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Chronik Wien
06/13/2019

Darum lehrt ein Digital-Berater Wiener Senioren WhatsApp

Der 34-Jährige will Senioren ins mobile Internet holen - mit analogen Mitteln. Ein Lokalaugenschein im Pensionistenklub.

von Stefanie Rachbauer

Launige Twitter-Einträge wie dieser haben Thomas Meyer, Inhaber eines Beratungsbüros zu Social Media in Wien, immer amüsiert. Bis zu diesem einen Gespräch mit seinem Vater.

Wieder einmal musste Meyer ihm erklären, wie Facebook und WhatsApp funktionieren. „Da sagte mein Vater plötzlich: Thomas, wenn es dich nicht geben würde, hätte ich überhaupt keinen Zugang zu all dem“, erzählt er. Dieser Satz ließ den 34-Jährigen nicht mehr los.

Zum Glück von Christine, Waltraud und Ilse. Die drei Damen sitzen mit Meyer im Pensionistenklub in der Josefstädter Schmidgasse zusammen. An der Wand hängt ein metallener Zeitschriftenhalter mit Romanheften aus den Reihen "Julia" und "Baccara", im Nebenzimmer spielen weißhaarige Frauen und Männer Karten.

Zahl der Silver Surfer wächst

Die drei Pensionistinnen haben eine andere Beschäftigung. Sie machen das, was üblicherweise Jugendlichen vorgehalten wird: Sie starren auf ihre Smartphones.

Christine, Waltraud und Ilse sind sogenannte Silver Surfer - also Internetnutzer über 50. Zwar nutzen in Österreich mehr jüngere als ältere Menschen das Internet. Doch die Silver Surfer - und unter ihnen jene, die mobil einsteigen - werden mehr. 

In der Gruppe der 45- bis 54-Jährigen etwa lag der Anteil jener Personen, die über das Smartphone online gingen, im Jahr 2016 noch bei rund 76 Prozent. 2018 war er auf fast 86 Prozent gestiegen.

Geht es nach Meyer, könnten sich noch viel mehr Senioren in die Weiten des Internets trauen. Doch: "Bei vielen herrscht die Angst vor, etwas kaputt zu machen", sagt er.

Wer keine digital-affinen Ansprechpartner habe, traue sich nicht, online zu gehen. "Das ist ein großer Fortschrittshemmer."

Handbuch zur Selbsthilfe

Solchen Personen bringt Meyer in der Schmidgasse eine Facette des mobilen Internets näher: Mittwochs gibt er dort nun WhatsApp- und Social-Media-Kurse (16.15 Uhr, Anmeldung unter 01/ 990 3996, zwei Euro Unkostenbeitrag). 

Demnächst will er auch ein Handbuch herausbringen, mit dem sich Silver Surfer selbst weiterhelfen können - momentan sucht er dafür noch Sponsoren. Denn das Buch soll nicht nur auf seiner Website zum Download angeboten werden, sondern auch in ausgedruckter Form verteilt werden. (Weitere Unterstützungs-Angebote finden Sie am Ende des Artikels.)

Insgesamt sechs Teilnehmer sind an diesem Nachmittag zum Kurs gekommen. "Das Grundprinzip von WhatsApp ist, dass ihr eine Telefonnummer habt. In eurem Telefonbuch seht ihr, wer die App verwendet", sagt Meyer und zeigt das Kontakte-Menü auf seinem Smartphone her.

Weiter kommt er nicht.

"Immer kommt dieses Sex-Klumpert. Das will ich nicht", schimpft Waltraud dazwischen. Meyer nimmt ihr "Spielzeughandy“, wie sie ihr Smartphone nennt, und wischt darauf herum.

Ein "g'scheites" Handy habe sie auch, erzählt Waltraud. Aus ihrer Tasche holt sie ein rosafarbenes Nokia-Gerät mit Sternchen-Cover. Ganz ohne Internet - wie in den Anfangszeiten des Mobilfunks.

Dem "Spielzeughandy" kann Waltraud aber auch praktischen Nutzen abgewinnen.

„Mein Sohn hat auch WhatsApp. Jetzt höre ich endlich was von ihm", sagt sie.

Musterschüler

Meyer ist inzwischen zu einer Diagnose gekommen: „Das sind Push-Nachrichten“, sagt er zu Waldtraud und erklärt, wie sie ausgeschaltet werden können. „Auf Eigenschaften klicken, dann kontrollieren“, schreibt Christine auf den Zettel vor sich.

Einige andere Teilnehmer haben ebenfalls Papier und Stift vor sich liegen. „Das Medium wechselt hier“, sagt Meyer. Diese Art zu lernen habe ihn zu dem Handbuch inspiriert.

Für Ilse ist der Kurs ein Augenöffner: „Jetzt verstehe ich, dass meine Enkel die ganze Zeit am Handy herumspielen.“

Die Vorstellung, was man im Internet überhaupt machen kann, fehle vielen Senioren, sagt Meyer. „Wir vergessen oft, dass es eine Generation gibt, die nicht mit dem Internet aufgewachsen ist. Und die ist aus dem gesellschaftlichen Treiben ausgeschlossen. Aber wer sagt denn, das Essen auf Rädern für Senioren der einzige Essens-Anbieter sein muss? Die könnten auch bei Foodora bestellen.“

Aufklärungskampagne nötig

Politik, Wirtschaft und die Gesellschaft versagen in diesem Zusammenhang, findet Meyer. Nötig seien eine Aufklärungskampage sowie eigens geschultes Personal in Handyshops. Und letztlich könne auch jeder einzelne seinen Beitrag leisten.

Christines Enkel hat das zumindest versucht und der 71-Jährigen WhatsApp erklärt. „Aber verwendet habe ich es dann nicht“, sagt sie. Das soll sich nun ändern.

Ihre erste Nachricht über den Dienst werde sie gleich morgen verschicken: „An meinen Enkel.“

Weitere Angebote

Kaffee Digital: Trainings für digitale Kompetenzen der Generation 60+ (in ganz Österreich, kostenlos)

Smartphone-Führerschein: praktische Handhabung und sicherer Umgang mi dem Smartphone (derzeit nur in Oberösterreich, 29 Euro)

Beides Angebote organisiert Fit4internet, eine Initiative des Wirtschaftsministeriums in Kooperation mit dem Seniorenrat. Infos zu Terminen und Vormerkung unter 0800/22 10 55 (Montag bis Freitag, 10 bis 14 Uhr).