Von Migranten vergewaltigt, aber sie sagte nichts

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Foto: Linksjugend Solid Ein Plakat der Linksjugend Solid mit Selin Gören (vorne in der Mitte)

Eine junge Frau wird vergewaltigt und sagt es niemandem. Der Grund: Die Täter waren Männer mit arabischer Herkunft. Sie wollte den Rassismus nicht weiter befeuern.

Es sind viele Fragen, die sich beim Fall Selin Gören auftun. Die deutsche Jungpolitikerin, die sich beim Verband Linksjugend Solid stark für den Sozialismus macht und wohl auf jeder "Welcome Refugees"-Veranstaltung in ihrem Umkreis im letzten Jahr anzutreffen war, spaltet die Gemüter.

Was ist geschehen?

Es war Ende Jänner als Selin Gören gegen ein Uhr nachts beschließt, noch kurz Luft zu schnappen. Auf einem Spielplatz sieht sie etwas entfernt drei Männer, die Bier trinken. Sie sind jung und pöbeln sich gegenseitig an. Einige Minuten später wird sie zu Boden gestoßen. Sie erinnert sich an kurz geschorenes Haar und arabisches Aussehen der Täter. Schließlich erzwingt einer der Männer Oralverkehr von Gören. Bevor mehr geschieht, schafft es die junge Frau, sich zu wehren. Die Täter laufen weg, die Tasche des Opfers nehmen sie mit. Die Jungpolitikerin meldet den Vorfall noch in derselben Nacht der Polizei. Allerdings erzählt sie den Beamten lediglich von dem Taschenraub, den Rest erwähnt sie nicht.

Gören, die sich immer gegen eine rassistische und diskriminierende Gesellschaft gewehrt hat, wird nun selbst von denjenigen, für die sie sich immer eingesetzt hat, angegriffen. Die politische Dimension der Tat muss ihr bewusst gewesen sein, als sie sich in einer ersten Emotion dazu entschieden hat, nichts von der Vergewaltigung zu sagen. Sie dachte an die brennenden Flüchtlingsunterkünfte der vergangenen Monate. Sie dachte an die Hetze, die Migranten nach den Silvesterübergriffen in Köln ertragen mussten. Sie wollte die drei Männer nicht davonkommen lassen. Aber sie wollte auch nicht, dass ihre Geschichte von Rassisten missbraucht würde.

Eine Gefahr für andere

Erst später, als sie ihrem Freund unter Tränen die Wahrheit sagt, wird sie noch einmal zur Polizei gehen und den Hergang der Tat beschreiben. In ihrem Amt als Sprecherin der linken Organisation besuchte Gören im vergangenen Jahr ein Flüchtlingslager in Kurdistan. Das Leid, das sie dort gesehen hat, habe sie noch mehr angetrieben, für eine Willkommenspolitik einzutreten. In einem Interview mit dem Spiegel sagt sie, es sei eine Kurzschlussreaktion gewesen. Und dann sei sie aus der Lüge nicht mehr herausgekommen. Erst das Argument ihres Freundes, dass diese Jungs eine Gefahr für andere sein könnten und ein ähnlicher Vorfall einer Frau, der gerade in den Medien kursiert war, hätten sie dazu gebracht, die Wahrheit zu sagen.

Heute nimmt sich Gören kein Blatt mehr vor den Mund, wenn sie den Medien von dem Abend im Jänner erzählt. Warum? Einerseits möchte sie der Öffentlichkeit erklären, wie es zu der Lüge kam. Andererseits möchte sie andere davon abhalten, es ihr gleich zu tun. Zu lügen, um jemanden zu schützen – nur weil es politisch opportun scheint.  

Facebook als Sprachrohr

Doch hier endet diese Geschichte nicht. Gören findet kurz darauf Details zu der anderen Vergewaltigung. Jene, die mit der Grund dafür war, warum sie sich doch entschieden hatte, der Polizei die Wahrheit zu sagen. Sie ist schockiert, als sie liest, dass die Frau sich den Übergriff nur ausgedacht hatte, um gegen Ausländer zu hetzen – so zumindest Görens Verdacht. Medien schreiben danach, die Frau sei psychisch krank gewesen. Doch Gören ist sich sicher, dass der Hintergrund ein rassistischer war. Kurzum beschließt sie um vier Uhr nachts, einen Facebook-Eintrag zu verfassen, darin richtet sie sich wütend an die „rassistische Missbrauchsgeschädigte“ und macht gleichzeitig  ihren eigenen Fall publik.

Die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten. Gören liest jeden Kommentar zu ihrem Eintrag. Die meisten sind rassistisch und nehmen die Tat als Beleg für den angeblichen Irrsinn der deutschen Flüchtlingspolitik. Andere, verfasst von linken Aktivisten, werfen ausgerechnet Gören vor, sie sei eine "AfD-Tussi", die ihr Schicksal "instrumentalisiert".

Erneut von Wut getrieben, beschließt Gören, einen zweiten Facebook-Eintrag zu verfassen:

Lieber männlicher Geflüchteter,
vermutlich in meinem Alter. Vermutlich ein paar Jahre jünger. Ein bisschen älter.
Es tut mir so unfassbar Leid! Vor fast einem Jahr habe ich die Hölle gesehen, aus der du geflohen bist. Ich war nicht direkt am Brandherd, aber ich habe die Menschen in dem Flüchtlingslager in Südkurdistan besucht. Habe alte Großmütter gesehen, die sich um zu viele elternlose Kinder kümmern müssen. Ich habe die Augen dieser Kinder gesehen, einige haben ihr Leuchten nicht verloren. Ich habe aber auch die Kinder gesehen, deren Blick leer und traumatisierend war. Ich habe mir von ca. 20 ezidischen Kindern in ihrem Matheunterricht arabische Schriftzeichen zeigen lassen und weiß noch, wie ein kleines Mädchen angefangen hat zu weinen, nur weil ein Stuhl umfiel. Ich habe einen Hauch der Hölle gesehen, aus der du geflohen bist.
Ich habe nicht gesehen, was davor geschehen ist und auch deine strapaziöse Flucht habe ich nicht miterleben müssen.
Ich bin froh und glücklich, dass du es hierher geschafft hast. Das du den IS und seinen Krieg hinter dir lassen konntest und nicht im Mittelmeer ertrunken bist.
Aber ich fürchte, du bist hier nicht sicher. Brennende Flüchtlingsunterkünfte, tätliche Angriffe auf Refugees und ein brauner Mob, der durch die Straßen zieht.
Ich habe immer dagegen angekämpft, dass es hier so ist.
Ich wollte ein offenes Europa, ein freundliches. Eins, in dem ich gerne leben kann und eins, in dem wir beide sicher sind. Es tut mir Leid.
Für uns beide tut es mir so unglaublich Leid. Du, du bist nicht sicher, weil wir in einer rassistischen Gesellschaft leben.
Ich, ich bin nicht sicher, weil wir in einer sexistischen Gesellschaft leben.
Aber was mir wirklich leid tut ist der Umstand, dass die sexistischen und grenzüberschreitenden Handlungen die mir angetan wurden nur dazu beitragen, dass du zunehmendem und immer aggressiverem Rassismus ausgesetzt bist. Ich verspreche dir, ich werde schreien. Ich werde nicht zulassen, dass es weiter geschieht. Ich werde nicht tatenlos zusehen und es geschehen lassen, dass Rassisten und besorgte Bürger dich als das Problem benennen.
Du bist nicht das Problem. Du bist überhaupt kein Problem.
Du bist meistens ein wunderbarer Mensch, der es genauso wie jeder andere verdient hat, sicher und frei zu sein.
Danke, dass es dich gibt – und schön, dass du da bist.

Der Eintrag ist mittlerweile wieder gelöscht. Im Internet kursieren aber einige Abschriften und Screenshots davon.

(Kurier) Erstellt am