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Chronik Wien
11/04/2020

Die unglaubliche Pannenserie rund um den Anschlag in Wien

Der Wien-Attentäter stand offenbar unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Und Polizisten mussten bei der Bekämpfung des Terroristen private Waffen einsetzen, weil Sturmgewehre fehlten.

von Dominik Schreiber, Patrick Wammerl

Als die Antiterroreinheit Cobra in den Morgenstunden nach dem Anschlag in Wien ausrückte, um die Wohnungen von zwölf mutmaßlichen IS-Sympathisanten in Wien und St. Pölten zu stürmen, waren das offenbar keine neuen Adressen.

Die entsprechende Operation Ramses war zuvor bereits geplant gewesen und hätte am Dienstag ohnehin stattfinden sollen. Offen ist, ob der Attentäter davon Wind bekommen hat und deshalb seine Tat durchgeführt hat. Fest steht, dass zumindest sein damaliger Reisepartner in den Dschihad schon auf dieser Liste gestanden ist.

Es ist nur eine von vielen Pannen, die nun nach und nach – auch durch Recherchen des KURIER – bekannt werden. Innenminister Karl Nehammer geriet am Mittwoch jedenfalls unter Druck, gestand Fehler ein und kündigte eine eigene Untersuchungskommission zu dem Attentat an.

Die Chronologie

Bisher lässt sich jedenfalls folgendes rekonstruieren:

Am 23. Juli 2020 verfasst die Nationale Verbindungsstelle von Europol in der Slowakei ein Schreiben an die österreichischen Behörden. Darin wird mitgeteilt, dass zwei verdächtige Männer am 21. Juli versucht haben, in Waffengeschäften in Bratislava Munition für ein AK47-Sturmgewehr zu kaufen. Einer davon war der spätere Attentäter Kujtim F..

Wegen eines fehlenden waffenrechtlichen Dokuments erhielt er die Munition aber nicht. Das Fahrzeug, ein weißer BMW mit Wiener Kennzeichen, mit dem er unterwegs war, ist auf die Mutter des in Wien-Liesing wohnhaften Arijanit F. (21) zugelassen – ebenfalls ein unter Beobachtung des Verfassungsschutz stehender Mann aus der radikal-islamistischen Szene.

Alleine diese Information hätte schon gereicht, um Kujtim F. wieder festzunehmen und zu inhaftieren. Doch die Justiz wurde darüber nicht informiert. Der Versuch, Munition zu erwerben, war ein eindeutiger Verstoß gegen seine auf drei Jahre festgesetzten Bewährungsauflagen im Zuge der bedingten Haftentlassung am 5. Dezember 2019. Laut Informationen von Ex-Innenminister Herbert Kickl soll der Terrorverdächtige sogar vom BVT zu den Verdachtsmomenten betreffend der Munition befragt worden sein.

Weil die slowakischen Behörden jedenfalls wissen wollten, mit wem sie es eigentlich zu tun hatten, erging dazu eine Anfrage an die Behörden in Wien.

Unter Beobachtung?

Am 10. September 2020 antwortete darauf die österreichische Verbindungsstelle von Europol. Darin wurde den Slowaken sinngemäß mitgeteilt, dass es sich bei dem Verdächtigen um einen gefährlichen und bereits verurteilten Dschihadisten handelt und dass dieser unter Beobachtung stehe. Diese „Beobachtung“ hatte allerdings nicht gereicht, den Terroranschlag von Montagabend zu verhindern. Was dabei schief gelaufen ist, soll nun die Untersuchung klären.

Doch auch am Tag des Anschlages läuft für die Polizei nicht alles nach Plan. Denn eigentlich sollte mittlerweile jede Funkstreife zumindest ein Sturmgewehr an Bord haben. Doch als die ersten beiden Fahrzeuge sich dem Angreifer entgegenstellen – liegen die „Steyr AUG A3“ in der Polizeiinspektion.

So müssen die ersten Beamten mit einer 9-Millimeter-Glock gegen eine Kalaschnikow ankämpfen. Erst das dritte eintreffende Fahrzeug hat ein Sturmgewehr im Wagen. Möglicherweise ist es die Mannschaft der WEGA, die den 20-Jährigen ausschaltet.

Dabei hätte genau das nicht mehr passieren sollen. Um die ersteintreffenden Streifenbeamten für solche speziellen Terror- und Amoklagen besser auszurüsten, beschloss die Bundesregierung unter ÖVP-Innenminister Wolfgang Sobotka bereits 2017 den Kauf tausender ballistischer Schutzwesten, Titanhelme sowie von 6.500 Stück Sturmgewehren der Type „Steyr AUG A3“.

Zwei Stück dieser durchschlagskräftigen und präzisen Langwaffen sollten bereits seit Ende 2019 in jedem Funkstreifenwagen der Polizei Standard sein. Mit der Betonung auf sollten.

Die Realität sieht anders aus, wie der Chef der Wiener Polizeigewerkschaft Gerhard Zauner (FCG) bestätigt. In ganz Wien gibt es derzeit gerade einmal 14 Streifenwagen, die die neuen Sturmgewehre tatsächlich an Bord haben. „In jedem der 14 Stadtpolizeikommanden gibt es eine Sektorstreife (Rufname Anton 1 usw., Anm.d.Red.). Pro Bezirk sind nochmals acht Stück Gewehre in einem Schrank auf der Dienststelle. Sie müssen im Bedarfsfall von dort geholt werden“, sagt Zauner. Die Wiener Polizei bestätigt diese Angaben.

Polizisten mit Privatwaffe

Warum die bereits ausgelieferten Gewehre nicht in jeder Streife zu finden sind, liegt an der Ausbildung der Beamten. Sie müssen erst ein Einsatztraining mit dem Sturmgewehr absolvieren. Coronabedingt ist sich das noch nicht bei allen Polizisten ausgegangen. Man hinkt fast ein Jahr dem Plan hinterher.

Beim Terrorangriff vergingen dadurch zumindest eine Minute. Der Zugriff auf die Langwaffen war für den Großeinsatz sogar so eingeschränkt, dass Beamte von zu Hause ihre zivile Version des Gewehres (ohne Dauerfeuer) mit in das Gefecht nahmen.

Alle Berichte über den Terroranschlag finden Sie auch im Blaulicht-Newsletter des KURIER:

Umfrage: Wie sicher fühlen Sie sich nach dem Anschlag? 

"Ich fühle mich sicher. Die Wahrscheinlichkeit, dass mir mit dem Fahrrad etwas passiert ist größer."  Anna P., Schülerin 

"Ich schaue, dass ich mein Leben davon nicht beeinflussen lasse. Man muss sich aufs Positive konzentrieren."  Gabriel G., Schiedsrichter und Marketingmanager 

"Wien ist schon sicher. Aber ich bin schockiert, dass es bei uns passiert ist. Man kennt das nicht in Wien. Ich fühle mich schon sicher, aber ich weiß nicht wie es jetzt ist, wenn ich in den ersten Bezirk gehe."  Kristina W., Studentin 

"Das war einfach eine Ausnahme, ein Einzelner der sich als Gotteskrieger gefühlt hat. Mein Sicherheitsgefühl hat sich nicht verändert."  Hans B., Pensionist 

"Ich habe Angst, dass das jetzt Usus wird und Nachahmer gibt. Ich wundere mich, dass vorher noch nie etwas passiert ist. Ich fühle mich schon sicher, aber ich beobachte die Menschen jetzt mehr."  Adam K., Retromöbel-Händler 

"Ich habe keine Angst wieder auf die Straße raus zugehen. Weil die Polizei und die Regierung auf die Menschen schauen. Aber es ist beleidigend, Wien ist so eine nette Stadt, wieso muss das den Menschen antun?"  Svetlana Bagday, Mutter 

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