Chronik | Österreich
14.06.2017

Hochhaus-Brand wie in London "in Österreich definitiv nicht möglich"

Zu streng seien hierzulande die Sicherheitsvorschriften, deren Umsetzung auch regelmäßig kontrolliert werde, erklärt die Berufsfeuerwehr Wien.

Mitten in London ist in der Nacht auf Mittwoch ein Hochhaus mit einer Vielzahl schlafender Bewohner darin in Brand geraten - nach Berichten der örtlichen Feuerwehr stand das Betongebäude von der zweiten Etage bis ganz hinauf in Flammen. "In Österreich wäre das so definitiv nicht möglich", sagte Christian Feiler, Sprecher der Berufsfeuerwehr Wien.

"Es ist höchst dramatisch, dass buchstäblich ein ganzes Hochhaus brennt", sagte der Oberbrandrat. Für Österreich kann er sich einen solchen Vorgang, der in London vermutlich zahlreiche Todesopfer gefordert hat, unter normalen Umständen nicht vorstellen. Zu streng seien die Sicherheitsvorschriften, deren Umsetzung auch regelmäßig kontrolliert werde.

Brandabschnitte

Zu solchen Sicherheitsmaßnahmen zählen zum Beispiel Brandabschnitte - Bereiche, in denen es im Fall des Falles im Sinne einer Zellenbildung "brennen darf". Dass Flammen nicht dabei ohne weiteres von einer Wohnung auf benachbarte übergreifen, garantieren brandbeständige Mauern, die überlappend und in einer vorgeschriebenen Mindeststärke eingezogen sind. Weitere sicherheitstechnische Einrichtungen, die von Gebäude zu Gebäude nach baulichen Erfordernissen aber verschieden sind, wären noch Brandmeldeanlagen, eventuell mit Sprinkleranlage, und Druckbelüftungsvorrichtungen.

Alle diese Maßnahmen sollen vermeiden helfen, "dass nicht alles zu brennen beginnt, wenn einmal eine Wohnung brennt", sagte Feiler. So werde verhindert, "dass das Haus in seiner Gesamtheit in Flammen gerät".

"Unter Umständen kann sich so ein Brand über die Fassade ausbreiten. In Österreich sind deswegen Brandriegel in der Fassade vorgeschrieben, damit sich ein Feuer dort nicht ungehindert durchfressen kann"

Genau das ist augenscheinlich in London geschehen. Noch sei es zu früh, um einen Auslöser und mögliche Ursachen festzumachen, betonte Feiler.

Der Oberbrandrat kann sich generell drei Ausgangsszenarien vorstellen, wie es bei Brandausbruch in einem mehrstöckigen Haus zu einer Katastrophen solchen Ausmaßes kommen könnte: "Unter Umständen kann sich so ein Brand über die Fassade ausbreiten. In Österreich sind deswegen Brandriegel in der Fassade vorgeschrieben, damit sich ein Feuer dort nicht ungehindert durchfressen kann", erläuterte Feiler. Eine andere Variante - die einzige, die er sich für ein Wiener Gebäude überhaupt vorstellen könnte - wäre eine absichtliche Brandlegung mit gleichzeitigem Zünden in praktisch allen Stockwerken. Als dritte Möglichkeit, dass sich ein Feuer derart ausbreitet, führte der Experte das völlige Fehlen grundlegender brandschutztechnischer Vorkehrungen an.

In Österreich seien die Vorschriften diesbezüglich sehr streng: "Wir haben bauliche und technische Vorkehrungen wie Brandmelder und Rauchentlüftungsanlagen, und im Unternehmensbereich auch organisatorische mit den Brandschutzbeauftragen in den Firmen", sagte Feiler. Mit diesen drei Säulen und regelmäßigen Kontrollen sei man auf der möglichst sicheren Seite.

London: Bilder vom brennenden Hochhaus

London: Bilder vom brennenden Hochhaus

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In Österreich gilt das "Aufenthaltskonzept"

Wie soll man sich verhalten, wenn es im Wohnblock brennt? In Österreich gilt das sogenannte Aufenthaltskonzept, sagte Christian Feiler, Sprecher der Berufsfeuerwehr Wien, im APA-Gespräch. Das bedeutet: Brennt es nicht direkt in der eigenen Wohnung und ist man nicht in unmittelbarer Gefahr, sollte man in den eigenen vier Wänden bleiben, die Feuerwehr alarmieren und auf die Rettungskräfte warten.

"Man kann ein Hochhaus nicht in fünf Minuten evakuieren", erläuterte der Oberbrandrat gegenüber der APA. Wurden alle Brandschutzbestimmungen eingehalten, wovon man in Österreich ausgehen können müsse, sei man aber in einem Mehrparteienhaus in seiner Wohnung so lange sicher, bis die Helfer eintreffen und Anweisungen erteilen. Die Feuerwehr bringt dann die Bewohner geordnet in Sicherheit, nötigenfalls mit Hilfe von Atemschutz.

Liegt der bedrohliche Brandherd in der eigenen Wohnung, gilt: den Gefahrenbereich verlassen, wobei man möglichst alle Türen und insbesondere die Wohnungstür schließen soll. Dadurch werden Feuer und Rauch zumindest eine Weile aufgehalten und man ermöglicht durch dieses Hintanhalten der Rauchverschleppung, so die Experten, auch anderen Hausbewohnern die Flucht. Wer daran noch zu denken imstande ist, nimmt Handy und Schlüssel mit - für den Notruf und damit die Feuerwehr die Wohnungstür später nicht aufbrechen muss.

Brennt es am Gang, also praktisch vor der Wohnungstür, sollte man diese von innen wieder schließen und die Feuerwehr rufen. "In ein stark verrauchtes Stiegenhaus zu laufen ist nicht ratsam", warnte Feiler eindringlich. Zieht Rauch in die Wohnung, sollte man die Türen zu den Zimmern mit den meisten Lüftungsanlagen zumachen, also Bad und Klo. Rauch kann auch über Fenster eindringen, die in der Nähe des Brandherds liegen - diese sind dann ebenfalls zu schließen und wenn möglich andere zu öffnen.

Einsatz von Drehleitern ist begrenzt

Bei Bränden in Hochhäusern kann die Feuerwehr ab einer Höhe von rund 22 Metern und mehr die Drehleiter meist nicht mehr zur Evakuierung einsetzen. Aufgrund der begrenzten Reichweite braucht es daher einen alternativen zweiten Rettungsweg, sagte Christian Feiler, Sprecher der Berufsfeuerwehr Wien, im APA-Gespräch. Der Rettungsweg erfolgt dann über ein zweites Stiegenhaus oder eine Außentreppe.

Sogenannte Feuerwehraufzüge bieten den Einsatzkräften in manchen hohen Gebäuden zudem die Möglichkeit, in überdruckbelüfteten und mit Schleusen ausgestatteten Kabinen zum Brandherd vorzudringen. Der lange und erschöpfende Weg mit voller Montur über das Stiegenhaus wird so maßgeblich verkürzt.

Die genannten 22 Meter gehen aus den Richtlinien, wie der Brandschutz in Gebäuden zu erfolgen hat, hervor. Diese werden vom Österreichischen Institut für Bautechnik (ÖIB) definiert und wurden zuletzt im März 2015 in einer überarbeiteten Fassung vorgelegt. Aufgrund der ÖIB-Definitionen fallen Hochhäuser in die höchste Gebäudeklasse der insgesamt fünf Klassen. Die ÖIB unterscheidet hier bei den Fluchtwegen Stiegenhäuser mit mechanischer Belüftungsanlage (Druckbelüftungsanlage), solche mit automatischer Brandmeldeanlage und Rauchabzugseinrichtung sowie solche mit Schleuse und Rauchabzugseinrichtung.