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„Alleskönnerin“ Daniela Enzi hat das Museumsquartier mitgeprägt

Kulturmanagerin, Netzwerkerin, kreatives PR-Talent – oder doch die Diplomatin des Bösen? Die Namensgeberin der berühmten Sitzmöbel im Porträt.
Eine Frau steht vor Bäumen und Häusern

Daniela Enzi ist eine Erscheinung. Sie verfügt über eine Grandezza, wie man sie heute nur noch selten findet – selbst wenn sie, wie dieser Tage, bei 30 Grad im Schatten im Innenhof des Wiener Museumsquartiers für den Fotografen über die Sitzmöbel turnt. Stehend, sitzend, lehnend, liegend – das Lächeln hält.

Man kennt Daniela Enzi, die begnadete Netzwerkerin, bestens. Beim Gang über den Hof grüßt sie mal hier und mal da, sie schüttelt Hände, plaudert kurz. Das ist wohl immer so. Dieser Tage, wenn das berühmte Museumsareal sein 25-Jahr-Jubiläum feiert, aber umso mehr.

Denn ohne Enzi, gerade erst 60 Jahre alt geworden, ließe sich die Geschichte des MQ nicht erzählen. Das Offensichtliche: Sie ist Namensgeberin der Kult-Möbel im Innenhof. Was nicht jeder weiß: Enzi hat das MQ gemeinsam mit dem damaligen Geschäftsführer (und späteren ÖVP-Politiker) Wolfgang Waldner aus der Taufe gehoben. Gegen – wie könnte es in Wien anders sein – nicht unbeträchtliche Widerstände.

Wie gut, dass Enzi noch etwas auszeichnet: Ihr großes Talent fürs Geschichtenerzählen. Wenn sie sich an die Anfänge „ihres“ MQ erinnert, lächelt sie nicht nur. Dann strahlen auch ihre Augen. Und sie erzählt.

„Knochenarbeit“

Eine „aufregende Zeit“ sei das damals gewesen. Und zugleich „Knochenarbeit“, sagt Enzi, die zuvor in den 1990er-Jahren mit dem Management der Sammlung Essl in Niederösterreich ihr „Gesellenstück“ ablieferte. Das MQ, das sollte „mein Meisterstück werden“, erinnert sie sich heute. Doch: „Alles, was man in Wien planen will, ist mit riesigen Geburtsschmerzen verbunden.“

Die Idee eines neuartigen Museumsclusters, auf dem gleich mehrere Kultureinrichtungen (heute sind hier unter anderem das Leopold Museum, das mumok, die Kunsthalle Wien und das Kindermuseum Zoom beheimatet) gemeinsam Platz finden sollen, die fanden einst nämlich viele gar nicht so gut.

Politische Hypothek

Insgesamt 20 Jahre an Vor- und Umplanungen gingen der MQ-Eröffnung voraus; getragen von Widerständen, auch aus dem Kulturbetrieb selbst. Exemplarisch in Erinnerung bleibt der „Leseturm“, ein 67-Meter-Hochhaus, das als eine Art Wahrzeichen des Areals fungieren sollte. Er wurde nie gebaut.

Alleine die politische Konstellation war prädestiniert für Ärger, erinnert sich Enzi. Auf der einen Seite die „eher sozialdemokratisch geprägten Kulturschaffenden“; auf der anderen Seite das Duo Waldner & Enzi, das ausgerechnet während der ersten schwarz-blauen (!) Koalition das Gelände für die Bundesimmobiliengesellschaft entwickeln sollte. „Das war eine schwere politische Hypothek. Ganz klar, dass wir dem Bösen zugerechnet wurden.“

Dass Enzi beharrlich sein kann, davon wissen jene, die mit ihr zu tun haben, ein Lied zu singen. Sie blieb es auch damals. Etwa, als man ihr bescheinigte, dass das MQ mit seinen Innenhöfen zum Scheitern verurteilt sei: „Es war ein Sakrileg, dass dort junge Menschen sitzen, die keine Eintrittskarte für eine Kultureinrichtung gelöhnt hatten, sondern sich einfach nur getroffen und diesen Raum für sich erobert haben“, sagt Enzi. „Für viele Direktoren eine unerträgliche Vorstellung.“ Ihr gefällt die Idee bis heute: „Es war unser Ziel, ein offenes Kulturareal zu schaffen – niederschwellig, für alle.“

„Hochkultur und Alltagskultur“

Das MQ sollte nicht nur die Kulturszene aufmischen, sondern ein neues Verständnis für den öffentlichen Raum etablieren. „Heute ist das das Markenzeichen“, so Enzi. „Das Miteinander zweier vermeintlicher Gegensätze – Hochkultur und Alltagskultur –, das macht den Esprit aus.“

Enzi rührte damals auf unkonventionelle Weise die Werbetrommel. Etwa mit dem „MQ-Man“, der – wie Superman verkleidet – auf der Art Basel „Kultur für alle“ proklamierte. Alleine die Chuzpe, das Areal unter der Standortmarke MQ zu vermarkten, tat den Chefs der darin beheimateten Einrichtungen weh. „Das hat das Fass in Wien fast zum Überlaufen gebracht.“

Eine Trutzburg

Doch man ging noch weiter: „Wir hatten anfangs Angst, dass die Menschen den Eingang ins MQ gar nicht finden“, erinnert sich Enzi. Immerhin liegt es von außen uneinsehbar hinter der massiven Barockfassade von Johann Bernhard Fischer von Erlach, die das Areal begrenzt. „Wie eine Trutzburg.“ Enzi steuerte also gegen, indem sie auf die bewusste Belebung der Höfe setzte. Man kooperierte mit Gastronomen, bot jungen Kulturinitiativen Platz. Nicht jede Idee ging auf, sagt Enzi, nicht zuletzt wegen der Anrainer, die „zu Recht“ kein Interesse an der Dauerbeschallung hatten.

Doch dann – endlich: die Sitzmöbel. Die Idee geht auf den Künstler Josef Tratter zurück, der im Sommer 2002 große Schaumstoffkuben für eine temporären Installation im MQ-Hof entwarf. Die Begeisterung, sagt Enzi, sei groß gewesen: „Die Menschen haben die Teile gestapelt, Kinder haben Sprungtürme gebaut, andere haben die Quader in die Wasserbecken geworfen.“ Kurzum: „Alle hatten eine riesen Gaudi.“ Also beschloss man, dass es fortan dauerhafte „MQ-Hofmöbel“ – so einst die Bezeichnung – geben solle.

Fotos aus aller Welt

Aus einem Ideenwettbewerb ging das Architektenteam PPAG von Anna Popelka und Georg Poduschka als Sieger hervor. Ihre Premiere auf dem Hof feierten die Enzis kurz darauf als Bauteile für Punschhütten-Iglus. So mancher, erinnert sich Enzi mit einem Lächeln, habe ihr damals „drittklassige Punschhüttenarchitektur“ vorgeworfen.

Da war der Siegeszug aber schon nicht mehr aufzuhalten. Die „Enzis“ waren geboren – der Rest ist Geschichte. Heute stehen sie und ihre multifunktionalen Nachfolger-Modelle nicht nur in alljährlich neuen Farben, die per Voting bestimmt werden, im und rund um das MQ. Sie finden sich an allerlei Orten im In- und Ausland, von Niederösterreich bis Barcelona. „Oft schicken mir Freunde Fotos aus aller Welt, auf denen Enzis zu sehen sind.“ Auch die renommierte Süddeutsche Zeitung widmeten den Enzis (also Daniela und den Sitzmöbeln) unlängst ein Porträt. Titel: „Ein Möbelstück erobert die Welt.“

Bäume und Sitzmöbel auf einem Platz vor Gebäuden

Das Wiener Museumsquartier beherbergt auf mehr als 110.000 Quadratmetern insgesamt 61 kulturelle Institutionen. Pro Jahr kommen rund fünf Millionen Besucher.

Sogar zur privaten Nutzung kann man sich – für eine vierstellige Summe – ein Enzi kaufen. Auch die Namensgeberin selbst hat eines. „Aber nur ein kleines“, sagt sie. Mehr Platz sei in ihrer Wohnung nicht. Beim alljährlichen Farb-Voting nimmt sie, eh klar, teil. Und weil es 2026 zum Jubiläum gleich zwei Farbvarianten gibt, hat die Namensgeberin auch einen Favoriten: Punschkrapferl-Rosa siegt vor Soda-Zitron-Gelb. (Nur fürs Foto präferiert sie das gelbe Enzi. Es passe, meint sie, „schlichtweg besser zum Kleid.“)

Name für Architekturmagazin

Wie aber kamen die Enzis nun zu ihrem Namen? „Ich lag in Italien am Strand, als ich einen Anruf der Architekten erhielt“, sagt Enzi. Diese offenbarten ihr, den Möbeln für einen Beitrag in einem Architekturmagazin den Namen „Enzi“ geben zu wollen. „Weil sie Alleskönner sind wie du“, habe man ihr am Telefon geschmeichelt. Enzi sagte kurzerhand – „sehr geehrt“ – zu.

Der Name bekam rasch ein Eigenleben, heute ist er in Wien jedem ein Begriff. Und wahrscheinlich, erzählt Enzi, sei sie die zweite Frau in der Geschichte, nach der ein Möbelstück benannt wurde. Die andere: Die französische Salondame Julie Récamier, der die edle Récamière ihren Namen verdankt.

Geschichte wiederholt sich

Das Jubiläum („Ich freue mich riesig, wie erfolgreich sich alles entwickelt hat“) feiert Enzi längst in neuer Funktion. Sie verließ 2012 das MQ. Seither widmet sie sich einem Projekt, das die alte Weisheit, dass sich die Geschichte stets wiederhole, auf fast surreale Weise bestätigt: Seit 14 Jahren kämpft Enzi – erneut gegen heftige Widerstände – um die Realisierung des Heumarkt-Projekts, das Wien auf die Rote Liste der UNESCO brachte. Und wieder nimmt sie die Rolle der Diplomatin des „Bösen“ ein – nur, dass es nicht mehr Schwarz-Blau heißt, sondern Michael Tojner.

An Kampfgeist hat Daniela Enzi nichts verloren: Wenn der Heumarkt irgendwann in neuem Glanz erstrahlt, da sei sie sich sicher, „dann werden ihn die Menschen genau so lieben wie das MQ“. 

Das Lächeln hält.

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