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Arena-Besetzung: Wie 1976 Wiens Stadtkultur veränderte

Vor 50 Jahren erwachte mit der Arena-Besetzung ein neues politisches Bewusstsein.
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1968? Das war das Jahr der Studentenrevolten, der Hippies und das Jahr, in dem in Woodstock freie Liebe und Marihuana gepredigt wurden. Ein Umbruchsjahr auf allen Ebenen. 

Doch in Wien war davon zunächst nicht viel zu bemerken. In Österreich herrschte seit 1966 eine ÖVP-Alleinregierung, große politische Paradigmenwechsel gab es noch keine. Zwar wünschte sich, dem Zeitgeist entsprechend, auch die österreichische Jugend Veränderungen in Politik und Gesellschaft, und auch hier wurden im Mai „68 Uni-Hörsäle besetzt. 

Wenig später folgten mit den sogenannten “Uni-Ferkeleien“ rund um die aktionistischen Künstler Brus, Weibel, Mühl und Wiener die bisher radikalsten Kunst-Performances der österreichischen Nachkriegsgeschichte. 

Doch die Stadt war insgesamt grau und an den Bedürfnissen des motorisierten Individualverkehrs orientiert: Noch 1979 war es in Wien verboten, öffentliche Rasenflächen zu betreten. Für junge Menschen hatte Wien wenig zu bieten.

Es gab das „Voom Voom“ und das „Atrium“, aber dass die Stadt an jugendlicher Lautstärke nicht viel gewohnt war, zeigt eine Episode, die der Musikmanager und Zeitzeuge Edek Bartz in seinem von Klaus Nüchtern aufgezeichneten Buch „Interessant, du, faktisch …“ über Wiens Aufbruch in die Pop-Moderne schildert: Als Jimi Hendrix 1969 im Wiener Konzerthaus auftrat, legten sich viele Fans auf den Boden, um die Lautstärke auszuhalten. So etwas war man in dieser Stadt einfach nicht gewohnt.

Mitte der 70er-Jahre kochte alles hoch. 1976 besetzten Hippies, Künstler und junge Menschen einen alten Schlachthof in St. Marx, wo erstmals die alternative Festwochen-Veranstaltungsschiene Arena gastierte. Der Protest gegen den Abriss des ehemaligen Auslandsschlachthofes und für ein eigenverwaltetes Kulturzentrum gilt heute als Zäsur der Stadtkultur. 

Die politische Dynamik war beträchtlich. Kurz zuvor hatten Protestierende bei einer „Anti-Abbruch-Demo“ auf dem Naschmarkt erfolgreich verhindert, dass die Westautobahn über das Wiental bis zum Karlsplatz verlängert wurde. Diesen Schwung nahm die Protestbewegung mit, um auch den Abriss des Auslandsschlachthofes zu stoppen, wo die Firma Schöps eine Textilfabrik errichten wollte.

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Arena Wien

Nach der Schlussveranstaltung, einem Konzert der Band „Misthaufen“, blieb das Publikum auf dem Gelände. Mit Flugblättern und einer Telefonaktion wurde dazu aufgerufen, in den Schlachthof zu kommen. Es kamen zunächst Hunderte, 40 von ihnen übernachteten gleich einmal dort. Konzerte, Performances und Diskussionen brachten in Folge Tausende hierher. Wiener Folk- und Rockmusiker trafen auf internationale Stars wie Leonard Cohen, der nach einem Konzert in Wien spontan in der Arena auftrat.

Legendär wurde die Protestsong-Gruppe „Schmetterlinge“ rund um Willi Resetarits und Beatrix Neundlinger. Die Politrockband und ihre Anhängerinnen waren direkt nach der Naschmarkt-Demo auf das Gelände gekommen, und sie blieben. Auch die Wiener Bevölkerung unterstützte die Bewegung und versorgte die Protestierenden mit Kaffee und Kuchen. 

Der Protest bekam eine Eigendynamik, das Medienecho wurde immer größer. Eine Zeitzeugin schilderte in einem Interview mit dem KURIER: „Während der Besetzung stürzte die Reichsbrücke ein. Ich sah das als Symbol für den gewaltigen Ruck, der damals durch die Gesellschaft ging.“

Bis in den Oktober wurde mit der Stadt verhandelt. Als Alternativvorschlag für ein Kulturzentrum bot die Gemeinde zunächst ein denkmalgeschütztes Renaissanceschloss, das zu revitalisieren gewesen wäre. Zweite Variante war eine Lederfabrik in Meidling. Doch der Auslands-Schlachthof wurde schlussendlich ohne Einigung geräumt. Zunächst wurden Strom- und Wasserversorgung sowie die Telefonkabel gekappt, zwei Wochen später erfolgte die polizeiliche Räumung. Am 11. Oktober 1976 verließen die letzten Menschen das Areal, am 12. Oktober begann der Abriss. Wiens Woodstock war vorbei.

Als Ersatz stellte die Stadt Wien den viel kleineren und eigentlich von den Aktivisten abgelehnten Inlands-Schlachthof zur Verfügung. Manche Besetzer waren darüber so verärgert, dass sie das neue Areal jahrelang boykottierten.

Wien: Grau, viel Beton und Jugend-Arbeitslosigkeit

„Wien war in den 1970er Jahren eine konservative, zubetonierte Stadt. Die traditionsreiche Hochkultur wurde nach wie vor gefördert; die Alternativ-, Sub- und Jugendkultur ging leer aus. Feste gesellschaftliche Normen, Arbeitslosigkeit und Chancenlosigkeit lösten Frustration bei der Jugend und unter den Kunst- und Kulturschaffenden aus. In Musik, Literatur, Theater oder bildender Kunst fanden sie ihren Ausdruck. Dafür brauchte es nicht nur Platz in der Gesellschaft, sondern auch einen physischen Ort“, schreibt das Wien Museum, das ab kommender Woche eine Sonderausstellung zeigt. 

Außerdem erscheint „Die Arena. Eine Wiener Geschichte“, herausgegeben vom Verein Forum Wien Arena. Dieser zieht so Bilanz: In den Folgejahren der Besetzung entstanden in ganz Österreich alternative Kultur- und Jugendzentren. Für die Wiener Stadtentwicklung war die Arenabewegung beispielhaft, tonangebend und ein Vorbild. Die Stadt Wien unterstützte seit der Besetzung zunehmend alternative Bewegungen, Jugendgruppen und Kulturzentren." 

Die Arena sieht sich “seit über 30 Jahren als Plattform für kulturelle und soziale Aktivitäten. Konzerte, Solidaritäts-Veranstaltungen, Clubbings, Internationale Top-Acts, Partys, Events aufstrebender VeranstalterInnen, Festivals, Open Airs, sowie Freiluftkino im Sommer und vieles mehr belegen die Vielfalt der Möglichkeiten, die der ehemalige Schlachthof nun als Fixpunkt in Wiens Veranstaltungsszene bietet."

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