Chronik | Welt
25.01.2018

Voreingenommene Juristin oder Heldin?

Die Richterin im Prozess gegen Turn-Arzt Nassar machte sich Fans und Feinde.

Laut und deutlich sagte sie es. "Ich habe gerade Ihr Todesurteil unterzeichnet." Eiserner Blick. Richterin Rosemarie Aquilina sparte nicht an Pathos, als sie das Urteil gegen den früheren Arzt des US-Turn-Teams aussprach.

175 Jahre Haft. Das ist das Strafmaß, dem sich der Sport-Arzt Larry Nassar nun stellen muss, weil er massenhaft – großteils minderjährige – Turnerinnen sexuell missbraucht hat. Mindestens 40 Jahre davon muss der 54-Jährige im Gefängnis bleiben. Nassar war zuvor schon wegen des Besitzes von Kinderpornografie verurteilt worden.

Richterin Aquilina hat während des Prozesses eines klar gemacht: Ab nun sollen Missbrauchsopfer eine Stimme haben. Eine Stimme, die gehört wird. Das wurde spätestens in der Endphase des Prozesses deutlich, als sie allen Frauen, die von Nassar missbraucht worden waren, im Gerichtssaal eine Bühne gab, um ihre Geschichte loszuwerden.

"Nicht annähernd angemessen"

Die schriftliche Bitte des Angeklagten – der für schuldig plädiert hatte –, sich deren Testimonials nicht anhören zu müssen, schlug die Richterin geradezu süffisant aus: "Sie haben Tausende Stunden damit verbracht, sexuelle Handlungen an Minderjährigen durchzuführen. Es ist signifikant geringer, wenn Sie sich jetzt vier oder fünf Tage lang die Erzählungen der Opfer anhören", sagte Richterin Aquilina trocken. Nassar hatte der Juristin in dem Brief auch vorgeworfen, den Prozess in einen "Medienzirkus" zu verwandeln. "Die Medien sind nicht auf mich gerichtet, sondern auf Sie und Ihre Handlungen", entgegnete sie.

Sieben Tage lang dauerte das Hearing. Immer mehr Frauen meldeten sich zu Wort. Jeder konnte es sich live ins Wohnzimmer streamen und sich anhören, wo Nassars Hände unschuldige Kinder überall berührt haben. Nassar musste sich jedes Wort von seinen Opfern – die sich "Überlebende" nennen – anhören.

Das komme nicht einmal in die Nähe von "angemessen", sagte Aquilina. "Wäre es nicht verboten, dann würde ich möglicherweise erlauben, dass jemand ihm das antut, was er diesen wundervollen Wesen angetan hat", soll die Richterin gesagt haben. Nicht zuletzt diese Aussage handelte der Juristin auch harsche Kritik ein. Neutral und nüchtern solle sie als Richterin sein, sie aber sei voreingenommen.

Doch unermüdlich kämpfte sie weiter. Auch nach der Urteilsverkündung regte sie eine Untersuchung an, warum die Fälle so viele Jahre lang vertuscht werden konnten.

Rosemarie Aquilina hatte 20 Jahre lang als Juristin in der Armee gedient, wo sie "Barracuda" genannt wurde. Auch in den vergangenen Jahren war sie schon bekannt dafür, dass sie um härtere Strafen für Kindesmissbrauch kämpfte.

Aquilina schaffte im Gerichtssaal einen geschützten Raum für Opfer sexuellen Missbrauchs. Diese nahmen das dankend an – und Tausende andere danken es der Richterin online. Sie bezeichnen Aquilina via Twitter als Heldin, Retterin, Kämpferin und legen ihr sogar eine Kandidatur fürs Präsidentenamt nahe.

"Lasst euren Schmerz hier", sagte Aquilina nach dem Prozess zu den Opfern. "Geht ohne ihn hinaus und macht wunderbare Dinge!"