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Chronik Wien
02/04/2021

Corona: "Die Bevölkerung hat nicht die Wahrheit erfahren"

Ex-ÖVP-Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky kritisiert das Pandemie-Management der Regierung scharf.

von Josef Gebhard

Die ehemalige ÖVP-Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky leitet heute das Department Gesundheit der FH St. Pölten. Die Ärztin geht mit dem Corona-Management der Regierung scharf ins Gericht. Ebenso mit den jüngsten Abschiebungen von jugendlichen Flüchtlingen.

KURIER: Handel, Schulen und Kindergärten öffnen nun wieder. Eine sinnvolle Maßnahme?

Andrea Kdolsky: Es ist der richtige Weg, auch wenn die vorgegebenen Infektionszahlen noch nicht erreicht sind. Man muss abwägen: Auf der einen Seite stehen die Infektionszahlen, auf der anderen Seite geht es um die psychische Belastung in der Bevölkerung. Ich möchte nur an die Hilfeschreie der Kinderpsychiater erinnern. Insofern ist ein vorsichtiges Öffnen unter Einhaltung vieler Kriterien der richtige Weg, um den Leuten wieder ein bisschen ein Durchatmen zu ermöglichen.

Die Öffnung wird die Infektionszahlen wieder steigen lassen. Wo ist das Limit, bei dem man wieder zusperren muss?

Entscheidend ist die Auslastung der Spitalsbetten. Derzeit liegen wir bei unter 300 belegten Intensivbetten. Das heißt, wir haben einen passablen Polster. Man wird die Lage genau beobachten müssen. Ich habe aber für mich eine Berechnung angestellt, die ich interessant finde: Zuletzt sind die Zahlen nicht mehr gesunken, aber auch nicht gestiegen, obwohl die Leute sich nicht an den Lockdown halten, es mindestens zwei infektiösere Mutationen gibt und es gerade im Westen viele Themen wie Après-Ski und Treffen in Gruppen gibt.

Das klingt fast ein bisschen versöhnlich. Vor ein paar Tagen haben Sie der Regierung noch Konzeptlosigkeit vorgeworfen. Sehen Sie das jetzt nicht mehr so?

Mein Hauptkritikpunkt, der nach wie vor aufrecht ist, ist die von Beginn an schlecht funktionierende Kommunikation. Wir haben nicht die Wahrheit erfahren. Aktuelles Beispiel: Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass man der Gastronomie, den Hotels und den Kulturbetrieben nicht klar sagen kann, dass man sie erst nach Ostern öffnen lassen will.

Und die eigentliche Sacharbeit der Regierung?

Sie können keine Logistik. Das beginnt bei der Corona-Ampel und geht bis hin zur Organisation der Tests und der Impfungen. Auch die Absicherung der Pflegeheime ist nicht gelungen. Seit Ende März weiß man, dass man auf sie besonders aufpassen muss. Trotzdem wurde verabsäumt, ein gesamtheitliches Konzept zu entwickeln.

Aber ist für diese Probleme nicht vor allem der Föderalismus verantwortlich?

Ich war nie sehr vom Föderalismus begeistert. Als Ministerin hab ich darauf hingewiesen, dass Themen wie Gesundheit nicht föderal zu lösen sind. Und gerade in Krisensituationen braucht es klare Vorgaben aus dem Bundesbereich.

Sie haben auch massiv die jüngsten Abschiebungen von Jugendlichen kritisiert. Sehen Sie in der Kurz-ÖVP noch Ihre politsche Heimat?

Ich habe eine Ideologie in mir und bin seit 42 Jahren Mitglied der ÖVP. Die Türkisen sind es erst seit ein paar Jahren. Schauen wir es uns einfach an. Ich werfe Ideologien nicht einfach so über den Haufen.

Sie haben  für die Neos ein Pflegekonzept entwickelt. Wäre eine  Option, dass Sie sich für die Neos auch politisch engagieren?

Ich bin ein bunter Vogel und nehme es mir als Expertin heraus,  dort meine Ideen einzubringen, wo es gerade passt. Das Pflegekonzept habe ich ja nicht als politische Mitarbeiterin, sondern als Unternehmensberaterin erstellt. Eine Kandidatur für die Neos oder irgendwo anders kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen.

 

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