Chronik | Welt
17.09.2017

Radler, Fußgänger und Ballspieler erobern Brüssel zurück

In Europas Hauptstadt hat er bereits Tradition: der autofreie Sonntag im September – ein großes Fest.

Plötzlich hört sich alles anders an: Man öffnet das Fenster zur Straße und vernimmt Kinderrufe; die unterschiedlichen Schritte von Fußgängern und Joggern, die unten vorbeilaufen. Das Klingeln von Fahrradglocken, der an die Hausmauer donnernde Ball der spielenden Buben, sogar Gesprächsfetzen der Passanten. Es ist autofreier Sonntag – ein für die Bewohner Brüssels bereits lieb gewonnener Fixpunkt im September – und man hört Dinge, die an den restlichen 364 Tagen des Jahres vom Autolärm geschluckt werden.

Viele andere europäischen Städte versuchen es; die wochentags von gewaltigen Verkehrlawinen geplagte europäische Hauptstadt zieht es strikt durch. Sperre in der ganzen Metropole und Umgebung. Um 9.30 Uhr Vormittags werden die Zufahrten zu den Verkehrsachsen der Metropole blockiert. Fahren dürfen nur noch öffentliche Verkehrsmittel (an diesem Tag sind alle gratis), Taxis und Pkw mit Sondergenehmigung.

"Endlich bessere Luft"

Und schlagartig wird es ruhig, sogar in der Straßenschlucht der zentralen Rue de la Loi, der größten Verkehrshölle in Brüssels Europa-Viertel. Stattdessen: Fahrradfahrer, Tausende, junge, alte, Kinder, mit gelbem Schutzumhang, wie ihn in Brüssel viele Radler zur eigenen Sicherheit tragen, die meisten allerdings ohne.

Maria und ihre vier Schulfreundinnen sind begeistert. Wie jedes Jahr am autofreien Sonntag haben sich die Teenager aufs Fahrrad geschwungen. "Einfach herumradeln", wollten sie, sagt die Schülerin und holt tief Luft: "Endlich kann man wieder besser atmen. Außerdem ist ja heute so viel los hier."

Feststände an jeder größeren Straßenkreuzung, Konzerte, Flohmärkte – der durch den autolosen Tag frei gewordene Raum bietet der Stadt reichlich Kulisse zum Genießen. Vor dem Automobilclub Touring stauen sich die Radler: An diesem Tag werden hier gratis Räder aufgepumpt, ein Blitzservice wird gemacht, schnell repariert. Wie viele Räder Paul schon aufgepumpt hat? "Ich hab nicht gezählt", grinst der Mechaniker, "ein paar Hundert werden es schon gewesen sein. Auf alle Fälle geht alles hier leichter als mit Autos."

Als Anstoß, das Auto öfter stehen zu lassen, werden viele europäische Städte, darunter auch österreichische, am Freitag einen autofreien Tag begehen. So strikt wie in Brüssel dürfte er aber nirgends ablaufen. Und auch hier endete die Freiheit vom Auto um 19 Uhr. Dann wurde wieder Gas gebeben.