© Konstantin Auer

Chronik Wien
10/29/2020

Das tragische Ende einer Zwangsheirat

Drei Kinder in Wien erstickt - dann trank die tatverdächtige Mutter Insektengift.

von Michaela Reibenwein

Mitte Oktober soll eine 31-jährige Frau ihre drei Kinder in einer Wohnung in Wien-Donaustadt erstickt haben. Seither sitzt die Verdächtige in Untersuchungshaft, ist stark sediert, kaum ansprechbar und suizidgefährdet. Freunde und Nachbarn hätten eine derartige Tat nie für möglich gehalten, betonten sie. Doch langsam werden die möglichen Hintergründe bekannt.

Studium

Denn die Verdächtige wurde in ein Leben gezwängt, das sie nie wollte. Sie hatte völlig andere Pläne. In ihrer Heimat Kathmandu in Nepal besuchte sie die Universität. Sie studierte Physik, Chemie und Mathematik – eine Ausnahme in dem armen Land, speziell für eine Frau. Doch dann beschloss ihre Familie, dass sie heiraten müsse.

Eine Tante, die in Wien wohnte, suchte einen möglichen Ehemann – ein Landsmann sollte es sein. Arrangierte Ehen sind in Nepal üblich. Und die Tante wurde fündig. „Meine Mandantin wollte gar nicht heiraten. Sie wollte ihre Ausbildung weitermachen. Es dürfte sich um eine Zwangsheirat gehandelt haben“, sagt Rechtsanwalt Florian Höllwarth.

Doch der Familienrat, allen voran der Vater, machte Druck und setzte sich durch. „Reichtum ist für uns wichtiger als Liebe“, sagte die Verdächtige bei ihrer Einvernahme durch die Polizei. Und ein Ehemann, der in Europa wohnte, müsse wohl reich sein – so die Annahme der Familie.

Kennenlernen am Flughafen

Mit einem Studentenvisum kam die Frau schließlich nach Wien. Am Flughafen in Schwechat sah sie ihren künftigen Mann zum ersten Mal. Wenige Tage später wurde in einem Tempel geheiratet, nach zwei Monaten war die Frau mit ihrem ersten Kind schwanger.

Doch glücklich war die Ehe nicht. Seit der Geburt des jüngsten Kindes – der Bub war zum Zeitpunkt seines Todes acht Monate alt – soll die Frau zudem mit psychischen Problemen gekämpft haben. Zuletzt dürfte auch eine Trennung im Raum gestanden sein. Wenige Wochen zuvor war es zu einem heftigen Streit gekommen, der Mann wurde aus der Wohnung gewiesen. Die Frau befürchtete, dass ihr Mann ihr die Kinder wegnehmen würde.

Kopfpolster

Dann dürfte sie den Entschluss gefasst haben, das Leben ihrer Kinder und das eigene zu beenden. Laut Ermittlern wartete sie darauf, dass die Kinder (zwei Mädchen im Alter von 9 und 3 Jahren sowie der Säugling) eingeschlafen waren. Dann soll sie die Kinder mit einem Polster erstickt haben.

Im Anschluss versuchte sie, das eigene Leben zu beenden. Sie trank Insektengift – erst gemischt mit Saft, dann pur. Doch davon wurde ihr nur schlecht.

Gegen 5.30 Uhr in der Früh alarmierte die Frau schließlich selbst die Polizei und gab an, dass sie ihre Kinder getötet hätte und sich nun selbst das Leben nehmen wolle. Sofort eilten Beamte zu der Adresse und fanden in der Wohnung zwei tote Kinder vor. Die Neunjährige zeigte noch schwache Lebenszeichen und wurde sofort ins Krankenhaus gebracht, wo das Mädchen wenig später ebenfalls starb.

Die Wiener Kinder- und Jugendhilfe „kannte die Familie anlässlich der Information über eine Wegweisung durch die Polizei seit zwei Wochen“, gab deren Sprecherin Andrea Friemel bekannt. Es gab auch persönlichen Kontakt. „Eine derartig tragische Handlung der Mutter macht betroffen und war nicht vorhersehbar“, so Friemel.

Wer Suizid-Gedanken hat, sollte sich an vertraute Menschen wenden. Oft hilft bereits das Sprechen über die Gedanken dabei, sie zumindest vorübergehend auszuräumen. Wer für weitere Hilfsangebote offen ist, kann sich an die Telefonseelsorge wenden: Sie bietet schnelle erste Hilfe an und vermittelt Ärzte, Beratungsstellen oder Kliniken. Wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person von Depressionen betroffen sind, wenden Sie sich bitte an die Telefon-Seelsorge in Österreich kostenlos unter der Rufnummer 142.

Das österreichische Suizidpräventionsportal www.suizid-praevention.gv.at bietet Informationen zu Hilfsangeboten für drei Zielgruppen: Personen mit Suizidgedanken, Personen, die sich diesbezüglich Sorgen um andere machen, und Personen, die nahestehende Menschen durch Suizid verloren haben. Das Portal ist Teil des österreichischen Suizidpräventionsprogramms SUPRA des Gesundheitsministeriums.

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