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Feuer
05/14/2019

Brand in Simmering: Bewohner retten verkohlte Erinnerungen

Brandstiftung wird mittlerweile ausgeschlossen. Alle Bewohner bekamen am Dienstag kurz Zugang zu ihren Wohnungen.

von Konstantin Auer

Verzweiflung und Freude liegen selten so nahe beieinander wie am Dienstag am Enkplatz in Simmering. Die Mieter und Eigentümer des Wohnkomplexes, der am Samstag gebrannt hat, warten, bis sie zumindest das Wichtigste aus ihren Wohnungen holen dürfen.

Die einen freuen sich, ihre Dokumente, Kleidung, Impfpässe, Laptops oder Kreditkarten wieder bei sich zu haben. Andere weinen und konnten nur noch einen Klarinettenkoffer oder verkohlte und vom Löschwasser aufgeweichte Erinnerungsfotos retten.

Das Kriseninterventionsteam der Stadt hat Zelte aufgebaut, es gibt Tee und Decken für die Verzweifelten. Die Kirche am Enkplatz wird geöffnet, auch dort dürfen die Brandopfer warten, bis sie Stiege für Stiege aufgerufen werden.

Sie sind mit Koffern, Taschen und Säcken gekommen. Bevor sie das Haus betreten dürfen, verteilt die Gruppe Sofortmaßnahmen Helme. 15 Minuten haben sie in der Wohnung Zeit.

Teddy gerettet

„Ich habe mir extra eine Liste geschrieben, damit ich in der kurzen Zeit nichts vergesse“, sagt eine junge Frau. Reisepass und Tablet mit wichtigen Arbeitsunterlagen stehen ganz oben.

Olga Beiza umklammert einen weißen Teddybären, als sie aus dem Haus zurückkommt. „Den habe ich schon so lange, der ist wichtig“, sagt sie. Gemeinsam mit ihrem Mann konnte sie noch Lebensmittel retten, denn sie wohnten im ersten Stock.

Der dritte und vierte Stock sind durch die Löscharbeiten beschädigt, das Dachgeschoß komplett zerstört.

Brandstiftung ausgeschlossen

Die Brandermittlergruppe des Landeskriminalamts ist währenddessen ein Stück weitergekommen: Brandstiftung wird ausgeschlossen. Laut Chefinspektor Armin Ortner brach das Feuer im Dachgeschoß im Bereich von drei Wohnungen auf der dem Enkplatz zugewandten Seite etwa zehn bis 20 Meter vom Eck zur Simmeringer Hauptstraße entfernt aus.

Die genaue Brandursache konnte noch nicht ermittelt werden. „Es geht jetzt darum, dass wir mögliche Ursachen finden, überprüfen und ausschließen, bis im Optimalfall nur mehr eine übrig bleibt“, sagt Ortner.

Er weist daraufhin, dass das Haus in den 50er-Jahren errichtet wurde. Dementsprechend alt sind auch die Installationen, was die Ermittler berücksichtigen.

Dem damaligen Standard entsprechend sind auch die Brandschutzeinrichtungen, was eine mögliche Erklärung für die rasante Ausbreitung des Feuers über etwa 200 Meter wäre. Augenzeugen hätten von einer regelrechten Feuerwalze gesprochen. Auch die Dachgeschoßwohnungen waren bereits in den 50er-Jahren beim Neubau errichtet worden.

Sicherung läuft weiter

Gleichzeitig wird am Haus gearbeitet: Zwei Kräne heben die letzten losen Reste des Blechdaches weg. Die Feuerwehr, Installateure, Statiker und Elektriker sind vor Ort, betreiben Sicherungsarbeiten und prüfen Gas- und Wasserleitungen.

„Wenn alles nach Plan läuft, kann Ende der Woche die Stiege 2 bewohnbar gemacht werden“, heißt es von der Stadt. Man rechne damit, dass in drei bis vier Wochen alle nicht zerstörten Wohnungen beziehbar sind.

„Das ist aber nur ein grober Fahrplan, kein Versprechen“, sagt ein Sprecher der Gruppe Sofortmaßnahmen der Stadt Wien.

Am Dienstag besichtigten die ersten Dachgeschoßbewohner Ersatzwohnungen, die von Wiener Wohnen vermittelt werden. Das oberste Geschoß muss komplett neu gebaut werden, das könnte Jahre dauern.