Langes Warten auf Kundschaft: 21 Fiakerunternehmer mit insgesamt 300 Pferden gibt es in Wien.

© Kurier/Franz Gruber

Chronik Wien
09/21/2020

Corona: Ringen um neues Hilfspaket für Fiaker

Ohne Touristen droht dem Traditionsgewerbe der Ruin. Die Stadtregierung tüftelt an einem Rettungsplan

von Bernhard Ichner

Vier Vorbestellungen hätte Fiaker-Unternehmerin Ursula Chytracek für Samstag gehabt. Alle von deutschen Touristen, die für einen Kurzurlaub nach Wien kommen wollten. Zumindest, bevor Deutschland die Stadt zum

Corona-Krisengebiet erklärte. „Binnen weniger Stunden haben mir alle abgesagt“, klagt die Firmenchefin.

Nun weiß sie nicht, wie es mit ihren knapp 20 Mitarbeitern, mit ihren sieben Kutschen und 38 Pferden weitergehen soll. Denn auch das Hilfspaket, das die Stadt im April für die krisengeschüttelte Fiaker-Branche schnürte, ist ausgelaufen. Ob es verlängert wird, ist noch nicht fix.

Die Lage war schon bisher prekär. Zuletzt habe man ein bis zwei Fuhren am Tag und nicht einmal 25 Prozent der gewohnten Einnahmen gehabt, berichtet Chytracek. „Von vier Fiakern, die ich gestern draußen hatte, hatte einer eine Fuhr, einer löste einen Gutschein ein, und zwei gingen leer aus“, beschreibt sie einen aktuell typischen Arbeitstag. Von sieben Kutschen habe sie zurzeit nur drei bis vier im Einsatz.

Etwa ein Viertel der 21 Wiener Fiaker-Betriebe habe die Pferde in den vergangenen Tagen zur Gänze im Stall gelassen. Die Monate davor waren sogar noch schlimmer. Im März, in dem sie in normalen Jahren 20.000 bis 25.000 Euro Umsatz mache, seien heuer bis zum Lockdown nur etwa 2.000 Euro hereingekommen, erzählt Chytracek. Und im April und Mai – „wegen Ostern und Pfingsten sonst unsere wichtigste Zeit mit Umsätzen von bis zu 40.000 Euro pro Monat“ – musste die Branche Corona-bedingt überhaupt als Totalausfall verbuchen.

Vor der Kündigung

Mangels internationaler Touristen konnte sich niemand etwas für die Wintermonate auf die Seite legen, sagt Chytracek – die sich einen Kredit aufnahm, um wirtschaftlich über die Runden zu kommen. Ihre Mitarbeiter waren erst geringfügig bzw. auf Teilzeit beschäftigt. Demnächst werde sie sie arbeitslos melden müsse, erklärt die Unternehmerin im Gespräch mit dem KURIER. „Ich kann einfach die Löhne nicht mehr zahlen.“

Die Fixkosten für Futter, Pflege und Unterbringung der insgesamt mehr als 300 Wiener Fiakerpferde mussten die Unternehmen freilich trotzdem schultern. Bei etwa 250 bis 300 Euro pro Tier und Woche ohne entsprechende Einkünfte für die meisten ein Ding der Unmöglichkeit. Vor allem kleine und mittlere Betriebe fürchteten bereits um ihre Existenz. Um die in Bedrängnis geratene Traditionsbranche zu unterstützen, schnürte die Stadt Wien deshalb im April ein Hilfspaket – das eigentlich auf drei Monate befristet war (der KURIER berichtete).

Stadt zahlte 240.000 Euro

Im Mai, Juni und Juli übernahm die öffentliche Hand pro Pferd 250 Euro für Futter, Einstreu sowie regelmäßige Hufpflege. Insgesamt 237.125 Euro ließ die Stadt sich das kosten, heißt es im Büro von Tierschutz-Stadträtin Ulli Sima (SPÖ).

Das Wort Als Fiaker wird eine zweispännige Lohnkutsche bezeichnet, aber auch deren Kutscher. Der Begriff stammt aus dem französischen Fiacre. In der Rue de Saint Fiacre befand sich seit 1662 in Paris der erste Standplatz für Lohnkutschen. 

1699  In dem Jahr wurde in Wien die erste Lizenz erteilt.

700 Kutschen gab es dann schon um 1700 in Wien.

21 Fiakerunternehmen gab es mit Stand April 2020 in der Bundeshauptstadt. Die Branche ist nicht mehr ganz so groß wie in den vorangegangenen Jahrhunderten.

300 Pferde sind für diese Firmen im Einsatz.

Hauptkunden sind meist Touristen oder Wiener, die bei Erstkommunionen, Firmungen oder Hochzeiten – also Feierlichkeiten, die derzeit nicht stattfinden können – gern eine Rundfahrt unternehmen.

Maßgeblich an der Hilfsmaßnahme beteiligt war Wirtschaftsstadtrat Peter Hanke (SPÖ). Abgewickelt wurde die Hilfsaktion über die Wirtschaftskammer. Und zwar rasch und unbürokratisch, wie Chytracek (selbst Fiaker-Sprecherin in der Wirtschaftskammer) sagt. „Das war schon eine Supersache, binnen einer Woche war das Geld da.“

Auf lange Sicht – und insbesondere in Hinblick auf die nun noch einmal verschärfte Situation – reiche die Hilfe aber nicht aus. In der Branche wünscht man sich daher die Fortführung des Hilfspakets. „Das wäre zumindest ein Lichtblick“, meint die Fiaker-Unternehmerin.

Beratungen im Rathaus

Im Wiener Rathaus hieß es dazu vorige Woche noch: Nein, es bleibe bei einer einmaligen Unterstützung. Angesichts der jüngsten deutschen Reisewarnung, die nicht nur Wien-Tourismus-Direktor Norbert Kettner als „Super-Katastrophe“ bezeichnet, schwenkt man mittlerweile allerdings um. Wenn auch nur vorsichtig.

Auf KURIER-Anfrage am Freitagnachmittag hieß es aus dem Büro von Ulli Sima: „Wir beobachten die Situation sehr genau.“ Dass Wien zum Krisengebiet erklärt wurde, sei „natürlich eine unerfreuliche Entwicklung für die Fiaker“. Die Stadt schließe eine weitere Unterstützung für die Branche daher nicht mehr aus. Intern würden bereits Gespräche geführt, Entscheidung sei aber noch keine gefallen.

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