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Chronik Wien
10/11/2019

Desolate Wiener Spitäler brauchen 2,7 Milliarden Euro

Runderneuerung der KAV-Häuser wird viel teurer als geplant. Konzept mit vielen Stolpersteinen.

von Josef Gebhard

Der Gegensatz könnte größer nicht sein: Während das nach endlosen Querelen nun doch fertiggestellte KH Nord von der Stadt als „modernstes Spital Europas“ gefeiert wird, sind andere Gemeindespitäler in einem besorgniserregenden baulichen Zustand.

Nachdem die längst überfälligen Sanierungsmaßnahmen jahrelang aufgeschoben wurden, hat der Krankenanstaltenverbund (KAV) den international renommierten dänischen Krankenhausplaner Lohfert-Praetorius beauftragt, einen „Ziel- und Gesamtplans“ zu erstellen. Eigentlich hätte dieser bereits im Juni der Öffentlichkeit präsentiert werden sollen.

Nun liegt das Konzept dem KURIER vor. Vorweg: Es enthält gleich eine Reihe von Stolpersteinen, die auch in diesem Fall eine reibungslose Umsetzung äußerst fraglich erscheinen lassen. Die wichtigsten Details:

Kosten

Insgesamt müssen laut Konzept in den nächsten Jahren 2,7 Milliarden Euro in die desolaten Spitäler investiert werden – das ist doppelt so viel wie in den Bau des KH Nord. Der Löwenanteil entfällt demnach auf das Wilhelminenspital mit 885 Millionen Euro. Damit liegt der veranschlagte Geldbedarf bereits jetzt deutlich über jenen zwei Milliarden Euro, die Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) noch im August genannt hatte.

Zeitgleich kommunizierte die KAV-Spitze intern gar nur eine Milliarde Euro, die „in den nächsten Jahren“ in die Gemeindespitäler (exklusive AKH) investiert werden soll.

Keine Zentralbauten

Die jetzigen Pläne bedeuten eine radikale Abkehr von Neubau-Konzepten, die in den vergangenen Jahren verfolgt wurden. Denn ursprünglich sollten moderne Zentralbauten in Hietzing und im Wilhelminenspital das überalterte, unökonomische Pavillon-System ersetzen. Für das Wilhelminenspital etwa wurde bereits um teures Geld ein Architekturwettbewerb für ein Büro- und Betriebsgebäude abgewickelt.

Jetzt ist alles anders: Die neuen Pläne sehen einen schrittweisen Abriss der Pavillons vor, die durch neue Einzelbauten ersetzt werden sollen. Der Hintergrund: Einzelne Pavillons sind schon so desolat, dass sie dem Vernehmen nach nicht mehr bis zum Zeitpunkt der Fertigstellung eines Zentralbaus betrieben werden könnten. Kurioses Detail: Der als Provisorium errichtete Container-OP im Wilhelminenspital bleibt erhalten. Er müsste somit 2024 um enorme Summen vom Errichter gekauft werden, der ihn an den KAV vermietet hat – um jährlich kolportierte vier Millionen Euro.

Bettenzahl

Trotz des enormen Wachstums der Wiener Bevölkerung sind für 2030 nur 5.100 Betten in den Gemeindespitälern vorgesehen – das sind um 67 mehr als 2018. Angesichts bereits jetzt bestehender Engpässe werde das nicht ausreichen, ist man in KAV-Kreisen überzeugt. Von den internen Umschichtungen besonders betroffen ist das Krankenhaus Hietzing, das 246 Betten (also 25 Prozent) verliert, ebenso die Rudolfstiftung.

Denkmalschutz

Auch in Hietzing soll eine Reihe von Pavillons abgerissen werden, um Neubauten Platz zu machen. Ob das umsetzbar ist, ist jedoch fraglich, da einzelne Teile unter Denkmalschutz stehen. Dies wurde bei der Planung offenbar nicht berücksichtigt. Unklar ist auch, ob die im Konzept vorgesehene Ausgliederung des Areals des Neurologischen Zentrums Rosenhügel rechtlich möglich ist.

Zeitplan

Das vor Jahren von der Stadt erstellte „Spitalskonzept 2030“ – die Neuverteilung und Konzentration der verschiedenen medizinischen Leistungen auf sechs Standorten – ist de facto Geschichte. Zwar wird in dem Papier nach wie vor eine Umsetzung bis 2030 angepeilt, aber offenbar kalkulieren die Ersteller bereits jetzt mit massiven Verzögerungen. „Die tatsächliche Umsetzung dieser Rochaden und Maßnahmen kann sich bis 2040 verzögern. Dies ist abhängig von den einzelnen Bau- bzw. Umbauprojekten“, heißt es in dem Papier.

Tatsächlich erstrecken sich die Bauarbeiten laut Plan an einzelnen Standorten bis ins Jahr 2039. Etwa im Wilhelminenspital. Zur Erinnerung: 2012 hatte die Stadt angekündigt, dass dort bis 2024 ein neues Spital entstehen sollte. Insgesamt sind für die Bauarbeiten im Wilhelminenspital 14 Jahre bei laufendem Betrieb veranschlagt – laut KAV-Insidern eine unzumutbare Belastung für Patienten, Personal und Besucher.

Zu all diesen Punkten und offenen Fragen hat der KURIER den KAV um eine Stellungnahme ersucht. Dieser gibt sich jedoch wortkarg: „Wir befinden uns in der internen Feinabstimmung unserer Planung, welche im Anschluss den politischen Entscheidungsträgern vorgelegt wird“, lässt ein Sprecher wissen. Freilich: Das vermeintlich nicht fertige Konzept wurde bereits im September den Führungsteams der einzelnen Gemeindespitäler präsentiert. Für KAV-Insider ist es daher fraglich, ob noch große Adaptierungen geplant sind.