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Chronik Österreich
05/03/2020

Dunkle Spuren: Die Nacht, in der Brigitte Friedrich starb

Die Wiener Kaffehausbesitzerin wurde erstochen und angezündet. Dann setzte der Täter das Lokal unter Wasser.

von Michaela Reibenwein, Tobias Pehböck

Der Notruf ging um 5.30 Uhr in der Früh bei der Rettung ein.

„Im Lokal Luigi in der Wiedner Hauptstraße liegt eine Erstochene! Der Täter wohnt auf Wiedner Hauptstraße 123!“

Dann legte der anonyme Anrufer auf.

Die Erstochene –  sie hatte einen Namen. Brigitte Friedrich. Die 53-jährige Kaffehaus-Betreiberin wurde am 11. Jänner 2002 in Wien getötet. Ihr Mörder hatte erst 23-Mal mit einem Messer auf sie eingestochen. Danach legte er ihr Speisekarten und Geschirrtücher über den Kopf, schüttete Alkohol darüber und zündete sie an. Und schließlich setzte er das Lokal unter Wasser.

„Der letzte Gast", sagt Helmut Fischer, Mordermittler im Landeskriminalamt Wien, „war der Mörder.“ So viel ist sicher. Mehrere Male schien es so, als sei der Fall fast geklärt. Wenig später mussten die Ermittler wieder von vorne anfangen.

Das Cafe Luigi – es war ein Treffpunkt im Grätzl. Hier traf man sich auf einen Kaffee. Aber viel öfter auf ein paar Bier. Brigitte Friedrich führte das Lokal mit ihrem Ex-Mann Helmut. Täglich war von 9 Uhr bis 2 Uhr Früh geöffnet. Das ehemalige Paar teilte sich nicht nur die Wohnung, sondern auch die Schichten im Lokal.  Brigitte Friedrich übernahm meist die Nachtschicht. So auch in dieser Nacht, in der sie nicht mehr nach Hause kommen sollte.

„Einmal bin ich in der Nacht munter geworden“, erinnert sich Ex-Mann Helmut Friedrich. Seine langjährige Frau war noch nicht da. Er dachte sich nichts Böses, erzählt er. „War’s lustig. Hat sie sich vergatscht“, waren seine Gedanken.

Erst als er morgens noch immer allein in der Wohnung war, wurde er misstrauisch. Friedrich zog sich an, ging die paar Schritte zum Lokal. Was er sah, war Blaulicht und Absperrband. Und schließlich zwei Männer, die einen Sarg aus dem Lokal trugen. „Da war mir alles klar“, erinnert er sich.

Ermittler Fischer war zu diesem Zeitpunkt gerade dabei, mit seinen Kollegen die Spuren auszuwerten. „Das Tatmesser lag hinter der Theke. Es war das sogenannte Zitronenmesser, mit dem die Zitronenscheiben runtergeschnitten wurden“, sagt er. Und das gab den Ermittlern den ersten Hinweis: Die Tat war nicht geplant. Sonst hätte der Täter seine Tatwaffe mitgenommen zum Lokal.

Der Mord war spätnachts passiert. Darauf deuteten zwei Indizien hin: Zum einen war die Uhr des Mordopfers um 2.20 Uhr stehen geblieben. Das war der Zeitpunkt, an dem der Täter die Leiche der Frau in Brand setzte. Aber auch sämtliche Tische waren schon abgeräumt.

Bis auf zwei.

Einer, so ließ sich rekonstruieren, war der Tisch der Wirtin. Sie hatte sich noch ein Stamperl Schnaps und ein Bier gegönnt. Am zweiten Tisch standen eine Kaffeetasse, ein Wasserglas und ein voller Aschenbecher. Es war der Tisch, an dem Brigitte Friedrichs Mörder gesessen hatte.

Der Unbekannte hinterließ Spuren. „Überall im Thekenbereich, beim Ausgang und bei den Toilett-Anlagen waren Blutstropfen und –wischer.“ Frau Friedrich hatte um ihr Leben gekämpft. Und der Täter hatte sich mit dem Messer selbst verletzt.

Die Blutspur… sie zog sich auch bis zum Gehsteig hinaus. Und auch in das ominöse Haus Nummer 123. Jenes Haus, in dem laut Anrufer der Mörder lebte. Und tatsächlich: Hier wohnte ein Stammgast der Friedrichs – der sogenannte Griechen-Karl. Bei Hausdurchsuchungen fand man Blut auf einem weißen Socken. Doch der Griechen-Karl war weg. Er hatte einen Flug nach Kreta gebucht. „Wir haben ihn auf Kreta festnehmen lassen“, schildert Ermittler Fischer.

Der Fall schien beinahe schon geklärt – doch dann der Rückschlag: Die DNA des Griechen-Karl passte nicht mit der DNA vom Tatort zusammen.

Doch eine heiße Spur hatte die Polizei noch: den anonymen Anrufer. Die Ermittler spielten die Aufnahme des Notrufs Ex-Mann Helmut Friedrich vor. „Na klar hab ich den erkannt“, erinnert er sich. „Der war ja auch ein Stammgast.“

Und auch dieser Mann lebte im Haus 123. Ein neuer Hoffnungsschimmer. Eine neue Ernüchterung. „Er wollte Zigaretten kaufen und hat gesehen, dass das Lokal offen ist. Da hat er die Leiche von Frau Friedrich gefunden“, schildert Fischer. Der psychisch kranke Mann lief zur nächsten Telefonzelle und alarmierte die Rettung. Anonym. Er war in Panik. Doch als Täter kam auch er nicht in Frage: Die DNA passte nicht.

Massenhaft DNA-Tests

Die Ermittler bohrten weiter. Schritt für Schritt. Sie befragten die Familie. Sie befragten Stammgäste. Und sie nahmen DNA-Proben. „In der ersten Charge haben wir rund 130, 140 männliche Personen überprüft. Später noch einmal 150. Doch der Spurensetzer war nicht dabei“, erklärt Fischer.

Auch Stammgast Klaus Diensthuber musste zum DNA-Abgleich. „Aber zuerst musste ich gleich das Leiberl in die Höhe schieben. Sie haben geschaut, ob ich irgendwelche Verletzungen habe“, erzählt er. Diensthuber war oft mit seiner Lebensgefährtin in dem Lokal zu Gast. So auch in der Tatnacht. „Es war nichts Besonderes. Wir haben uns noch gefreut, dass am nächsten Tag Freitag ist. Wir sind mit der Familie B. zusammengesessen und sind dann um 11 Uhr nach Hause gegangen.“

Es waren nur noch wenige Gäste im Lokal. Doch ein Gast wollte noch nicht gehen: Ein Bauarbeiter, der in dieser Woche Strohwitwer war.

Brigitte Friedrich rief vom Festnetz-Telefon die Taxizentrale für ihn an. Der Taxifahrer machte sich um 1.50 Uhr mit dem sturzbetrunkenen Mann auf den Heimweg. Und er machte eine wesentliche Wahrnehmung: „Er konnte sich erinnern, dass am Tisch des betrunkenen Stammgastes ein weiterer Mann gesessen ist“, schildert Mordermittler Fischer. Es war der letzte Gast.

Beschreibung konnte der Taxifahrer zwar keine liefern. Er hatte sich auf den betrunkenen Gast konzentriert. Aber eben dieser soll mit dem Unbekannten gesprochen haben.

Der Bauarbeiter allerdings erinnerte sich an nichts mehr. Doch die Ermittler gaben nicht auf. Sie hatten eine unkonventionelle Idee: Hypnose. Damit, so die Hoffnung, lassen sich die Erinnerungen doch wieder hervorholen.

Ein Funkloch

Und wieder folgte ein Rückschlag. „Er hatte ein komplettes Funkloch“ beschreibt es der Ermittler. Oder wie es Maria Wolf, klinische Psychologin in Graz, ausdrückt: „Alkohol hat gravierenden Einfluss auf die Erinnerungen. Da hapert es schon bei der Einspeicherung“, erklärt sie. Und etwas, das nicht eingespeichert wurde, kann auch nicht abgerufen werden.

Die Identität des Mörders blieb bis heute im Dunkeln. Auch über das Motiv für die Tat lässt sich nur spekulieren.

Fest steht: Das Geld aus der Kellner-Brieftasche war weg. „Aber das waren höchstens ein paar Hundert Euro“, sagt Helmut Friedrich. Für Inspektor Fischer bleibt es dennoch eine Möglichkeit. „Vielleicht ist Frau Friedrich kurz auf die Toilette gegangen und hat dann den Täter dabei erwischt, wie er das Geld aus der Tasche nehmen wollte.“

Oder, so eine weitere Spekulation, die Wirtin geriet in Streit mit dem letzten Gast. Denn, so beschreiben Weggefährten und Familie die Frau: Sie konnte sich durchsetzen, wurde auch manchmal laut. Und sie schimpfte auch ihre Gäste, wenn es sein musste.

„Sie war eine liebe. Quietschvergnügt, fröhlich. Aber klar hat sie auch manchmal gesponnen. Eine kleine, zarte Frau mit Angesoffenen drin – die hat sich durchsetzen müssen“, erinnert sich Maria Diensthuber. Sie war mit Brigitte Friedrich befreundet. „Wir waren wie Schwestern“, sagt sie.

"Da ist sie gelegen"

Frau Diensthuber zieht ein altes Foto aus ihrer Tasche. „Genau da, wo ich sitze, genau da ist sie gelegen. Direkt hinter dem Durchgang.“ Es sei ihr schwer gefallen, wieder in das Lokal zu gehen, sagt sie. „Lange konnte ich nicht in die Nähe gehen, wo sie gelegen ist. Eine grausame Geschichte.“

Noch heute geht die Frau oft an dem Lokal vorbei. Es steht schon seit vielen Jahren leer. Die Aufschrift auf der Scheibe ist aber noch immer zu erkennen. „Es ist mir wichtig, dass der Mord geklärt wird“, sagt Frau Diensthuber. „Es ist mir wichtig, dass sie den einmal fangen.“ Auch nach 18 Jahren. „Man versucht mit den Jahren einfach zu verdrängen, zu vergessen.“ Es gelingt Frau Diensthuber nicht.

Auch Helmut Friedrich schmerzt, dass der Mord an seiner Ex-Frau nicht geklärt werden konnte. „Vielleicht hilft der Inspektor Zufall“, sagt Christian Friedrich. Er ist der Sohn der Friedrichs. „Wenn, dann wird es durch Zufall sein.“

Wenn nämlich der Täter irgendwann auffällig wird, seine DNA abgeben muss. Dann schnappt die Falle zu. Darauf hofft auch Ermittler Fischer. Der Akt liegt nach wie vor in seinem Büro.

Hinweise an das Landeskriminalamt Wien unter 01/31310-33800.

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