Ein Friseur in der Berzeliusgasse in den 1950er-Jahren. Noch heute gibt es Geschäfte und Lokale in der Siedlung

© Wien Museum / Privat

Chronik Wien
10/10/2020

Die Siemensstraße in Floridsdorf: Eine Kleinstadt in der Stadt

Vor 70 Jahren setzt die Siedlung in der Siemensstraße neue Wohn-Maßstäbe. Nun bekommt sie eine Ausstellung.

von Katharina Zach

Der Zweite Weltkrieg hat seine Spuren hinterlassen. Mehr als 86.000 Wohnungen sind 1945 ausgebombt oder unbrauchbar, die Wohnungsnot ist groß. Die Stadt muss handeln. Und sie tut das mit einer groß angelegten Wohnbauoffensive – dem sogenannten Schnellbauprogramm.

Eine dieser Siedlungen feiert heuer ihren 70. Geburtstag. Von 1950 bis 1954 wurde die Siedlung Siemensstraße in Floridsdorf aus dem Boden gestampft, 1.700 Gemeindewohnungen errichtet. Nun erinnert die Ausstellung „Terra Nova – Neue Nachbarschaft“ der Wohnpartner Team 21 gemeinsam mit dem Wien Museum an das Leben von damals.

„Das war damals der größte Gemeindebau der Stadt“, erzählt Werner Michael Schwarz, einer der Kuratoren. Und gleichzeitig eine städtebauliche Pionierleistung. Denn erstmals wurde auf die Entflechtung von Wohnen, Arbeiten und Erholung geachtet. Architekt Franz Schuster errichtete Kleinstwohnungen zwischen 30 und 35 Quadratmetern.

Bäder hatten die Apartments zwar nicht, dafür gab es in der Siedlung ein Tröpferlbad. Der Clou war aber: Die Gebäude waren so errichtet, dass zwei Wohnungen unkompliziert zu einer größeren zusammengelegt werden konnten. Allerdings passierte das in der Praxis nicht oft.

Ausstellung "Terra Nova - Neue Nachbarschaft"
In der Original-Wohnung (Scottgasse 5, Stiege 107/1) geben Fotos und Erinnerungsstücke Einblick in das Leben von damals.

Das Wien Museum bietet zudem Stadtspaziergänge an. Die Ausstellung läuft bis 26. 3. 2021. Besichtigung jeden Freitag nach Voranmeldung unter 01/24 503-21080

Für die Ausstellung, die in einer Original-Duplex Wohnung stattfindet, sprachen die Organisatoren auch mit Zeitzeugen, die Fotos und sogar Videos zu Verfügung stellten. „Aus den Gesprächen hörte man, dass es sehr beglückend war, eine Wohnung nach dem Krieg zu bekommen, einen schönen, modernen Wohnraum, wenn er auch klein war“, sagt Schwarz. Das Leben von mehrköpfigen Familien erforderte da natürlich große Flexibilität. Ein Klapptisch war da schon mal Schreibtisch und Vitrine in einem. Speziell designte Kleinmöbel waren nämlich für die meisten Menschen zu teuer.

„Neue Nachbarschaft“

Dafür entlohnten die großzügigen Grünanlagen. Schuster hatte sich nämlich das Konzept der „Neuen Nachbarschaft“ aus dem angloamerikanischem Raum abgeschaut. „Bei dem konnten die Leute individuell wohnen, aber fanden einen gemeinschaftlichen Raum vor“, erklärt der Kurator. So gab es in der Siedlung ein Volksheim, einen Kindergarten, ein Kinderfreibad sowie Ladenzeilen. „Die Siedlung war ein bisschen eine grüne Enklave“, sagt Schwarz.

Das Wohnkonzept, das damals auch international Beachtung fand, wartete mit einer weiteren Besonderheit auf, die heute wieder ganz aktuell ist: Es wurden Heimstätten für ältere Menschen (und auch Kriegsinvaliden) gebaut, damit diese so lange wie möglich zu Hause leben konnten. Diese Wohnungen im Erdgeschoss waren nach damaligen Standards barrierefrei. Es gab sogar ein Apartment für eine Fürsorgerin.

Letztendlich lösten andere Projekte wie der Heinz-Nittel-Hof die Siemensstraße als angesagte Wohnform ab. Doch das Erbe blieb erhalten. Heute steht die Siedlung unter Denkmalschutz.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.