© Tobias Pehböck

Chronik Niederösterreich
12/20/2020

Der Mörder von Maria Macvan wartete am Zaun

Dunkle Spuren: Die 79-jährige Pensionistin wurde im Juli 1998 in ihrem Haus in Laxenburg erstochen.

von Michaela Reibenwein, Tobias Pehböck

Der Schrei hallte 20, 30 Sekunden lang durch die Gasse. Dann war es still. Totenstill.

Stunden später an diesem 10. Juni 1998 betrat Margit W. das Haus ihrer Mutter in der Andreas-Toifl-Gasse in Laxenburg, NÖ. Sie wollte ihr bei den Gartenarbeiten helfen - wie ausgemacht. Die Türen waren offen, ein Schlapfen der Mutter stand vor der Eingangstür. "Dann hab' ich sie liegen gesehen im Wohnzimmer. Und überall war Blut", erinnert sich Margit W.

Ihre 79-jährige Mutter Maria Macvan war erstochen worden. Vier Stiche in die Brust werden später bei der Obduktion festgestellt. Dazu Blutergüsse an den Armen, im Halsbereich, im Gesicht.

Ein tragischer Zufall?

Wer hat Maria Macvan das angetan? Und warum? "Für uns hat es so ausgesehen, dass es sich offensichtlich um einen Einschleichdieb gehandelt hat, der eine Gelegenheit abgewartet hat, um auf das Grundstück zu kommen. So, wie die Spurenlage war, dürfte die Frau Macvan den Täter beim Durchsuchen oder beim Betreten der Wohnung überrascht haben und es ist in weiterer Folge zu der Auseinandersetzung, zu der Tötungshandlung gekommen" sagt Hannes Fellner. Er war damals selbst als Ermittler am Tatort. Mittlerweile leitet er die Mordabteilung im Landeskriminalamt Niederösterreich.

Doch der mutmaßliche Mörder - er kam nicht ungesehen in das Haus. Eine (mittlerweile verstorbene) Nachbarin wurde gegen 10 Uhr Vormittag auf ihn aufmerksam, als er am Zaun des Hauses von Maria Macvan stand - und sie informierte einen weiteren Nachbarn darüber: "Da steht ein Mann. der will da rein. Ich hab ihm eh gesagt, hier macht niemand auf. Und er hat gesagt: Oja, Frau ist zuhause. Frau ist zuhause."

Als Nachbar Walter Tesch das hörte, wurde er misstrauisch. Er ging ein paar Schritte vor, um sich den Unbekannten anzusehen. Dann fuhr er langsam mit dem Auto an ihm vorbei. "Ich musste zum Dienst nach Wien", erklärt er. Tesch war selbst Polizist. Prägte sich den Mann ein. "So um die 35, 40 Jahre dürfte er gewesen sein. 170, 180 vielleicht groß, schlank, dunkle Hose. Er war ein gepflegter Typ. Und er hatt eine große Hängetasche bei sich." Und nicht unwesentlich: Der Mann sprach mit osteuropäischem Akzent.

Und auch ein weiterer Zeuge sah den Mörder von Frau Macvan - ein Bauarbeiter nahm ihn wahr, als er im Laufschritt vom Tatort flüchtete.

Mit Hilfe der drei Augenzeugen konnte die Polizei ein Phantombild erstellen. Doch bis heute konnte der Täter nicht ausgeforscht werden.

Allerdings gab es nicht nur Augenzeugen. Es gab auch eine Ohrenzeugin. Sie war es, die den langen Schrei hörte. "Die Frau ist um ca. 10.15 Uhr mit dem Rad am Haus der Frau Macvan vorbeigefahren. Da hat sie die Schreie wahrgenommen", schildert Chefinspektor Fellner. Doch die Frau war nicht allein. Ihre Begleiter hatten die Schreie nicht gehört - also tat sie sie als Einbildung ab und fuhr weiter. Erst später erfuhr sie, dass sie Ohrenzeugin des Todeskampfes geworden war.

Nachdem der Täter die Pensionistin im Windfang des Hauses beim Stiegenaufgang attackierte, stieß er sie ins Haus, schleifte sie ins Wohnzimmer. "Der erste Stich dürfte schon im Stiegenhaus passiert sein, die restlichen Stiche fügte ihr der Täter im Wohnzimmer zu", sagt Gerhard Kainzbauer. Er war damals als Tatortermittler vor Ort. Die Tatwaffe: Ein Messer. Ein ungewöhnliches langes Messer. Der tiefste Stich drang 17 Zentimeter ein. Die Tatwaffe konnte nie gefunden werden.

Danach schnappte sich der Mörder die Geldbörse von Maria Macvan mit ein paar hundert Schilling darin. Auch der Schlüsselbund fehlte, dazu ein, zwei Ketten. Maria Macvan war keine reiche Frau.

Und eine Erinnerung, die packte der Täter auch ein: "Zu ihrem 75. Geburtstag hat sie von der Gemeinde fünf Silbermünzen bekommen", erinnert sich Tochter Margit W. und zeigt ein Foto von damals. Zu sehen ist ihre Mutter hinter einem schön gedeckten Tisch. Sie hat ihre weiße Bluse angezogen, sich die Haare nach hinten gesteckt. Ein Blumenstrauß links, der andere rechts. Und daneben die fünf Silbermünzen. Auf dem Foto scheint es so, als hätte sich Maria Macvan über die Aufmerksamkeit gefreut. Sie hat ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen.

Tochter Margit W. ist mittlerweile selbst 78 Jahre alt. Sie ist ähnlich zart und klein wie ihre Mutter. Sie wohnt nur wenige Kilometer vom Tatort entfernt - in Biedermannsdorf. Ihr Mann erzählt, dass sie noch immer von damals träumt, als sie die Mutter tot auffand. "Wir hatten eigentlich ausgemacht, dass ich am Vormittag zu meiner Mutter komme. Aber dann bin ich noch einkaufen gefahren und hab' das auf den Nachmittag verschoben", erinnert sie sich.

Eine schlimme Vorahnung

Vom Einkaufen und auch später, als sie wieder zuhause war, rief sie die Mutter an. Sie hob nicht mehr ab. Margit W. machte sich Sorgen. Sie stieg auf ihr Rad und fuhr hinüber. Margit W. macht sich noch heute Vorwürfe, weil sie ihren Besuch verschoben hat. "Aber wer hätte so etwas geglaubt", sagt sie.

Margit W. kam nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrer Mutter von Kroatien nach Österreich. Der Vater konnte, nachdem er auf der Seite der Deutschen gekämpft hatte, nicht mehr in seine Heimat zurück. Mit harter Arbeit baute sich die Familie - darunter auch zwei Halbbrüder von Margit W. - ein neues Leben auf. Doch der Vater starb früh. Die Brüder gründeten eigene Familien. Und auch Frau W. heiratete. Maria Macvan blieb alleine in dem Haus.

"Einsam war sie", erzählt Nachbarin Martha Woloch. "Aber Angst hatte sie alleine nie." Margit W. hatte oft überlegt, ob sie die Mutter zu sich nehmen soll. "Platz hätten wir ja gehabt." Doch Maria Macvan kam gut alleine zurecht. Trotz ihrer 79 Jahre. Sie erledigte den Haushalt, den Garten, fuhr mit dem Fahrrad. War fit.

Dennoch: Für den Verbrecher war die ältere Frau ein ideales Opfer.

Der Täter hinterließ Spuren. Einen Fingerabdruck an der Tür, eine DNA-Spur an einem Glas. Bis heute konnten sie niemanden zugeschrieben werden.

Mehrere Verdächtige gerieten nach der Tat ins Visier der Polizei. Ein Hinweisgeber wollte den Täter am Phantombild erkannt haben und lotste die Beamten zu einer Pizzeria nach Wiener Neustadt. Dort fanden die Ermittler einen 38-jährigen Bosnier vor. Und der hatte den gestohlenen Pass eines Serben bei sich. Doch der Mann hatte ein Alibi.

Der Serienräuber

Ein weiterer Hinweis kam aus Wien: Dort war ein Serienräuber unterwegs, der 23 ältere Damen mit einem Messer überfallen hatte. die Parallelen waren groß. Doch der hatte das beste Alibi überhaupt: Er wurde vier Tage vor dem Mord in Wien festgenommen.

Die Ermittlungen führten auch in die Drogenszene. Und auch der Spur mit der auffällig großen Umhängetasche des Mörders gingen die Polizisten nach - möglicherweise ein Werbemittel-Verteiler? Doch all diese Spuren verliefen im Sand.

22 Jahre sind vergangen. Für Margit W. ist die Zeit dennoch stehen geblieben. Noch immer ist sie in regem Kontakt mit der Polizei. "Das ist jetzt schon so lange her. Ob sie den Täter erwischen... ich weiß es nicht. Schön wäre es", sagt sie. Sie betet für ihre Mutter. "Damit sie ihren Mörder finden."

Wenn Sie Hinweise zu diesem Fall haben, dann wenden Sie sich bitte an das Landeskriminalamt Niederösterreich unter der Nummer 059133/30-3333 oder schreiben Sie an dunklespuren@kurier.at

 

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