© Tobias Pehböck

Chronik Wien
03/14/2021

Auftragsmord im Friseursalon: Der Fall Arnold Schmidt

Dunkle Spuren: Am 16. November 2016 wurde der 46-jährige Friseur in Wien erschossen. Die Spur des Täters führt nach Serbien.

von Michaela Reibenwein, Tobias Pehböck

Arnold Schmidt liebt seinen Beruf. Obwohl ihn seine Eltern lieber als Polizist mit geregeltem Einkommen gesehen hätten, schlägt der gebürtige Burgenländer einen anderen Weg ein und wird Friseur. Mit Begeisterung. Am 16. November 2016 hat er gerade einem älteren Stammkunden in seinem Salon in der Wienerbergstraße in Wien-Meidling die Haare geschnitten. Er ist dabei, zusammenzukehren, als sich gegen 11.30 Uhr die Türe zum Geschäft öffnet. Ein schwarz gekleideter Mann tritt ein. Er zückt eine Pistole und gibt aus zwei Metern Entfernung sofort zwei Schüsse ab. Der 46-jährige Schmidt sackt zusammen – die Kugeln haben ihn im Oberkörper getroffen.

Der Täter bleibt nicht ungesehen. Im Nebenzimmer des Salons schneidet eine Mitarbeiterin von Schmidt gerade einer Kundin die Haare. Sie sitzen mit dem Rücken zur Tat. Doch sie sehen den Täter im Spiegel. Der unmaskierte Mann blickt sie an und verschwindet. Er ist bis heute ein Phantom geblieben.

Der Mordfall Arnold Schmidt ist rätselhaft und bis heute ungeklärt. Fest steht: Die Tat war kein Zufall. „Wir gehen davon aus, dass es ein Auftragstäter war“, sagt Chefinspektor Helmut Fischer vom Landeskriminalamt Wien.

Wie der Mann geflohen ist, konnte nicht festgestellt werden. Zwar gibt es eine Videoaufnahme von einer Tankstelle schräg gegenüber. Darauf ist allerdings nur ein kleiner schwarzer Punkt erkennbar. Es ist eine Person, die zur Tatzeit den Friseursalon verlässt und seelenruhig nach rechts in eine große Gemeindebau-Siedlung einbiegt.

Polizisten der Bereitschaftseinheit und Diensthunde durchforsteten die mögliche Fluchtroute nach Hinweisen. Allerdings erfolglos. Der Täter könnte also in der Nähe ein Auto stehen gehabt haben. Nur wenige Gehminuten entfernt befindet sich allerdings auch die S-Bahn- und U-Bahn-Station Meidling. Videos wurden zwar überprüft, eine passende Person war allerdings nicht darauf zu sehen.

Die Ermittlungen führen in Richtung Serbien. Mehrere Faktoren sprechen dafür. Zum einen handelte es sich bei der Tatwaffe um eine Zastava – eine serbische Pistole. Der schwarz gekleidete Täter war außerdem nicht maskiert. „Er musste sich also keine Sorgen machen, dass er hier erkannt wird“, schließt Fischer daraus.

Die Beschreibung könnte auch auf einen serbischen Staatsbürger passen: 40 bis 50 Jahre, etwa 1,70 Meter groß, kräftige Statur, dunklerer Teint, dicke Augenbrauen. Bekannt ist zudem, dass der Täter einen ausländischen Akzent hatte.

Nach den Schüssen übermittelte der Mann Arnold Schmidt eine kurze Botschaft – was genau, ist allerdings unklar. Danach verließ er ohne Hektik das Geschäft und tauchte unter. Die Beschreibungen der anwesenden Frauen waren leider nicht zielführend - sie waren zu unterschiedlich.

Schmidt dürfte im Vorfeld der Tat beobachtet worden sein. „Meiner Mutter hat er erzählt, dass er sich im Geschäft beobachtet fühlt“, sagt Isabella Glasl, eine gute Freundin des Mordopfers. Konkrete Angaben machte Schmidt keine.

Beobachtet

Doch Glasl selbst – sie war eine Nachbarin von Arnold Schmidt in Wien-Essling – machte ebenfalls eine verdächtige Beobachtung. „Zwei Wochen vor dem Mord ist ein Mann die Gasse entlang gegangen und hat ständig auf die Dachgeschoß-Wohnung von Arnold geschaut. Er war so abgelenkt, dass er irrtümlich in mein Auto einsteigen wollte.“ Glasl saß gerade am Fahrersitz und reagierte perplex: „Hallo? Was ist?“ „Er hat sich entschuldigt, mit einem Akzent, und ist zwei, drei Autos weiter vorne eingestiegen und weggefahren.“

Warum ihr Freund sterben musste, ist ihr ein Rätsel. „Für mich war er ein Teddybär. Sehr sensibel. Und sein Spruch war immer: ,Alles wird gut.'“

Die Ermittler durchforsteten das Leben und die Vergangenheit von Arnold Schmidt. „Wir haben internationale Abfragen getätigt. Er ist nie polizeilich in Erscheinung getreten. Für uns ist er ein weißes Blatt Papier“, sagt Ermittler Fischer.

Weder hatte Schmidt Schulden, noch Laster oder Feinde. „Hätte er Verbindungen in die Unterwelt gehabt, wäre er ein Strizzi gewesen ... Aber Arnold? Das passt alles nicht zusammen“, sagt auch sein bester Freund, Gert Schernhorst. Er ist ebenfalls Friseur. Auch er bemerkte: Zuletzt wirkte Arnold Schmidt bedrückt.

Private Turbulenzen

Und es gab tatsächlich Konflikte. Und zwar im Privatleben. „Rund ein Jahr vor seinem Tod hat er sich in eine andere Frau verliebt und hat die Trennung von seiner Ex-Lebensgefährtin, mit der er zirka 20 Jahre zusammen war, bekannt gegeben“, sagt Fischer. Die neue Frau lernte Schmidt im Friseursalon kennen – sie war eine langjährige Kundin. „Im Lauf der Zeit haben wir uns irgendwie zueinander hingezogen gefühlt und irgendwann ist mehr daraus geworden“, erinnert sich Alexandra Herold.

Die Trennung verlief nicht ohne Probleme. Die Ex-Lebensgefährtin habe „sehr gehadert und war sehr unzufrieden“, beschreibt es der Ermittler. Das Paar hat eine gemeinsame Tochter. Das Haus, dass man kurz zuvor in Großenzersdorf gekauft hatte, erwies sich als Zankapfel.

„Er hat mich zurate gezogen, wie er die Beendigung der Beziehung am besten regeln kann“, sagt Walter Schmidt, Arnolds älterer Bruder. Wir treffen ihn in der Dachgeschoß-Wohnung in Essling, wo sein Bruder zuletzt gelebt hat. Seither wurde kaum etwas verändert. Die große orange Couch dominiert das Wohnzimmer, ein paar Bilder mit Urlaubsmotiven hängen an der Wand. Sie wirkt peinlich sauber. Und verlassen.

Konfliktscheu

Walter Schmidt war 20 Jahre älter als sein Bruder, übernahm dadurch eine Art Vaterrolle. Er war eine Vertrauensperson für den jüngeren Bruder. Auch bei der Trennung. „Ich glaube, er war da auch fair und er ist wahrscheinlich über seine Grenzen gegangen, nur um keine Konflikte entstehen zu lassen.“ Und Walter Schmidt betont: „Seine Tochter war für ihn das Allerwichtigste.“

Man einigte sich, dass die Ex – ein Gespräch mit dem KURIER lehnte sie ab – mit dem Kind das Haus noch ein Jahr nützen könne, dann aber mit finanzieller Hilfe eine neue Wohnung gefunden haben müsse. Doch der Auszug verschob sich Monat für Monat.

Geplante Hochzeit

Und das wiederum belastete die Beziehung zwischen Schmidt und Alexandra Herold. Trotzdem betont sie: „Wir waren Seelenverwandte. Ich habe noch nie zuvor so eine Beziehung gehabt. Wir wollten heiraten.“

Freunde wiederum schildern, dass auch in dieser Beziehung nicht alles eitel Wonne gewesen sein soll. „Arnold hat irgendwann einmal einmal fallen lassen, dass er gar nicht heiraten will“, erinnert sich Freundin Glasl.

Und dann stießen die Ermittler auch noch auf ein Gerücht, dass Arnold Schmidt für eine Mitarbeiterin geschwärmt haben soll – die einen eifersüchtigen Ehemann hatte. „Das haben wir natürlich alles untersucht“, bestätigt Fischer. Doch der angebliche eifersüchtige Mann hatte ein astreines Alibi. Auch die Frauen im Leben des Friseurs wurden unter die Lupe genommen – ein üblicher Ermittlungsstrang. Doch auch hier ließ sich kein Verdacht erhärten.

Arnold ist noch immer da

Die Hinterbliebenen warten also bis heute auf eine Antwort, warum Arnold Schmidt sterben musste. Auch seine 95-jährige Mutter wünscht sich sehnlichst eine Erklärung. „Und irgendwann wird es auch für die Tochter wichtig sein, zu wissen, was mit ihrem Papa passiert ist“, sagt Bruder Walter Schmidt.

Die engsten Freunde treffen einander noch immer alljährlich zum Todestag des Friseurs. „Dann sitzen wir zusammen, tauschen Erinnerungen aus und trinken seinen Lieblingswein. Und für Arnold steht immer ein leeres Weinglas dabei“, sagt Glasl.

„Wir zünden für ihn ein Kerzerl an und stellen ein Erinnerungsfoto auf. Dann gedenken wir seiner. Er ist noch immer da“, beschreibt es Herr Josef, der Stammwirt von Arnold Schmidt.

Für zielführende Hinweise, die zur Ausforschung des Täters führen, ist eine Belohnung in Höhe von 40.000 Euro ausgeschrieben. Hinweise (auch vertraulich) an: 01/31310-33800.

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