen.

Doch worin bestand dieser Glanz von Boulevards eigentlich? Welche Funktion haben sie heute? Und: Was könnte geschehen, damit der „schönste Prachtboulevard der Welt“ wieder als solcher wahrgenommen wird?

Raum für die Gebäude

Sämtliche der berühmten Prachtstraßen haben eines gemeinsam: Sie sind geprägt durch das Zusammenspiel des Straßenraums und der flankierenden Gebäude. Der gemeinsame Nenner von Boulevards sei, dass sie ein „enorm breites Straßenprofil aufweisen, das an bestimmte Typen von Gebäuden gebunden ist“, sagt Aglaée Degros, Leiterin des Instituts für Städtebau an der Technischen Uni (TU) Graz. Im Fall der Champs-Élysées sind es die prunkvollen Wohnhäuser der Bourgeoise, in Wien eine Reihe von politischen, wirtschaftlichen und anderen gesellschaftlichen Institutionen. Dazu gehörten auch die Kaffeehäuser.

„Bei der Konzeption des Rings stand nicht die Verkehrsabwicklung im Vordergrund, sondern die Repräsentation und die Inszenierung von Macht“, sagt Städtebau-Experte Andreas Hofer von der TU Wien. „Die Herrschenden wollten am Ring zeigen, was Wien zu bieten hat.“ Damit die Bauten wirken konnten, gab man ihnen Platz.

Konkret wurden die Pläne zum Bau des Rings im Jahr 1857. Kaiser Franz Joseph ließ damals die Stadtmauer (die um den heutigen 1. Bezirk verlief) niederreißen, um so die Stadt mit den Vorstädten zu verbinden und sie zu erweitern. Denn das Zentrum platze damals aus allen Nähten.

Auch sicherheitstechnische Überlegungen spielten eine Rolle, sagt Historikerin Barbara Dmytrasz: Eine Stadtmauer konnte bei einer Umzingelung durch die Vorstädte zu einer tödlichen Falle werden: Brach innerhalb der Mauer Feuer aus, war man gefangen. Mit der Schleifung der Mauer fiel dieses Risiko weg.

Der Kaiser rief einen Planungswettbewerb für den Ring aus – einen der ersten seiner Art weltweit. 85 Einreichungen kamen. Der Startschuss war 1863 der Bau der Oper („das erste Haus am Ring“). In den nächsten 50 Jahren folgten die anderen Ringbauten. Jedes Gebäude erinnert, ganz in der Schule des Historismus, an vergangene Baustile: das Rathaus an die Gotik, die Uni an die Renaissance, das Parlament an die Antike. Dazu kamen die Palais, vor allem von jüdischen Großbürgern erbaut.

Ausflucht aus der Enge

Die Ringstraße wurde zu einem Spiegel der Gesellschaft, der Zeit: Große historische Ereignisse fanden und finden hier statt: Der Trauerzug für Kaiser Franz Joseph etwa. Oder die Ausrufung der Republik. Heute wird hier gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert.

Letzteres entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Denn der Ring wurde auch in Gedanken an die Volksgesundheit angelegt. „Schon damals wurde erkannt, dass man Freiräume und Möglichkeiten zur Erholung bieten muss“, sagt Städtebauer Hofer. Und eine solche sollte die weitläufige Prachtstraße sein. Hier konnte man flanieren und der Enge der Stadt entfliehen.

Und heute? „Der Ring bleibt der Ring. Diese Adresse kennt man weltweit. Sie ist aussagekräftiger für Wohn- oder Firmensitze als jede andere“, sagt Immobilien-Fachfrau Sandra Bauernfeind von EHL. „Stubenring klingt einfach besser als Zelinkagasse.“

Und doch hat sich der Ring stark verändert. „Er wurde in etwas sehr Pragmatisches transformiert: in ein Verkehrssystem“, sagt Degros. Das äußert sich in Form der vielen Autospuren, aber auch in der Gestalt der Schaufenster: Sie sind so ausgerichtet, dass sie vom Wagen aus gut sichtbar sind – ausgestellt wurde auch schon der eine oder andere Ferrari.

Das ursprüngliche Konzept des Rings ist laut Experten dennoch nicht überholt – im Gegenteil: Im Hinblick auf die rückläufige Motorisierung und notwendige Anpassungen an den Klimawandel seien Flaniermeilen in Städten gefragter denn je. Um den Ring wieder zu einer solchen zu machen, reiche es aber nicht, nur den Verkehr zu reduzieren, sagt Hofer: „Man muss den Menschen einen Grund geben, dorthin zu gehen, Nutzungsangebote und Aufenthaltsqualität im Freiraum schaffen: Spielplätze, Grünflächen, Erholungs- und Sportangebote.“

Politisch fordern das derzeit die Grünen: Auf Basis von Plänen, die seinerzeit nicht einmal Maria Vassilakou als Planungsstadträtin umsetzen konnte – und ohne im Rathaus auf Gehör zu stoßen.

Bis auch jüngere Passanten den Ring wieder mit dem Titel „schönster Prachtboulevard der Welt“ verbinden, wird es also wohl noch dauern.

Daten und Fakten
Der Ring ist rund 5,2  Kilometer lang, 57 Meter breit und in neun Abschnitte mit unterschiedlichen Namen gegliedert.   Er wurde im Jahr  1865 eröffnet.  Die flankierenden Gebäude wie etwas das Parlament wurden von den besten Architekten der damaligen Zeit erbaut: von  Theophil von Hansen bis Heinrich von Ferstel

Wandel
Emsig gebaut wird am Ring auch heute noch:  Derzeit wird das Parlament saniert,  ein Haus am Schottentor wird für den Sitz des sozialen Netzwerks Xing adaptiert

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