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Chronik Wien
10/08/2019

Dachgärten in Wien: Die Sehnsucht der Städter nach Grün

Wien bekommt zwei öffentliche Terrassen und erprobt damit, wie die Stadt der Zukunft begrünt werden kann.

von Stefanie Rachbauer, Anna-Maria Bauer

Ein Felsenbirnenbaum, der rote Beeren trägt. Links davon: die ebenso rote Spitze der Katholischen Kirche St. Elisabeth. Lila blühende Katzenminze, die würzig duftet. Dahinter: die türkise Kuppel der Karlskirche und ein Stück weiter entfernt die Spitze des Stephansdoms. Bienensummen. Von unten: Autobrummen.

Wer vor dem fünfstöckigen Zinshaus in der Favoritenstraße 50 steht, sieht noch nichts von dem Paradies, das auf dem Dach des Gebäudes wächst. Der erste Hinweis wartet erst im Dachgeschoß: Gleich nach der Lift-Türe schlängelt sich dort eine grüne Ranke durchs Fenster herein. Über eine Wendeltreppe geht es auf den Dachgarten.

Untertags trifft man dort vor allem Mitarbeiter aus den Büros, die in dem Gebäude eingemietet sind. Sie essen am Holztisch neben dem kleinen Teich zu Mittag oder rauchen.  Abends  kommen dann die Bewohner, 14 Parteien sind in dem Zinshaus mitten im dicht verbauten vierten Bezirk eingemietet. So einen Garten zu haben – mit Ausblick und nur wenige Stufen von der eigenen Wohnung entfernt – ist ein Privileg. Noch.

Denn Zugang zu einem Dachgarten oder einer begrünten Terrasse haben derzeit vor allem jene, die sich das leisten können. Oder einfach Glück haben. Das wird sich bald ändern: In der Mariahilfer Straße entstehen in den kommenden Jahren zwei große, durchgehend öffentlich zugängliche Dachgärten.

Einer auf dem Dach des siebenstöckigen City-Ikea, der bis 2021 beim Westbahnhof gebaut wird.

Und einer auf dem Warenhaus der Signa-Gruppe, das bis 2023 nach dem Vorbild des Berliner KaDeWe entsteht und die Leiner-Zentrale ersetzt.

Ikea verrät zwar noch keine Details zum geplanten Dachgarten. Auf KURIER-Anfrage heißt es aber: Bis auf jene Abschnitte, wo Technikteile stehen, solle das rund 3.500 Quadratmeter messende Dach durchgehend begrünt sein. 

Der Dachpark am sechstöckigen Wiener KaDeWe wird rund 1.000 Quadratmeter messen. Wien holt damit nach, was in anderen Kommunen längst Realität ist. Und erprobt, wie in den Städten der Zukunft zusätzlicher Grünraum geschaffen  werden kann. 

Anleihen aus New York

Was frei zugängliche Dachgärten betrifft, ist die Bundeshauptstadt  nämlich im Hintertreffen. „Wien ist da leider Nachzügler – denkt man zum Beispiel an die Highline  oder die Brooklyn Grange in New York“, sagt Vera Enzi, die in dem Wiedner Dachgarten in der Sonne sitzt.

Bei den Projekten, von denen  sie spricht, handelt es sich um eine begrünte, ehemalige Güterzugterrasse und eine 12.540 Quadratmeter große Stadtfarm auf einem früheren Armeegebäude.

Enzi ist Geschäftsführerin von „Grün statt Grau“, einer Kompetenzstelle für Bauwerksbegrünung. Ihr Büro befindet sich direkt unter dem Garten.

Das hier sei eine intensive Form der Dachbegrünung, sagt sie. Soll heißen: Das Substrat – bestehend aus Ziegelsplitt und organischem Material wie Kompost – ist mindestens 20 Zentimeter dick.

Generell sei das Potenzial den Grünraum auf den Dächern Wiens „enorm“, sagt Enzi.  Laut einer aktuellen Erhebung von „Grün statt Grau“ gibt es in Wien zwar mehr als 5.000 Hektar Dachflächen, aber weniger als zehn Prozent davon sind begrünt.

5.000 Hektar Dachflächen gibt es in Wien. Weniger als zehn Prozent davon sind laut einer aktuellen Erhebung begrünt.

34 Hektar begrünte Dächer hat die Donaustadt und ist damit Spitzenreiter unter den Wiener Bezirken.Die Innere Stadt ist mit 2,51 Hektar das Schlusslicht.

18.669 Hektar Wiens sind Grünland. Das entspricht 45 Prozent der Stadtfläche. Der grünste Bezirk ist Hietzing. Den geringsten Grünanteil hat die Josefstadt.

2021 eröffnet der Ikea samt Dachterrasse am  Westbahnhof, zwei Jahre später das KaDeWe mit Dachpark.   

 

 

 

Ob ein Dach bepflanzt werden kann, hängt unter anderem vom Neigungswinkel ab. Laut einer Analyse der MA 22 (Umweltschutz) verfügt Wien über rund 1.800 Quadratmeter begrünbare Dachfläche.

Hübsch, aber auch nützlich

Was nicht heißt, dass auf jeder dieser Flächen ein  ganzer Park entstehen muss: Möglich sind auch extensive Begrünungen. Sie erfordern weniger Substrat – acht Zentimeter müssen es mindestens sein. Verwendet werden  pflegeleichte Pflanzen wie Sukkulenten und Kräuter.

Solche Gründächer sind nicht nur   hübsch, sondern auch nützlich:  Sie kühlen die umliegende Luft, erzeugen Sauerstoff und dämpfen den Schall, sagt Vegetationstechniker Bernhard Scharf von der Universität für Bodenkultur (BOKU). Und sie können – abhängig von der Dämmung – die Temperatur im Gebäude um bis zu vier Grad senken.

Außerdem binden sie bis zu 100 Liter Wasser pro Quadratmeter. Weil dieses nicht gleich in den Kanal rinnt, können Gründächer auf diese Weise Hochwasser verhindern, sagt Scharf.

Rückzugsort für Vögel und Bienen

Expertin Enzi sieht noch einen Vorteil: den Beitrag zur Biodiversität. „Die Dachgärten sind ein Rückzugsort für Bienen und Vögel.“ Wie zum Beweis landet eine Krähe in der Akazie und krächzt laut.  „Die kommt neben vielen anderen Arten regelmäßig vorbei“, sagt Enzi.  „Wenn wir heraußen eine Besprechung machen, müssen wir immer schnell die Kipferl wegräumen.“

Die positiven Effekte  könnten auch am Boden spürbar sein.  Derzeit erlebe man als Fußgänger in der Nähe von Dachgärten zwar keine unmittelbare Kühlung. „Es kommt aber auf die Menge an. Wären alle Dächer Wiens grün, würde man das merken. Jedes Grün hilft, das Stadtklima zu kühlen. Deshalb ist wichtig, ein möglichst dichtes grünes Netzwerk zu schaffen“, sagt Scharf.

Langfristig keine Alternative

Warum gibt es – angesichts dieser Vorteile – nicht schon längst mehr Gründächer? Einerseits, weil sie bei Neubauprojekten leichter zu realisieren sind als im Bestand, sagt Enzi. Andererseits, weil es immer noch Wissenslücken gebe. Und nicht zuletzt deshalb, weil auf Hauseigentümer trotz Förderungen von Bund und Stadt Mehrkosten zukommen können.

Langfristig werden Großstädte an Gründächern aber dennoch nicht  vorbeikommen, sagt Enzi: „Sie sind die einzige Möglichkeit, im Bestand größere Massen zu verändern. Wir werden nicht ganze Stadtquartiere abreißen können, um  Parks zu bauen.“