In der Wiener Innenstadt fehlen die Touristen

© Kurier/Jeff Mangione

Chronik Wien
08/21/2020

Corona-Zeiten: Ein Land ohne Unterhaltung

Die Zahl der Neu-Infizierten steigt. Die Chance auf einen Herbst mit Konzerten, Clubbesuchen und Ballnächten schwindet.

347. Das ist Anzahl jener Menschen, die sich von Mittwoch auf Donnerstag in Österreich neu mit dem Coronavirus infiziert haben. Seit Tagen bleibt die Zahl der Neu-Infektionen konstant hoch. Insgesamt sind damit in Österreich aktuell 2.609 Personen infiziert.

Das bedeutet auch, dass das, was sich die meisten Menschen nach einem in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Frühling und Sommer wünschen, wohl nicht eintreffen wird: ein normaler Herbst.

Schon jetzt nehmen bei den wenigen Events, die stattfinden, die Veranstalter die Kontaktdaten ihrer Besucher auf. Davon, dass bald wieder Großveranstaltungen wie Konzerte, Bälle oder Christkindlmärkte stattfinden können, ist wohl nicht auszugehen. Der KURIER hat sich angesehen, wo die Auswirkungen am größten sind.

Städtetourismus

Nicht nur in den Straßen fehlen die Touristen, auch in den Hotelbetten: Die Nächtigungen in den Wiener Unterkünften gingen zwischen Jänner und Juni im Vergleich zum Vorjahr um 65 Prozent zurück. Das hat zur Folge, dass der Beherbergungsumsatz nicht 359 Millionen Euro (2019) beträgt, sondern nur 133 Millionen Euro. Ein Minus von 63 Prozent.

Verzweifelte Versuche, inländische Gäste nach Wien zu locken, sind weitgehend gescheitert. Die Aktion „Erlebe deine Hauptstadt“, bei der Österreicher verbilligte Hotelzimmer buchen können, droht zum Flop zu werden: Derzeit hält man bei maximal 4.000 Gästen – erhofft hat man sich bis Ende August 20.000.

Kongresse

Kongresse beleben nicht nur die Event-Branche, sondern die gesamte Tourismusindustrie. Viele Teilnehmer gelten mit durchschnittlichen Tagesausgaben von 500 Euro als besonders spendabel. Davon profitieren Handel, Gastronomie, Hotellerie. Heuer herrscht Flaute. Egal ob Messen, Tagungen oder Großkongresse – sowohl Veranstalter wie auch Teilnehmer zögern mit der Zusage. Zu unsicher sind die Rahmenbedingungen, von den Infektionszahlen bis hin zu sich ständig ändernden Reisewarnungen. Von den üblichen 21.000 Veranstaltungen mit 1,7 Millionen Teilnehmern kann die Kongress- und Tagungsbranche in Corona-Zeiten nur träumen. Die Folgen sind laut einer europäischen Studie noch zwei Jahre zu spüren.

Nachtgastronomie

Die noch immer gültige Sperrstunde um 1 Uhr macht Nachtschwärmern und der Branche das Leben schwer. 24.000 Jobs gab es laut Branchenangaben vor der Pandemie im Wiener Nachtleben. So viele sind es nicht mehr. Clubs und Discos haben immer noch nicht geöffnet. Die steigenden Coronazahlen lassen die Chancen auf baldige Öffnung schwinden. Noch ist es warm, viele Menschen weichen zum Feiern ins Freie aus – was auch zu Konflikten führt. Wohin sie im Winter ziehen, ist offen.

Wie auch die Zukunft von Après-Ski: Es ist in dieser Saison automatisch mit dem Coronavirus verknüpft. Dass der Tiroler Tourismus kein zweites Ischgl verträgt, weiß auch Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP). Er drängt bereits seit Juli auf bundeseinheitliche Regelungen für Après-Ski-Lokale, Nachtbars und Discos.

Events/Konzerte

Von Theater bis Kabarett: Alle diese Veranstaltungen wurden im Frühling abgesagt oder auf Herbst verschoben. Während kleine Events wieder – unter Auflagen – stattfinden, sind Termine für größere Konzerte nicht in Sicht. Bei Veranstaltungen, die drinnen stattfinden, greifen schon jetzt immer mehr Organisatoren auf Anwesenheitslisten zurück – um im Ernstfall die Kontaktpersonen von Infizierten zu finden.

Bälle

Es schaut nicht gut aus für die Ballsaison: Abstandhalten beim Tanzen ist schwierig. Der Rotkreuzball wurde bereits abgesagt, weitere dürften folgen. Damit wackeln gesellschaftliche Fixpunkte wie der Opernball. Der Jägerball etwa würde am 25. Jänner zum 100. Mal stattfinden. Ob das Jubiläum gefeiert werden kann, ist fraglich: „Es hat keinen Sinn, mit Maske auf einen Ball zu gehen“, sagt Leo Nagy, Präsident des Grünen Kreuzes, das den Ball organisiert. Hinter vorgehaltener Hand geht man in der Branche nicht davon aus, dass dieses Jahr überhaupt ein Ball stattfinden kann.

Hochkultur

Kann das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker stattfinden, oder nicht? Noch ist es nicht abgesagt. Allerdings: Das jährliche Sommernachtskonzert der Philharmoniker – das ja unter freiem Himmel in Schönbrunn stattfindet – kann heuer nur online abgehalten werden. Zunächst hat man noch versucht, das Event mit dem Verschieben von Juni auf September zu retten.

Christkindlmärkte

Noch dauert es bis zum Winter, aber bereits jetzt fürchten Betreiber und Standler um die Christkindlmärkte. In Wien wurden sie einst ins Leben gerufen, um der Tourismus-Flaute im Winter zu begegnen. Dieses Jahr könnte es wieder ruhig werden rund um Weihnachten.

Die Kombination aus dann beginnender Grippewelle und zu wenig Abstand nach Punsch- und Glühwein-Konsum ist heikel, auch im Freien. Übrigens: Innsbruck will aus jetziger Sicht an seinem Christkindlmarkt festhalten.

Sport

Der Fußball startete in den beiden Profiligen im Juni als erste Sportart nach dem Lockdown. Das Covid-Konzept mit regelmäßigen Testungen der Aktiven hat sich als Vorbild bewährt. Allerdings ist der finanzielle Schaden bei Spielen ohne Zuschauer enorm, vor allem für Rapid. Ab 1. September sind in den Stadien maximal 10.000 Zuschauer erlaubt – und das nur, wenn die Abstandsregeln eingehalten werden können.

Messe

Die Corona-Krise trifft die Messebranche besonders hart. Alleine in Wien wurden die Einrichtungsmesse Wohnen & Interieur und die große Seniorenmesse Lebenslust  abgesagt. Ebenso betroffen waren die Messen Intertool (für Fertigungstechnik), Smart Automation (Industrie-Automation) und Austropharm (pharmazeutische Produkte).

„Wir haben sämtliche Frühjahrsmessen absagt, wir haben außerdem 100 Kongresse und Veranstaltungen streichen müssen“, sagt Benedikt Binder-Krieglstein, Vorstandschef von Reed Messen, exklusiver Betreiber der Messe Wien. „Wir sind guter Hoffnung, dass wir die Herbstveranstaltungen durchführen können, aber durch die steigenden Infektionszahlen gibt es wieder Sorgenfalten.“ Im Oktober will Reed Messen in Wien mit vier Messen durchstarten, dazu zählt die Modellbau-Messe.

„Wir halten an den ursprünglichen Terminen fest, um den Ausstellern und Besuchern die größtmögliche Routine bieten zu können“, sagt Binder-Krieglstein. Die Messen in Wien bringen jährlich rund 270 Millionen Euro an Wertschöpfung. 

Hofburg

Im Veranstaltungszentrum der Wiener Hofburg geben sich normalerweise internationale Gäste bei Kongressen, Messen und Feiern die Klinke in die Hand. 320.000 Teilnehmer zählen die Veranstalter normalerweise im Jahr, 70 Prozent davon reisen aus dem Ausland an.

Damit ist auch schon erklärt, warum es derzeit in dem historischen Gemäuer so ruhig wie selten zuvor zugeht.  „Für den Herbst ist wieder Interesse an Veranstaltungen da, aber auch Unsicherheit, ob internationale Teilnehmer kommen“, sagt  Monika Scheinost vom Veranstaltungsteam der Hofburg. Aktuell sind für den Rest des Jahres gerade einmal eine Handvoll Veranstaltungen mit mehr als 500 Teilnehmern geplant. Aufgrund der aktuellen Covid-19-Bestimmungen dürfen auch gar nicht mehr so viele Gäste wie anno dazumal zu einer Veranstaltung kommen. Am Beispiel  Festsaal: Hier lag die maximale Teilnehmerzahl vor Corona bei 1.218, jetzt hat sie sich auf 609 halbiert.

Das Management der Hofburg hat zuletzt in Sicherheitskonzepte und  Technologien investiert. „Hybrid-Veranstaltungen, bei denen sich viele Teilnehmer zuschalten lassen, werden die Zukunft sein“, ist Scheinost überzeugt.

Sacher

Hotels. Es landen zwar wieder mehr Flugzeuge in Wien Schwechat, aber das ist nur ein schwacher Trost für Hoteliers in der Innenstadt, die normalerweise von internationalen Touristen leben. „Verbesserung seh ich in den vergangenen Wochen keine“, sagt Matthias Winkler, Chef der Sacher-Gruppe.

Die Zimmerumsätze des Hotel Sacher liegen derzeit bei zehn bis 15 Prozent des Normalniveaus, nur zwei der sieben Etagen des Hauses sind aktuell geöffnet.
Auch im zur Gruppe gehörenden Haus in Salzburg herrscht trotz der Festspiele mehr oder weniger Flaute.   Winkler: „Unter dem Strich kostet uns jeder Tag, an dem unsere Hotels offen sind, Geld.“ Unter einer Auslastung von

50 Prozent lasse sich kein Luxushotel profitabel führen. Schließlich müsse ein Hotel seiner Klasse diverse Service-Leistungen – wie etwa einen  Nachtconcierge – bieten, egal ob ein Gast oder hunderte Touristen im Haus sind. Derzeit sind mehr als 90 Prozent seiner Mitarbeiter in Kurzarbeit. Winkler: „Was wir tun, wenn Phase 2 der Kurzarbeit Ende September ausläuft, kann ich noch nicht sagen.“

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.