Chronik | Welt
03.10.2017

Todesschütze von Las Vegas: Der "Normalo" von Nebenan

Las-Vegas-Schütze Stephen Paddock galt in seinem Umfeld als netter, zuvorkommender, wohlhabender Kerl, der gerne zockte, reiste und flog. Was ihn zum Massenmörder machte, ist ein Rätsel

Als professioneller Spieler und Investor hatte er sich zuletzt selbst bezeichnet. Mit Immobilien soll er vor 30 Jahren gehandelt haben. Er besaß auch nach wie vor zahlreiche Immobilien in Florida, Texas und Nevada, die er vermietete. Mindestens zwei Häuser bewohnte Stephen Paddock selbst, deren Wert auf 600.000 Euro geschätzt wird. Er hatte einen Pilotenschein, besaß zwei Flugzeuge. Er ging gerne jagen, besaß eine Lizenz für Alaska. Er liebte Kreuzfahrten. Und er spielte gerne Poker – mit Einsätzen im vierstelligen Dollar-Bereich.

Seinem Bruder Eric gegenüber, der in Florida lebt, schien Stephen Paddock eben dieses Bild von sich selbst aufrecht zu erhalten: Das eines unbescholtenen braven Bürgers der, wie Eric Paddock sagte, „wahrscheinlich nie einen Strafzettel bekam“. Stephen Paddock habe weder radikale politische noch religiöse Ansichten vertreten. Auch ein Waffennarr sei er keinesfalls gewesen. Als „normalen Typen“ der gerne gespielt und Burritos gegessen habe, bezeichnete Eric seinen Bruder. Und jetzt sei es, als sei ein Komet auf die Familie gefallen.
In der Nacht auf Montag hatte Stephen Paddock in Las Vegas von seinem Hotelzimmer aus59 Menschen erschossen. Eine Tat, die er allem Anschein nach penibel geplant hatte. Bereits am 28. September hatte er in dem Hotel eingecheckt und dabei Dokumente seiner Lebensgefährtin Marilou Danley benutzt, die sich zum Tatzeitpunkt laut Ermittlern im Ausland befand. Sie soll wiedersprechenden Meldungen zufolge entweder japanischer oder philippinischer Herkunft sein. Mit der Tat wird sie in keiner Weise in Verbindung gebracht.
In der Nacht auf Montag soll Paddock dann zwei Fenster seines Hotelzimmers eingeschlagen haben, insgesamt 23 Waffen, die er mitgebracht hatte, in zwei Räumen postiert, die Tür zu seiner Suite verbarrikadiert und dann das Feuer aus automatischen Waffen, die er auf Stative montiert haben soll, eröffnet haben. Rund 20 Minuten habe es gedauert, bis der Schütze lokalisiert war. Als dann Sicherheitskräfte vor Paddocks Hotelzimmer auftauchten, soll er noch mehrmals durch die verschlossene Tür gefeuert haben, um sich dann selbst zu erschießen.
Ein Amoklauf war das nicht. Und schon gar keine Affekthandlung. Ermittler sprachen amerikanischen Medien gegenüber von der Tat eines Psychopathen, während die Terrormiliz "Islamischer Staat" in einer eher ungewöhnlich formulierten Aussendung ihrer VerlautbarungsagenturAmaq von der Tat eines "Soldaten des Kalifats" sprach. Paddock sei vor wenigen Monaten zum Islam konvertiert und habe auf Anordnung von IS-Chef al-Bagdadi gehandelt. In der Aussendung wird er mit dem Kampfnamen Abu Abd al-Ball al-Amriki bezeichnet. Bloß: Darauf haben die US-Geheimdienste CIS und FBI keinerlei Hinweise. Auch, dass sich Paddock selbst erschoss, passt keinesfalls zum Täterprofil eines Dschihadisten. Verbindungen zu internationalen Terrorgruppen seien nicht bekannt, hieß es.
Bei der Durchsuchung von zwei Immobilien Paddocks – eine in einer Pensionisten-Siedlung in der Kleinstadt Mesquite unweit von Las Vegas, eine zweite im Norden Nevadas – wurde jedenfalls ein umfangreiches Waffenarsenal gefunden. Insgesamt 19 Waffen und tausende Schuss Munition wurden dort gefunden, was Ermittler aber als „nicht ungewöhnlich“ für diesen Teil der USA bezeichneten. In Nevada ist Waffenbesitz kaum reguliert. Beim Kauf von Waffen in Geschäften wird zwar eine Überprüfung vorgenommen, der Privatverkauf von Waffen ist aber legal. Und: Besitzer müssen sich nicht registrieren. Im örtlichen Waffenladen in Mesquite soll Paddock erst im Frühjahr eine Pistole und zwei Gewehre legal erworben haben, wie der Besitzer des Ladens gegenüber Medien berichtete.

Da fand sich aber noch etwas in Paddocks Haus in Mesquite: Der Sprengstoff Tannerite sowie elektronische Bauteile. Im Auto des Schützen wurden zudem einige Kilogramm Ammonium Nitrat gefunden, eine Verbindung, die als Düngemittel, aber eben auch als Sprengstoff benutzt werden kann.

Nach Nevada gezogen war Paddock mit seiner Lebensgefährtin erst vor rund einem Jahr. Zuvor hatten sie in Florida gelebt – das Klima dort hatte Paddock jedoch nicht behagt. Zu feucht, so sein Bruder Eric, der mit Stephen Paddock zuletzt erst vor wenigen Wochen im Zuge des Hurrikan Irma Kontakt gehabt hatte. Stephen habe sich erkundigt, ob es ihm auch gut gehe, so Eric. Ehemalige Nachbarn in Florida schildern haarscharf Erics Bild Stephen Paddocks. Das eines freundlichen, überaus netten und unkomplizierten Kerls.

Nur ein Schatten findet sich in der Biografie der Familie: Die Lebensgeschichte von Vater Benjamin Hoskins Paddock. Der war zunächst durch mehrfachen Autodiebstahl in Konflikt mit den Behörden geraten. 1959 und 1960 hatte er dann mehrere Banken überfallen. Verhaftet wurde er schließlich 1960 in Las Vegas, wo er noch versucht hatte, einen Polizisten mit seinem Auto zu überfahren und zu fliehen, als er gestellt worden war. In Medienberichten von damals schildern Nachbarn und Bekannte Benjamin Paddock als „extrem freundlich“, „zuvorkommend“ und „ganz großartig zu Kindern“. Stephen Paddock war sieben Jahre alt, als sein Vater verhaftet wurde und Polizisten die Wohnung der Paddocks durchsuchten. Seither habe es keinen Kontakt mehr gegeben.

In Haft war Benjamin Paddock als psychopathisch und suizidgefährdet eingestuft worden. Nach acht Jahren Haft gelang ihm schließlich die Flucht. In Folge hatte er auf der FBI-Liste der meistgesuchten Verbrecher der USA gestanden. In den 70er-Jahren wurde er schließlich gefunden: Er betrieb in Oregon einen Bingo-Club, kam aber wie auch in der Folge bei mehreren weiteren Anlässen auf Bewährung davon. Benjamin Paddock starb 1998.

Attentäter für Trump ein "Verrückter"

Der Attentäter von Las Vegas hatte nach den Worten von US-Präsident Donald Trump viele Probleme. "Er war ein kranker Mann, ein verrückter Mann", sagte er am Dienstag in Washington. Sein Hintergrund werde weiter genau untersucht.

Der Republikaner bekräftigte indes, dass er zunächst nicht über das Waffenrecht diskutieren will. "Wir werden über Waffengesetze im Laufe der Zeit sprechen." Trumps Sprecherin hatte bereits am Montag gesagt, dass zunächst die Trauer um die Opfer im Vordergrund stehe. Trump will am Mittwoch nach Las Vegas fliegen und dort auch Verletzte und Hinterbliebene von Opfern des Massakers treffen.