Chronik | Welt
14.06.2017

Das Inferno

Tote, 20 Verletzte in kritischem Zustand. Schwere Vorwürfe gegen Hausverwaltung.

Es war "der Lärm der vielen Helikopter", aus dem Nina T. in den frühen Morgenstunden schloss, dass in der Nähe ihres West-Londoner Wohnsitzes etwas Außergewöhnliches passiert sein musste. Nach den Erfahrungen der letzten Monate macht es nicht wundern, dass andere, wie David aus dem nahe gelegenen Notting Hill, "zuerst an einen Terroranschlag" dachten.

In der direkten Umgebung des brennenden Grenfell Tower in einem von Sozialbauten dominierten Teil von North Kensington wurde indessen eine ganze Nachbarschaft zu entsetzten Augenzeugen einer eskalierenden Katastrophe. Bewohner gegenüberliegender Wohnungen erzählten später davon, dass zunächst bloß hinter zwei Fenstern Flammen zu sehen gewesen seien, ehe das Feuer sich plötzlich rasant seinen Weg erst durch den vierten Stock, dann durch das ganze Hochhaus bahnte. Die BBC interviewte zwei junge Frauen, die zugesehen hatten, wie verzweifelte Eltern ihre Kinder aus den Fenstern warfen. Bald verbreiteten sich widersprüchliche Geschichten darüber, wie schnell die Feuerwehr und die Rettung an den Ort des Geschehens gelangt waren.

Versperrte Notausgänge

Laut Erzählungen der Nachbarn hatte sich das Feuer über die neue Fassadenverkleidung verbreitet, die erst vor kurzem zur kosmetischen Verschönerung und als Isolationsmaßnahme an dem in den 1974 errichteten, 120 Wohnungen umfassenden Blocks angebracht worden war. Anekdotisch wird von brennenden Feuertreppen und versperrten Notausgängen berichtet, sowie von verzweifelten Versuchen der Feuerwehr, Zugang zu einer Trockensteigleitung zu erlangen.

Im Verlauf des Tages begann auch die unvermeidliche Suche nach Ursachen bzw. Schuldigen. So wie auch bei der Terrorattacke auf den Borough Market vor zwei Wochen richtete sich das Augenmerk dabei bald auf die Auswirkungen der rigiden Sparpolitik der letzten Jahre, die zu einem Abbau von 7000 Feuerwehrleuten geführt hat. Wesentlich konkretere Vorwürfe waren allerdings auf der Website einer Bürgerinitiative namens "Grenfell Action Group" zu finden: "Alle unsere Warnungen fielen auf taube Ohren", war da zu lesen, "Wir sagten voraus, dass eine Katastrophe wie diese nur Frage der Zeit war."

Tatsächlich hatten die Anrainer offenbar schon 2010 Protest eingelegt, als die lokale Gemeindeverwaltung, die Royal Borough of Kensington & Chelsea, das grüne Licht zur Überbauung von Grünflächen und eines an den Wohnblock angrenzenden Parkplatzes gab. Die Errichtung einer Schule samt Fitness-Zentrum (Kensington Academy and Leisure Centre) wurde der Öffentlichkeit als Teil der Regeneration der Gegend angepriesen. Die Anrainerorganisation argumentierte vergeblich, dass dabei der Zugang für Feuerwehr- und Rettungseinsätze eingeschränkt werde.

Im November 2016, vier Monate nach Abschluss einer Generalrenovierung des Gebäudes, griffen die Mieter, die aus der Gemeinde ausgegliederte Hausverwaltung KCTMO (Kensington & Chelsea Tenement Management Organisation) als eine "böse, prinzipienlose Minimafia" an, deren "schmierige Absprachen" mit der örtlichen Gemeinde ein "Rezept für ein Desaster" wären: "Nur ein katastrophales Ereignis", hieß es da, werde die "Unfähigkeit und Inkompetenz unseres Hausherrn, der KCTMO, offenlegen, und den gefährlichen Lebensumständen und der Vernachlässigung von Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften ein Ende setzen, die sie unseren Mietern und Eigentümern zumuten."

Wie The Guardian berichtet, wurde die Hausverwaltung 2016 wegen mangelnder Feuerschutzvorkehrungen in einem anderen Hochhaus von der Londoner Feuerwehr verwarnt. Bei einer Vorstandssitzung Ende des Jahres war zur Sprache gekommen, dass es eines "aktiveren Zugangs zur Installation selbstschließender Eingangstüren zu den Wohnungen" in allen verwalteten Gebäuden kommen solle.

Zahl der Opfer ungewiss

Der offizielle Ratschlag an die Mieter des Grenfell Tower war, im Brandfall in der Wohnung zu verweilen, bis die Feuerwehr den Brand gelöscht habe. Überlebende berichteten am Mittwoch dagegen, dass nur ihre schnelle Flucht sie vor dem sicheren Tod gerettet habe.

In den ersten Schock und die noch rohe Trauer unter den Betroffenen und ihren Angehörigen mischte sich bereits Zorn. "Es ist unsere Überzeugung", hatte die Grenfell Action Group voriges Jahr geschrieben, "dass ein ernsthaftes Feuer in einem Hochhaus der wahrscheinlichste Anlass sein wird, um jene, die bei der KCTMO das Sagen haben, zur Rechenschaft zu ziehen."

Noch ist die Zahl der Opfer ungeklärt. Dass Londons jüngste Brandkatastrophe ein schweres, politisch brisantes Nachspiel haben wird, steht aber bereits fest.