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Chronik Wien
09/19/2020

Ottakring: Schlechter Ruf, gute Stimmung

Zwischen Gürtel und Wienerwald finden die unterschiedlichsten Menschen im 16. Bezirk ein Zuhause.

von Andreas Puschautz

Multikulti-Hotspot, sozialer Brennpunkt – kurzum: ein nicht ungefährliches Pflaster. Das ist Wiens 16. Bezirk, zumindest in der medialen Wahrnehmung.

Ottakring, das ist aber auch der Wilhelminenberg, das sind Heurige mit Bim-Anschluss und ruhige Gründerzeitviertel – und das ist die in den vergangenen Jahren zum Veranstaltungszentrum erweiterte Brauerei mit den signalgelben Dosen.

Eine Stadt in der Stadt, ein Lebensgefühl – zumindest wenn es nach den Einwohnern geht.

„Es ist einfach eine gute Mischung aus abgefuckt und schön, in der einen Richtung grün, in der anderen Moloch“, beschreibt Severin seinen 16. Hieb. Vor elf Jahren kam der Bayer für sein Studium nach Wien, sieben davon verbrachte er in Ottakring. „Einmal über den Yppenplatz und man hat eine ganze Weltreise gemacht“, sagt er – und meint es uneingeschränkt positiv.

Zusammengerauft

Der Yppenplatz: Bei aller Vielseitigkeit Ottakrings schlägt hier, am nördlichen Ende des Brunnenmarktes, ums Eck der „Balkanmeile“ Ottakringer Straße, ohne Frage das multikulturelle Herz des Bezirks. Einer, der viel über die Entwicklung des Grätzels erzählen kann, ist Mihajlo Galić. Der gebürtige Serbe kam 1980 über München nach Wien, seit 1984 lebt er in Ottakring.

Über 30 Jahre lang, bis zu seiner Pensionierung vor vier Jahren, arbeitete er im Café Club International, kurz: C.I., am Yppenplatz. Bis heute lebt er gleich ums Eck – und nach wie vor sitzt er jeden Tag in „seinem“ C.I.

Das Lokal ist eine Institution am Platz. Seit dem Jahr 1986 gibt es hier nicht nur Melange und Bier, sondern auch Sprachkurse und Zimmer für Zugewanderte. Heute ist der „Yppi“ eine der hippsten Adressen der Stadt, Mihajlo und das C.I. haben aber auch noch die wilderen Zeiten in den 1990er-Jahren erlebt.

„Früher hat es mehr Reibereien gegeben“, erzählt der heute 70-Jährige. „Manche, die von weiter her gekommen sind, haben sich benommen wie bei sich zu Hause. Da haben die Leute hier dann gesagt: ‚Ihr müsst euch anpassen, nicht wir uns.‘“

Buntes Miteinander

Intensivierte Polizeistreifen und die Politik, die das Grätzel Stück für Stück aufgewertet hat, haben das Problem mit der Zeit gelöst, sagt er. „Und jetzt funktioniert es hier super – miteinander.“

Das zeigt sich jeden warmen Abend, wenn der kleine Park mit Gruppen von Menschen unterschiedlichster Herkunft gefüllt ist und deutsche neben arabischen, englische neben spanischen und türkische neben serbischen Wortfetzen zu hören sind.

Altes Dorf
Gegründet  wurde Ottakring als Dorf um das Jahr 800. 1892 entstand der 16. Wiener Gemeindebezirk aus den Dörfern Ottakring und Neulerchenfeld.

Grüner Bezirk
30 Prozent der Bezirksfläche sind als Grünland ausgewiesen – jedoch sehr ungleich verteilt. Der Osten ist dicht verbaut, der Westen läuft in den Wienerwald aus.

Rote Prominenz
Der wohl bekannteste Sohn Ottakrings ist Alt-Bürgermeister Michael Häupl, der hier aufwuchs. Geboren wurde er jedoch in Altlengbach (NÖ).

Das zeigt aber auch die Statistik. Nach Einwohnern ist Ottakring der sechstgrößte Bezirk Wiens, nach der Anzahl der Straftaten liegt er auf Rang neun – Tendenz zuletzt (leicht) rückläufig. Freilich gibt es nach wie vor Probleme, diese unterscheiden sich jedoch nicht von denen anderer Bezirke. Die Gentrifizierung ließ die Mieten rund um Brunnenmarkt und Yppenplatz in lichte Höhen steigen, auf der anderen Seite stehen die Schulen des Bezirks vor der Herausforderung vieler Schüler mit nicht-deutscher Muttersprache.

Denn trotz der schicken Lokale am Yppenplatz oder der Villen am Rande des Wienerwalds: Ottakring ist vor allem ein Arbeiter- und Zuwandererbezirk, nach wie vor.

Aber einer, der sich gemacht hat, findet zumindest Mihajlo. „Ich sehe, was hier über die Jahre passiert ist, und die Leute fühlen sich wohl“, sagt er. Und er ergänzt mit einem verschmitzten Lächeln: „Ich weiß, ich lobe sehr viel, aber es ist halt so.“

Bild links: © ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com

Bild rechts: © Kurier/Gerhard Deutsch

Die Jubiläumswarte einst und jetzt

Die Jubiläumswarte am Gallitzinberg: Seit 1898 befindet sich hier ein Aussichtsturm

Kein Weg zurück

Ottakring zu verlassen, das kommt für ihn nicht infrage. Sein Sohn kam hier zur Welt und wurde hier getauft, ebenso sein erster Enkel. Beim zweiten wird es kommendes Jahr genauso sein. Er selbst hat diese Woche seinen Siebziger gefeiert – natürlich im C.I.

So weit ist es bei Severin noch nicht, doch wie Mihajlo liebt auch er sein Ottakring. „Als ich das letzte Mal umgezogen bin, habe ich pro forma auch im 15. und im 17. Bezirk geschaut. Aber sobald ich ‚1170‘ gesehen habe, habe ich die Anzeige eigentlich schon ignoriert.“

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