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Chronik Wien
04/18/2021

Debatte: Welchen Wert hat das Welterbe?

Seit Jahren wird in Wien um den Erhalt des Welterbe-Status gekämpft. Welche Auswirkungen der Verlust hätte, ist umstritten.

von Stefanie Rachbauer, Christoph Schwarz

Dass Bauprojekte mit dem Welterbe-Status in Konflikt stehen, ist kein Wiener Unikum. Als die Stadt Dresden Mitte der 2000er-Jahre eine Autobahnbrücke bauen wollte, schaltete sich die UNESCO ein – und drohte mit der

Aberkennung des Prädikats. Was tat die Stadtregierung? Sie befragte die Bevölkerung, die sich mit 68 Prozent für die Autobahn aussprach, und verzichtete in weiterer Konsequenz auf das Welterbe.

In Wien geht man einen anderen Weg: Seit acht Jahren wurschtelt man in der Causa Heumarkt herum. Investor Michael Tojner, dem das Areal in der Welterbe-Zone gehört, wollte ursprünglich ein neues Hotel und ein Wohnhochhaus bauen. Vor allem das Hochhaus brachte das historische Zentrum Wiens auf die Rote Liste der UNESCO.

Seit damals versuchen die Stadt und Tojner den Neubau irgendwie (halbherzig, sagen viele) mit den Vorgaben der UNESCO in Einklang zu bringen: Derzeit mit einem noch unfertigen „Plan C“ – der zwar keinen Turm mehr, aber einen Hotelblock von immer noch beachtlicher Höhe vorsieht.

Offen bleibt eine Frage: Ist das Welterbe diesen Aufwand tatsächlich wert – oder könnte sich Wien, wie Dresden, davon verabschieden?

UNESCO
United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization oder Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur

Welterbekonvention
Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Menschheit. Völkerrechtlich bindend, beschreibt es die Pflichten der 193 Vertragsstaaten zum Schutz ihrer Welterbestätten

Welterbe
Gesamtheit der Weltkultur- und Weltnaturerbestätten. Angeführt auf der Welterbeliste sind 1.121 Stätten (zehn in Österreich) von „außergewöhnlichem universellen Wert“, die für die Menschheit  bedeutend und somit schützens- und erhaltenswert sind

Weltkulturerbe
Materielles Weltkulturerbe: Einzigartige und authentische Baudenkmäler, Stadtensembles, Kulturlandschaften, Industriedenkmäler sowie Kunstwerke.
Immaterielles Kulturerbe: Bräuche, Rituale und Feste, Erfahrungswissen und traditionelles Handwerk (in eigener Konvention geregelt)

Weltnaturerbe
Geologische Formationen, Fossilienfundstätten, Naturlandschaften und Schutzreservate für bedrohte Tiere und Pflanzen, die den natürlichen Reichtum der Erde widerspiegeln

Rote Liste
Liste des  gefährdeten Erbes der Welt. 54 Stätten sind auf dieser Liste, weil ihr „außergewöhnlicher universeller Wert“ bedroht ist

Bekannte Welterbestätten
Weltweit: Pyramiden von Gizeh, Akropolis, Ruinenstadt Machu Picchu, Great Barrier Reef, Tempelanlage Angkor Wat
Österreich: Schloss und Park Schönbrunn, Semmeringbahn, Wachau. Immaterielles Kulturerbe: Wiener Heurigenkultur, Rundtanzen am Wiener Eislaufverein, Wiener Sängerknaben

Vorausgeschickt sei eines: Tatsächlich zu fordern traut sich das Ende des Welterbes keiner der zuständigen Politiker. Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) hätte bei seiner Amtsübernahme die Möglichkeit gehabt, heißt es aus seiner Partei. Als klaren Schnitt in der leidigen Heumarkt-Causa. Doch Ludwig entschied anders – und installierte sogar einen Welterbe-Sonderbeauftragten.

Eine klare Position zu der Frage hat Christian Kühn, seines Zeichens Architekturprofessor an der TU Wien und Kritiker des Projekts: Den Status aufzugeben, so Kühn, wäre „ein Verrat an einer fundamentalen Idee. Der Idee, dass eine gemeinsame Weltkultur existiert, zu der alle Nationen beizutragen haben und über die Menschen einander zu verstehen zu versuchen.“

Sich keine Blöße geben

Habe man sich einmal zu diesem Ideal bekannt, so Kühn, gebe man sich nicht die Blöße, es fallen zu lassen. Soll heißen: Man will sich die Schmach ersparen. Dass diese groß ist, dafür sorgt die UNESCO: Einstige Welterbestätten verschwinden nicht einfach von der Liste, sondern bleiben darauf stehen, werden aber gut sichtbar durchgestrichen. Kein Renommee für ein Land.

Um an die Bedeutung des Welterbes zu erinnern, hat sich die UNESCO heuer übrigens etwas Besonderes einfallen lassen: Den „Österreichischen Welterbetag“, der heute begangen wird (mehr Infos unter www.welterbetag.at).

Welchen Wert aber hat das Welterbe abseits des Ideellen? Wirtschaftlich und touristisch ist es von geringer Bedeutung, da sind sich die Experten einig. Wiens Tourismusdirektor will sich aktuell nicht mehr zu der heiklen Frage äußern. Er ließ aber – wie die Hoteliervereinigung – bereits durchblicken, dass das Prädikat für Touristen zweitrangig sei. Weit wichtiger seien Kultur, Architektur und das Stadtbild.

Hier wiederum haken die Welterbe-Hüter ein: Das Welterbe sei „kein Tourismussiegel“, aber sehr wohl ein Instrument, das auf den Schutz genau dieses Stadtbildes abziele, heißt es aus der heimischen UNESCO-Kommission. Bedeutet im Umkehrschluss: Fällt das Welterbe, öffnet sich ein Einfallstor für weitere Projekte einer kurzsichtigen Stadtplanung, die das historische Erbe gefährden. Selbst Welterbe-Befürworter wie Kühn räumen aber ein, dass es schwierig sei, ein ganzes Stadtzentrum als Welterbestätte zu betreiben: „Hier ist mit noch mehr Konflikten zu rechnen als an klar abgegrenzten Orten, wie etwa einem Schloss.“

Turm bei Tadsch Mahal

Wiens Zentrum stehe für eine „kontinuierliche städtische Entwicklung vom Mittelalter über den Barock bis zur Gründerzeit und in die frühe Moderne“, so Kühn. Die entscheidende Frage sei, ob man mit dieser Entwicklung breche (wie das mit dem Heumarkt neu der Fall wäre) oder die Kraft habe, sie in zeitgenössischer Form weiterzuführen. Kühn liefert auch einen anschaulichen Vergleich: „Wenn man ein Hochhaus wie das am Heumarkt hinter das Tadsch Mahal setzen würde, würden wir sagen: ,Die Inder haben nicht verstanden, wie man richtig neue Zeichen setzt‘.“

Ob Dresden damals das richtige Zeichen gesetzt hat? Als die UNESCO den Schnitt vollzog, war die Aufregung im offiziellen Deutschland groß. Von „politischer Blamage“ und einem „schwarzen Tag“ war die Rede. Die Bevölkerung sah (und sieht) das anders: Die Dresdner feierten zu Tausenden die Eröffnung der Brücke. Und in einer späteren Befragung konnten die 68 Prozent Zustimmung von einst sogar übertroffen werden.

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