Ein Schild des "Dr. Karl Lueger-Platz", aufgenommen am Donnerstag (19.04.12) in Wien. Lueger war Buergermeister von Wien und lebte von 1844 bis 1910. Auf Grund von zahlreichen Debatten um antisemitische Aeusserungen von Lueger wird der Dr.-Karl-Lueger-Ring in Wien umbenannt. Der betreffende Abschnitt der Ringstrasse, an dem unter anderem die Universitaet und das Burgtheater liegen, wird kuenftig Universitaetsring heissen Foto: Hans Punz/dapd

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Studie
07/03/2013

159 heikle Wiener Straßennamen

Prominente Antisemiten und NS-Anhänger als Namensgeber. Umbenennungen bleiben Ausnahme.

von Josef Gebhard

Das ist der unglaubliche fanatische Hass, die unersättliche Rachsucht, mit welcher die Juden ihre angeblichen oder wirklichen Feinde verfolgen“ – nur einer von zahllosen antisemitischen Ausfällen, die von Wiens Bürgermeister Karl Lueger (1844 bis 1910) überliefert sind.

Das nach ihm benannte Teilstück der Ringstraße wurde bereits im Vorjahr in Universitätsring umbenannt, bald könnte auch der Lueger-Platz (1. Bezirk) und die Lueger-Brücke (14. Bezirk) zumindest eine erklärende Zusatztafel bekommen. Luegers Name steht ganz oben auf der Liste historisch problematischer Persönlichkeiten, nach denen in Wien Straßen und Plätze benannt sind.

Zwei Jahre lang hat ein Team rund um den Historiker Oliver Rathkolb die 4379 personenbezogenen Verkehrsflächen der Stadt analysiert. 159 davon weisen eine „kritische Benennung“ auf, geht aus dem Endbericht hervor (siehe Karte).

28 gravierende Fälle

Darunter 28 Fälle, bei denen laut Historikern „intensiver Diskussionsbedarf“ besteht. Die Betroffenen vertraten entweder offensiv antisemitische Einstellungen, waren Mitglieder der NSDAP, der SS oder SA oder integrierten menschenfeindliches Gedankengut in ihre Arbeit.

Historisch belastete Straßennamen in Wien (Gruppe A gemäß Bericht, mit Biographieangaben)

In diese Kategorie fällt neben Lueger auch die Radsport-Legende Ferry Dusika, der Pate für die Sporthalle im 2. Bezirk sowie für eine Gasse in der Donaustadt stand. Er profitierte von der „Arisierung“ eines Fahrrad-Geschäfts, war Mitglied von SA und NSDAP und ließ sich mit seiner Radsport-Zeitschrift mehr als bereitwillig vor den NS-Karren spannen.

Ein weiteres prominentes Beispiel ist Ferdinand Porsche, nach dem eine Straße in Liesing benannt ist: Der von den Nazis gefeierte Autokonstrukteur war Parteimitglied und bekleidete den Rang eines SS-Oberführers. Er scheute sich auch nicht, für seine Produktionsstätten KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter anzufordern.

Doch wie geht jetzt die Stadt als Auftraggeberin mit dem 350 Seiten starken Konvolut um? Wie Rathkolb plädiert auch Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) dafür, dass Umbenennungen die Ausnahme bleiben sollen. Diese würden die Gefahr der Auslöschung oder Schönfärbung der Geschichte in sich tragen. Besser seien erklärende Zusatztafeln oder künstlerische Bearbeitungen.

Konkrete Maßnahmen sind aber noch nicht geplant. Für Mailath ist der Bericht erst der Beginn eines breiten Diskussionsprozesses zwischen Stadt, Bezirken und Bevölkerung. Stoff für politische Scharmützel bietet das Papier allemal: Postwendend nach dessen Veröffentlichung forderte die ÖVP die Umbenennung des Karl-Renner-Rings in Parlamentsring.

Der SPÖ-Säulenheilige fällt in die zweite Kategorie des Berichts. Sie umfasst Personen, die eher punktuell mit problematischem Gedankengut aufgefallen sind. Bei Renner gehört dazu seine Begeisterung für den „Anschluss“ 1938.

Der vollständige Bericht ist abrufbar unter: www.wien.gv.at/kultur/strassennamen/strassennamenpruefung.html

Gartenamt versus Kulturamt, das ist Brutalität

Die Kunst gräbt, das Gartenamt schüttet zu: Mit einer skurrilen Aktion ist nun Bewegung in die Debatte um das Denkmal des Dichters und Nationalsozialisten Josef Weinheber am Wiener Schillerplatz gekommen.

Studierende und Lehrende der benachbarten Akademie der bildenden Künste hatten am Freitag den Betonsockel des Denkmals freigelegt, um sichtbar zu machen, dass die Stadt Wien bisher unreflektiert an der Ehrung festgehalten hatte – der schwere unterirdische Sockel wurde sogar erst 1991 nachträglich eingebaut.

Die entstandene Mulde, mit Fertigrasen bepflanzt, wurde am Montag wieder zugeschüttet: Das Gartenamt kam damit dem Kulturamt zuvor, denn Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) hätte das Loch „am liebsten so belassen“. Nun wird eine offizielle Umgestaltung überlegt. Im Mittwoch veröffentlichten Historikerbericht wird Josef Weinheber in der Gruppe B als "Mitläufer" bezeichnet.

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