Shitstorm ist der Ausdruck für einen Entrüstungssturm in einem Internetmedium.

© dpa-Zentralbild/Jens Kalaene

Analyse
08/21/2015

Flüchtlinge: Shitstorm für den guten Zweck?

Campino, Thomas Stipsits, Armin Wolf: Sie alle engagieren sich in der Asyl-Debatte. Was steckt dahinter?

von Stefanie Oberhauser

Möge es einen Shitstorm gegen mich geben. Mir egal.", das schreibt der Fernsehmoderator Joko Winterscheidt auf Facebook. Dann ruft er dazu auf, eine Flüchtlingsorganisation zu unterstützen. Doch kann in der heutigen Zeit ein Shitstorm als Maßeinheit für Engagement gesehen werden?

Die deutsche Journalistin Anja Reschke sorgte mit ihrem Kommentar im Fernsehen "Dagegen halten - Mund aufmachen" für Aufregung.

Reschke fordert dazu auf, Hass im Internet nicht einfach zu ignorieren, sondern aktiv dagegen anzukämpfen und Hetzer auch "öffentlich an den Pranger zu stellen". Dass menschenunwürdige Postings in den sozialen Netzwerken mittlerweile keine Seltenheit mehr sind, erkennt jeder, der im Internet unterwegs ist.

Herzensangelegenheit oder PR?

Auch österreichische Prominente wie die ORF-Moderatoren Roman Rafreider oder Armin Wolf nehmen sich der Flüchtlingsthematik an. So schildert Wolf die momentane Situation und die Probleme der Politik: "Der Frust mit traditionellen Parteien und die Verachtung etablierter Politiker erreichen Werte, die erschreckend sind. Immer mehr Menschen sehnen sich nach Politikern, die ihnen den Eindruck vermitteln, sie könnten die Geschichte irgendwie zurückdrehen." In einem ausführlichen Post auf seiner Facebook-Fanseite erklärt er, dass sich die Welt ändert und die Menschen das endlich auch begreifen müssen.

Der Kabarettist Thomas Stipsits hat sogar ein Lied aufgenommen, weil in der Asylpolitik "der Ton immer radikaler wird". Das Video ist ein viraler Hit. Allein auf Facebook wurde es fast 9.000 Mal geteilt.

Und auch sein Kabarettisten-Kollege Manuel Rubey spottet über die Flüchtlingspolitik der EU und teilt dieses Merkel Meme auf Instagram.

Campino ruft zum Widerstand gegen Ausländerhass auf, "Die Fantastischen Vier" laden Flüchtlinge zu ihren Konzerten ein, und sogar die als rechtsradikal verschriene Südtiroler Band "Frei.Wild" positioniert sich plötzlich gegen Rechts:

"Wer Menschen, die gerade mit knapper Not einem grausamen Krieg oder einer Verfolgung aus religiösen oder anderen Gründen entkommen sind, die ihrer Heimat (und ihr wisst wie viel Heimat uns bedeutet) entfliehen mussten oder auf der Flucht ihre Liebsten verloren haben, wer solche Menschen hier wieder bedroht und terrorisiert, der ist schlichtweg ein asoziales Arschloch ohne Verstand, und, viel schlimmer, ohne Herz und hassgesteuert."

Und was passiert mit einer Band, die eigentlich immer nur auf Patriotismus pocht und sich plötzlich für "Ausländer" einsetzt? Genau! Sie kassiert einen Shitstorm. So schreibt ein enttäuschter Nutzer auf der Facebook-Seite: "Willkommen bei den Gutmenschen und Moralaposteln, mich habt Ihr die längste Zeit als Fan gehabt".

Was steckt dahinter?

Flüchtlinge polarisieren. Die Angst "fremd im eigenen Land" zu werden und dass nicht genug für alle da sei, ist groß. Dazu kommt eine noch nie dagewesene Vielfalt der sozialen Netzwerke. Nie zuvor war es so einfach, seine Stimme zu erheben und mit nur einem Facebook-Kommentar Tausende zu erreichen. Gesetze stoßen an ihre Grenzen, weil sie aus einer Prä-Facebook-Ära stammen. Doch mittlerweile können auch Hass-Postings scharfe Konsequenzen nach sich ziehen. Allein in diesem Jahr gab es in Österreich schon über 200 Prozesse wegen Online-Verhetzung. Erst am Dienstag wurde ein 23-jähriger Kärntner zu neun Monaten bedingter Haft verurteilt.

Wenn also schon Unbekannte mit ihren Posts so viel bewirken können, dann ist es bei Prominenten natürlich ein Vielfaches. Ob es den Promis nun ein wirkliches Anliegen ist, sich für Flüchtlinge einzusetzen - oder ob es letzten Endes doch "nur" um gute PR geht, ist im Grunde auch gar nicht so wichtig. Denn so verbreiten sich zumindest nicht nur die Aussagen der Hetzer.