„Nur eine Frau“: Der aktuelle Kinofilm zeigt, was jungen Frauen droht, die den Erwartungen ihrer Familie nicht nachkommen wollen.

© FILMladen/Mathias Bothor

Leben
07/21/2019

„Orient Express“: Wie Frauen der Zwangsheirat entkommen

Mitarbeiterinnen der Hilfsorganisation helfen minderjährigen Frauen in ausweglosen Situationen.

von Uwe Mauch

Zum Schulschluss haben erneut etliche junge Frauen angerufen – und dringend um Hilfe gebeten. Sie wurden von ihren Eltern aus der Kindheit gerissen, mit der Ankündigung: „Wir fliegen in den Ferien nach Hause, dort wirst du deinen Cousin heiraten!“

Einige sind in Depression geraten, andere wollen nicht mehr leben. Die jüngsten sind noch nicht einmal 14, die meisten gehen noch zur Schule oder machen eine Lehre.

Zwangsheirat ist noch immer ein Problem

Meltem Weiland und Najwa Duzdar wissen, wie die minderjährigen Frauen leiden. Sie arbeiten für den Verein „Orient Express“.

An der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert wurde die Zwangsheirat in Österreich erneut zum Problem: „Im Vorjahr haben uns 123 Menschen um Hilfe gebeten. Heuer sind es ebenso viele.“

Oft ruft die Betroffene selbst an. Oder eine gute Freundin, eine Lehrerin, die Schulpsychologin oder die Vorgesetzte. „Je früher wir informiert werden, umso eher können wir helfen“, erklärt Beraterin Weiland.

Tradition zählt mehr als Wünsche

Die Mädchen gehören der zweiten oder dritten Zuwanderer-Generation an. Viel zu früh sollen sie sich einem oft unbekannten Mann hingeben und Kinder gebären. So will es die Tradition. Die meisten Familien stammen aus Afghanistan, Syrien, Tschetschenien und der Türkei.

Es gibt für sie keine Widerrede, nur eine Option: Fremde Menschen um Hilfe bitten – und damit möglicherweise Vater und Mutter, Bruder und Schwester für immer zu verlieren. „Der Druck, der auf den Mädchen lastet, ist riesig“, so die Beraterinnen. „Es droht ihnen im schlimmsten Fall der Verlust ihrer Freiheit, und das lebenslänglich.“

Körperliche Gewalt

Für jene, die körperlicher Gewalt ausgesetzt sind oder verschleppt werden sollen, hat der Verein eine Not- und eine Übergangswohnung eingerichtet. Dort werden die Gefährdeten rund um die Uhr von Sozialarbeiterinnen betreut und von der Polizei gut abgeschirmt. „Das ist notwendig“, betont Najwa Duzdar. „Manchmal werden auch wir bedroht.“ Der Vorwurf der entrüsteten Familien: „Ihr mischt euch in Dinge ein, die euch nichts angehen.“

Die Sozialarbeiterinnen sind gut ausgebildet im Krisenmanagement. Sie wissen, was zu tun ist, wenn ein Mädchen in der Nacht weinend aufwacht und „Ich vermisse meine Mama“ ruft.

Tage, Wochen, Monate des Bangens können vergehen. Doch wenn endlich der Anruf kommt und Weiland mit den Kollegen von der Polizei zum Flughafen hinausfährt, um eine junge Frau in Empfang zu nehmen, denkt sie sich immer: „Es lohnt sich, für die Frauen zu kämpfen.“

Beratungsstelle„Orient Express“Kontakt zur Beratungsstelle – für Anfragen oder auch bei Gefahr in Verzug: 01 / 728 97 25 sowie www.orientexpress-wien.com

Auch Organisation ZONTA hilft

„Zwangsverheiratung ist leider in vielen Ländern Asiens und Afrikas noch immer ein großes Problem“, erklärt Ingeborg Geyer von ZONTA International. Für die Organisation engagieren sich v. a. Frauen in Führungspositionen ehrenamtlich. ZONTA unterstützt  die Programme von UNICEF und UNFPA. Diese sollen betroffene Mädchen und junge Frauen unterstützen. Mehr Infos finden Sie hier.

Polizei wird eingeschaltet

Nahezu immer gelingt es, eine Zwangsverheiratung noch abzuwenden. Berichtet Meltem Weiland, die seit bald zwanzig Jahren für den Verein „Orient Express“ arbeitet und im Laufe der Zeit viel Erfahrung gesammelt hat.

Wird ein Mädchen von ihrer Familie verschleppt, schaltet der Verein, der von der Stadt Wien, Bundeskanzleramt und mehreren Ministerien gefördert wird, die Beamten des Außenamts ein. Dann geht es darum, in einer konzertierten Aktion eine um Hilfe bittende junge Frau zu befreien.

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