Chronik | Welt
14.06.2017

Großbrand in Londoner Hochhaus: Sechs Tote

Ein gesamter Wohnhaus-Komplex stand in London in Flammen. Die Polizei bestätigt vorerst sechs Tote, Opferzahl könnte aber noch steigen. Mindestens 74 Personen wurden verletzt, noch mehrere Menschen vermisst.

Bei einem verheerenden Brand eines Hochhauses im Zentrum Londons sind mindestens sechs Menschen ums Leben gekommen. Die Zahl der Toten dürfte aber noch steigen, teilte die Polizei am Mittwoch über Twitter mit. Es wurde nach möglicherweise im Gebäude eingeschlossenen Personen gesucht. Bis zum späten Vormittag drangen die Rettungskräften nur bis zum 19. und 20. Stockwerk vor.

Feuerwehrleute mit Beatmungsgeräten seien im Einsatz, sagte Brigadeführer Dan Daly. "Die Einsatzbedingungen sind sehr hart." Dutzende Einwohner, viele von ihnen im Pyjama, standen im Freien und versuchten, mit Angehörigen Kontakt aufzunehmen. In einem nahegelegenen Restaurant wurden Verletzte versorgt.

Die Einsatzkräfte halten das Gebäude derzeit für stabil genug, um weiter darin nach möglicherweise eingeschlossenen Menschen zu suchen. Ein Experte überprüfe laufend die Statik des Grenfell Towers, sagte die Londoner Feuerwehrchefin Dany Cotton am Mittwoch in der Nähe des Gebäudes, aus dem immer noch Rauchschwaden emporstiegen.

Ein Polizeisprecher bezeichnete die Bergungsarbeiten als "komplex". Sie würden sich über mehrere Tage hinziehen. Es sei "wahrscheinlich", dass während dieser Zeit weitere Todesopfer entdeckt würden. "Es werden noch Menschen vermisst", sagte Stuart Cundy von Scotland Yard.

20 Patienten in Lebensgefahr

64 Menschen sind nach dem Brand von der Rettung verletzt in Spitäler gebracht worden. Zehn weitere Betroffene kamen selbstständig ins Krankenhaus. Insgesamt wurden damit bisher 74 Menschen als Folge des Feuers im Spital behandelt, hieß es von London Ambulance am Mittwochnachmittag. 20 Patienten befanden sich in Lebensgefahr.

Das Feuer war in der Nacht auf Mittwoch ausgebrochen, am frühen Morgen stand das Gebäude mit mehr als 20 Stockwerken noch immer lichterloh in Flammen, eine Rauchsäule war weithin zu sehen. Rettungskräfte kämpften unermüdlich gegen das Feuer und brachten zahlreiche Bewohner des Grenfell Towers in Sicherheit. Die Ursache des Brands war zunächst unklar. Zunächst war ein Einsturz des Hauses befürchtet worden. Später hieß es, die Statik werde als "vorerst sicher" eingestuft.

"In meinen 29 Jahren als Feuerwehrfrau habe ich noch nie etwas von solchem Ausmaß gesehen", sagte Dany Cotton von der Londoner Feuerwehr. Nach Angaben der Rettungskräfte waren mehr als 200 Feuerwehrleute und 40 Löschfahrzeuge im Einsatz. Die Einsatzkräfte waren nach eigenen Angaben innerhalb von sechs Minuten am Ort des Geschehens. Der erste Notruf sei um 00.54 Uhr (Ortszeit) eingegangen. Die Crews arbeiteten "unter extrem schwierigen Bedingungen, um Menschen zu retten und den Großbrand unter Kontrolle zu bekommen".

Die Polizei twitterte, dass zahlreiche Verletzte behandelt würden. In dem Apartmenthaus sollen viele Familien mit Kindern gelebt haben. Einwohner wurden gebeten, die Gegend nordwestlich vom Hyde Park zu meiden. Eine Schule in der Nähe des brennenden Gebäudes blieb geschlossen.

Augenzeugen berichteten in der Nacht auf Twitter von Schreien. Menschen seien aus dem brennenden Gebäude gesprungen. Trümmerteile flogen aus dem Gebäude. Hin und wieder knallte es in dem Hochhaus.

London: Bilder vom brennenden Hochhaus

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"Wir konnten nichts tun"

Nach Angaben einer Augenzeugin war es unmöglich, den um Hilfe schreienden Menschen im brennenden Hochhaus zu helfen. Das ganz Gebäude habe in relativ kurzer Zeit in Flammen gestanden, sagte die Frau am Mittwoch in London.

"Wir konnten nichts tun. Ich habe viele Leute gesehen, die mit Leintüchern am Fenster standen. Meine Freunde haben beobachtet, wie Menschen weit oben aus den Fenstern gesprungen sind", berichtete die Zeugin. "Die Leute haben an die Fenster geklopft. Sie haben sogar mit Weihnachtsbeleuchtung gewunken und um ihr Leben geschrien."

Fernsehmoderator George Clark, der in der Nähe wohnt, sagte dem Sender BBC Radio 5, er könne Menschen ganz oben auf dem Hochhaus sehen. Er habe zunächst gedacht, dass eine Alarmanlage in einem Auto losgegangen sei und habe dann die Glut durch die Fenster gesehen. "Ich wurde mit Asche bedeckt, so schlimm ist es. Ich bin 100 Meter weg und ich bin vollständig mit Asche bedeckt."

Weiters soll laut BBC Einsturzgefahr bestehen. Die Polizei hat die Absperrungen um den Turm erweitert. Aufgrund herabfallender Trümmer wurden Wohngebäude im Umkreis evakuiert.

Die Polizei twitterte, die Gegend nordwestlich vom Hyde Park solle gemieden werden. Dan Daly von der Feuerwehr sagte, die Feuerwehrleute würden Atemmasken tragen, die Arbeit sei extrem hart und die Bedingungen sehr schwierig. "Das ist ein großer und sehr schwerwiegender Vorfall." Man habe zahlreiche Helfer und Spezialisten entsandt.

Bürgermeister Khan will Brandschutz überprüfen

Bürgermeister Sadiq Khan sagte, die Frage des Brandschutzes in Londoner Hochhäusern werde untersucht werden müssen. Einige Bewohner hatten berichtet, sie seien angewiesen worden, sie sollten im Fall eines Feuers in ihren Wohnungen bleiben Das ist übrigens auch in Österreich in solchen Fällen - bei regelkonformen Brandschutzvorrichtungen des betreffenden Gebäudes - die Empfehlung der Feuerwehr.

"Diese Fragen sind wirklich wichtig und müssen beantwortet werden", sagte Khan dem BBC Radio. In London gebe es sehr viele Hochhäuser, "und wir können nicht dulden, dass die Sicherheit von Menschen durch fragwürdige Anweisungen gefährdet wird, oder, falls wirklich zutrifft, was angedeutet wurde, dass Hochhäuser nicht ordnungsgemäß gewartet und betreut werden".

Theresa May zutiefst erschüttert

Die britische Premierminister Theresa May hat sich zutiefst erschüttert über die Todesfälle bei einer Feuerkatastrophe in London geäußert. Sie berief wegen des Großbrandes in einem Hochhaus in North Kensington ein ressortübergreifendes Ministertreffen ein.

Der Grenfell Tower wurde im Jahr 1974 fertiggebaut. In dem 24-stöckigen Betonbau befinden sich 120 Wohnungen. In den Jahren 2015 und 2016 wurde das Gebäude in North Kensington im Westen der britischen Hauptstadt renoviert. Es wurden neue Fenster eingesetzt, und die Fassade wurde thermisch saniert. An der Ausführung dieser Maßnahme soll es unterschiedlichen englischen Medienberichten zufolge damals und seither Kritik von Bewohnern gegeben haben.

Das Hochhaus liegt in der Latimer Road zweieinhalb bis drei Kilometer oder gut eine halbe Stunde Fußmarsch nördlich des berühmten Hyde Park. In unmittelbarer Nachbarschaft befinden sich u.a. eine Mittelschule und eine Kampfsportschule.

Die Feuerwehr gab unterdessen bekannt, dass mehrere Einsatzkräfte kleinere Verletzungen erlitten haben. Die Lösch- und Sicherungsarbeiten am Hochhaus sollten vermutlich noch 24 Stunden dauern, wurde erwartet.

Die Baufirma Rydon hat schockiert auf die Feuerkatastrophe reagiert. Sie war für die Sanierung des Grenfell Towers zuständig. Alle erforderlichen Kontrollen, Bestimmungen im Brandschutz und sonstigen Sicherheitsstandards seien eingehalten worden, teilte die Firma am Mittwoch mit.

Eine Anrainer-Vereinigung, die Grenfell Action Group, wies darauf hin, dass sie mehrfach die Brandsicherheit des Hochhauses kritisiert habe. "Alle unsere Warnungen trafen auf taube Ohren. Wir haben vorhergesagt, dass eine solche Katastrophe unausweichlich und nur eine Frage der Zeit ist", schrieb die Gruppe am Mittwoch auf ihrer Internetseite.

Live-Stream der Löscharbeiten: