Chronik | Welt
02.10.2017

Augenzeugen in Las Vegas: "Menschen begannen, wie Fliegen zu fallen"

Ein 64-jähriger Mann eröffnete in Las Vegas das Feuer auf eine feiernde Menge. Augenzeugen berichten von quälend langen Minuten in Angst. Eine Konzertbesucherin schildert die Momente nach den ersten Schüssen: "Wir krochen über Tote."

Nach der Attacke bei einem Open-Air-Konzert in Las Vegas mit Dutzenden Toten und mehr als 200 Verletzten berichten Augenzeugen, was ihnen widerfuhr. Eine Schweizer Touristin schilderte dem Nachrichtenportal 20 Minuten: "Wir hörten Schüsse von Maschinengewehren, als wir in unserem Hotelzimmer waren - das dauerte sicher 20 Minuten lang."

Die Polizei habe sie angewiesen, im Zimmer zu bleiben und die Türen abzuschließen. Über dem Hotel kreisten Hubschrauber, auf den Gängen standen Polizisten. Die Gäste hätten sich für eine mögliche Evakuation bereithalten müssen, bis dahin hätten sie "still im Hotelzimmer im Dunkeln auf dem Boden sitzen" müssen.

"Dann begann es wieder von Neuem"

Augenzeugen berichteten, wie der Schütze offenbar unablässig mit einer automatischen Waffe feuerte, die er zwischendurch nachlud. Erst hätten sie geglaubt, dass irgendwo Glas zersplitterte und sich umgeschaut, woher der Krach kam, erzählte Monique Dekerf dem US-Sender CNN. Dann hätten sie dieses "Pop, Pop, Pop" gehört. "Einen Moment lang dachten wir, dass alles okay ist, es keine weiteren Schüsse mehr gibt, dann begann es wieder von Neuem."

"Es klang nach Böllern"

"Wir hörten dem Konzert zu und hatten unseren Spaß, dann hörten wir etwas, das wie Böller klang", berichtete Konzertbesucher Joe Pitz der Lokalzeitung Las Vegas Sun. "Ich vermute mal, das war eine automatische Waffe - aber es hörte sich eher an wie Böller." Er habe noch gesehen, wie Countrymusiker Jason Aldean von der Bühne rannte und Sicherheitsleute kamen und alle in der Nähe des Casino-Hotels in Deckung gingen. "Es herrschte totales Chaos."

"Wir krochen über Tote"

Viele Menschen hätten blutüberströmt am Boden gelegen, sagte ein weiterer Augenzeuge dem Sender CNN. Die Konzertbesucherin Cari Copeland Pearson schilderte der Nachrichtenagentur dpa: "Wir krochen über Tote." Sie habe viele Schüsse gehört, vermutlich aus einem automatischen Gewehr.

Ein weiterer Augenzeuge sagte CNN: "Menschen begannen, wie Fliegen zu fallen." Viele hätten sich zu Boden geworfen, um sich vor den Schüssen in Sicherheit zu bringen.

Österreicher bekamen Vorfall am Rande mit

"In der ganzen Innenstadt war Sirenengeheul zu hören, SWAT-Einsatzkommandos waren ebenso unterwegs", berichtete ein APA-Journalist aus Las Vegas. Offenbar Schüsse sind aus einer automatischen Waffe nach einem Country-Konzert im Freien nahe des bekannten Hotels Mandalay Bay gefallen. "Da geht irgendetwas komplett Verrücktes vor", sagte eine Taxilenkerin über Funk zu einem Kollegen, in dessen Wagen die beiden Österreicher vom Flughafen der größten Stadt im Bundesstaat Nevada am Weg zu ihrem Hotel in die Innenstadt waren - ziemlich genau zu dem Zeitpunkt, als die Schüsse in der Innenstadt fielen.

Der mutmaßliche Todesschütze von Las Vegas, Stephen Paddock, hat sich nach Angaben der Polizei wohl selbst getötet. "Wir glauben, dass er sich selbst das Leben genommen hat, bevor wir eingedrungen sind", beschrieb Bezirkssheriff Joseph Lombardo die Szene am Montag. Der 64-Jährige soll von einem Gästezimmer im 32. Stock des Mandalay Bay Hotels im Zentrum von Las Vegas in das Publikum eines Musikkonzertes geschossen haben. Nach Angaben von Lombardo hatte der Schütze mehr als zehn Gewehre gehortet.Mehr dazu lesen Sie hier.

Psychiater: Was der Tat zugrunde liegen könnte

Der Tat des 64-Jährigen, der in Las Vegas aus dem 32. Stock eines Hotels schoss und mindestens 50 Besucher eines Musikfestivals tötete, könnte eines psychische Erkrankung oder das Gefühl des Unverstanden- bzw. Gekränktseins zugrunde liegen. Das meinte der Psychiater Reinhard Haller. "Vorläufig kann man aber nur spekulieren", schränkte der Experte ein.

Der von der Polizei erschossene Mann wurde als Stephen Paddock identifiziert, der in den letzten Jahren rund 80 Meilen nordöstlich von Las Vegas in einer rund 14.000 Einwohner zählenden Stadt namens Mesquite lebte. "Falls der Mann an einer psychischen Erkrankung - etwa einer wahnhaften Störung - gelitten hat, müsste eine umfangreiche Dokumentation vorliegen. Denn dass eine solche Erkrankung erst in diesem Alter manifest wird, wäre extrem ungewöhnlich", erläuterte Haller im Gespräch mit der APA. "Die Tat fügt sich in das Amok-Massaker-Muster ein", sagte der Psychiater, der den Täter als "Massakristen" bezeichnete. Ein solcher verschanzt sich an einem Ort und tötet wahllos Menschen aus einer Menge - im Gegensatz zu einem Amokläufer, der sich bewegt und ebenfalls wahllos Menschen angreift, die ihm begegnen.

In beiden Fällen ist den Opfern gemeinsam, dass sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren. "Die Tat in Las Vegas war offenbar gegen eine feiernde, fröhliche, 'heile' Welt gerichtet", sagte Haller. Für den Täter seien das Musikfestival und dessen Besucher möglicherweise das Symbol einer Welt gewesen, die für ihn kein Verständnis hatte und an der er sich rächen wollte nach dem Motto: Denen werde ich es zeigen. Haller verglich die Tat in dieser Hinsicht mit dem Bombenattentat in Manchester. In der englischen Stadt hatte im Mai hatte ein 22 Jahre alter Brite mit libyschen Wurzeln bei einem Bombenattentat nach einem Konzert der US-Sängerin Ariana Grande 22 Menschen mit in den Tod gerissen. Zu den Opfern zählten auch Kinder und Jugendliche.

"Solche Täter sind in der Regel extrem verbittert", erklärte der Psychiater. Sie wollten Rache nehmen an jenen, sich sie für ihr eigenes Unglück verantwortlich machen. "Ungewöhnlich ist in Las Vegas das hohe Alter des Täters", sagte Haller, den das Massaker in Las Vegas an die Tat des 25-jährigen Charles Whitman erinnerte. Der ehemalige Scharfschütze der Marines hatte 1966 vom Hauptgebäude der University of Texas in Austin, einem Hochhaus, geschossen und 16 Menschen getötet. "Bei ihm ist dann ja ein kleiner Gehirntumor festgestellt worden", sagte Haller.

Blutige Schießereien der jüngeren US-Geschichte

Das Verbrechen in Las Vegas, bei dem am Montag ein Täter mindestens 50 Menschen tötete und mehr als 200 Verletzte, ist das schlimmste derartige der US-Geschichte. Immer wieder kommt es in Amerika zu Schussabgaben mit vielen Toten. Eine Chronologie der blutigsten Taten:

1. August 1966: Ein geistesgestörter Heckenschütze tötet an der University of Texas in Austin 16 Menschen, bevor er von der Polizei erschossen wird.

18. Juli 1984: In einem McDonald's-Restaurant im kalifornischen San Ysidro schießt ein arbeitsloser Wachmann um sich. 21 Menschen sterben.

16. Oktober 1991: Ein Mann rast mit seinem Pick-Up-Truck durch die Frontscheibe eines Restaurants im texanischen Killeen. Anschließend feuert er dort um sich und tötet 22 Menschen. Der Täter begeht durch einen Kopfschuss Suizid.

20. April 1999: An der Columbine-Schule in Littleton im US-Bundesstaat Colorado erschießen zwei schwarz gekleidete und vermummte Jugendliche zwölf Mitschüler und einen Lehrer. Danach begehen sie Selbstmord.

29. Juli 1999: Ein 44-jähriger Börsenspekulant tötet in Atlanta im Bundesstaat Georgia seine beiden Kinder und seine Frau. Anschließend eröffnet er in zwei Maklerbüros das Feuer und tötet neun Menschen, bevor er sich selbst tötet.

21. März 2005: In Red Lake im US-Bundesstaat Minnesota richtet ein Jugendlicher in einer Schule ein Blutbad an und begeht anschließend Selbstmord. Neun Menschen sterben, unter ihnen fünf Schüler und eine Lehrerin. Zuvor hatte der Schüler seinen Großvater und dessen Lebensgefährtin getötet.

16. April 2007: Bei dem bis zur Tat in Las Vegas blutigsten Amoklauf an einer US-Hochschule sterben an der Virginia Tech in Blacksburg mindestens 33 Menschen, darunter der Täter.

24. Dezember 2008: Ein Amokläufer im Weihnachtsmannkostüm erschießt auf einer Weihnachtsfeier in Covina, am Stadtrand von Los Angeles, neun Gäste und begeht Selbstmord.

3. April 2009: In der Stadt Binghamton im Bundesstaat New York erschießt ein Mann aus Vietnam in einem Zentrum für Einwanderer 13 Menschen.

5. November 2009: Ein Militärpsychiater eröffnet auf einer US-Militärbasis in Texas das Feuer. Der Mann mit palästinensischen Wurzeln tötet 13 Menschen und verletzt 32 weitere, bevor er überwältigt werden kann.

2. April 2012: Ein 43-jähriger Koreaner tötet in einer religiösen Universität im US-Bundesstaat Kalifornien sieben Menschen und verletzt drei weitere. Anschließend stellt er sich der Polizei. Die Opfer mussten sich in einer Reihe vor einer Mauer aufstellen, bevor sie hingerichtet wurden.

20. Juli 2012: In einem Kino in Aurora im US-Bundesstaat Colorado eröffnet ein Mann während der Premiere des neues "Batman"-Films das Feuer. Zwölf Menschen sterben, 58 weitere werden verletzt. Der Amokläufer wird festgenommen.

14. Dezember 2012: Ein junger Mann dringt in die Sandy-Hook-Volksschule in Newtown im Bundesstaat Connecticut ein und erschießt dort 20 kleine Kinder und sechs Erwachsene. Zuvor hatte er zu Hause bereits seine Mutter getötet. Nach der Tat begeht der 20-jährige Todesschütze Selbstmord.

2. Dezember 2015: Ein Ehepaar erschießt bei einem Angriff auf eine Sozialeinrichtung in San Bernardino 14 Menschen, bevor es bei einem Schusswechsel mit der Polizei selbst ums Leben kommt. Die US-Behörden stufen das Verbrechen, zu dem sich der IS bekennt, als Terrorakt ein.

12. Juni 2016: Ein Terrorist eröffnet das Feuer auf Besucher eines Homosexuellen-Nachtclubs in Orlando und tötet 49 Menschen. Der Mann geht von einem Raum zum anderen, um seine Opfer eines nach dem anderen zu erschießen, bis ihn die Polizei erschießt.