Lost Place: Illegale Bautätigkeit bei Wiener Kult-Theater?
Theater am Mittersteig
Geht das unendliche Theater um das unterirdische Jugendstil-Theater am Wiener Mittersteig in die nächste Runde? Wie berichtet, laufen aktuell das erste Mal seit 30 Jahren wieder Arbeiten auf dem Areal an der Bezirksgrenze von Wieden und Margareten. Doch eigentlich dürften dort derzeit gar keine Bautätigkeiten stattfinden, erklärt das Bundesdenkmalamt.
Reza Akhavan, Multimillionär und Miteigentümer von JP Immobilien, soll dort eine Aktionismus-Galerie planen. Da er Werke von Otto Muehl oder Hermann Nitsch besitzt, könnten diese dort ausgestellt oder sogar verkauft werden. Offiziell wurde der Keller im Vorjahr laut Grundbuch von einer der 89 Firmen gekauft, in denen Akhavan Eigentümer, Gesellschafter oder Geschäftsführer ist.
"Der als Mehrzwecksaal mit Bühne konzipierte Saal liegt im Untergeschoss des überdachten Innenhofs eines 1910 bis 1911 von Kupka und Orglmeister für Ferdinand Böhm errichteten Miethauses, dem sogenannten Ferdinandhof", erklärt Andrea Böhm vom Bundesdenkmalamt. Die Unterschutzstellung aus dem Jahr 2012 umfasse den Saal sowie dessen Erschließung von Straße, Parterre und Untergeschoss. Und die Fassade wurde bereits zum Teil abgebaut.
Der Verein "Unter Wien" hat das ehemalige Kino vor Jahren fotografiert
"Als einziger erhaltener Mehrzwecksaal seiner Epoche auf der Wieden stellt er ein bedeutendes Zeugnis der einstigen Theater- und Vergnügungskultur des Bezirks dar und ist zugleich ein Stück Wiener Kinogeschichte", betont Böhm. Schließlich waren dort mehrere Kinos und Theater untergebracht. Rainhard Fendrich spielte hier sein erstes Konzert, auch das "Wiedner Grandkino" gab es an dieser Adresse.
Dazwischen waren diverse Athletikcenter im jetzigen Lost Place untergebracht, der berühmt-berüchtigte Boxer Hans Orsolics trainierte etwa in dem Theater. Es fungierte außerdem als Außenstelle der Stadthalle, Treffpunkt des Margaretener Arbeitervereins, Möbellager von "Mala Strana" oder Judo-Center.
Zwar wurde vor vielen Jahren fast eine Million Euro in die Sanierung investiert, berichtet ein ehemaliger Hausbewohner, aber "der lange Leerstand und massive Feuchtigkeitsschäden haben dem Objekt schwer zugesetzt", sagt Böhm. "Eine neue Nutzung und Instandsetzung wären für den Erhalt des bemerkenswerten ehemaligen vorstädtischen Vergnügungszentrums wesentlich."
Seit ein paar Tagen wird am Mittersteig wieder gearbeitet
Und weiter: "Über das derzeitige Bauprojekt wurde das Bundesdenkmalamt vom Eigentümer in Kenntnis gesetzt. Für die genehmigungspflichtigen Maßnahmen innerhalb des denkmalgeschützten Bereiches liegen derzeit noch keine Einreichunterlagen vor", erklärt Böhm. Vorher dürfe eigentlich nicht gebaut werden. Deshalb ist es überraschend, dass am Mittwoch laut einem Anrainer bereits eine Baubesprechung mit einem Plan stattgefunden haben soll.
Das Theater sei jedenfalls etwas Besonderes, betont das Denkmalamt: "Der in Eisenbetonbauweise ausgeführte Saal zeichnet sich durch ein schlichtes Dekor und einen für seine Zeit modernen Raumeindruck aus. An drei Seiten verlaufen umlaufende Galerien, ergänzt wird die Anlage durch ein seitlich angeordnetes Vestibül. Die Erschließung erfolgt über ein zentrales Ovalfoyer sowie angeschlossene Treppenanlagen. Bereits ab 1918 wurde der Saal als Kino genutzt, 1972 in ein Athletikcenter umgewandelt und später wieder als Theater und Veranstaltungsraum genutzt."
Akhavan ließ mehrere Anfragen des KURIER bisher unbeantwortet.
Klarheit: Die wichtigsten Begriffe
Margareten, seit 1850 Teil von Wien, ist ein klassischer Wiener Arbeiterbezirk. Hier wurde 1919 der erste Wiener Gemeindebau, der Metzleinsthalerhof, eröffnet. 54.400 Menschen leben in dem 2 km² großen Margareten, das macht ihn zu einem der am dichtesten besiedelten Bezirke der Stadt. Die Zeichen stehen derzeit auf Veränderung: Es wird an der Verlängerung der Linie U2 bis Favoriten gearbeitet, mit der Station Reinprechtsdorfer Straße erhält Margareten die erste U-Bahn-Station im Herzen des Bezirks. Bezirksvorsteherin ist Silvia Jankovic (SPÖ).
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