Chronik | Welt
31.08.2017

"Harvey": Explosionen in überfluteter Chemiefabrik

Qualmwolken nach Explosionen in überschwemmter Chemiefabrik. US-Behörde: Keine Anzeichen für giftige Stoffe. Mindestens 35 Menschen kamen bisher durch die Folgen des Sturms ums Leben.

Die schweren Fluten in Texas haben in einer Chemiefabrik nahe Houston beängstigende Folgen nach sich gezogen. In dem Betrieb kam es Donnerstagfrüh (Ortszeit) zu zwei Explosionen, wie die Betreiber des französischen Konzerns Arkema mitteilten. Es brannte, Rauch stieg auf. Die Behörden machten widersprüchliche Aussagen dazu, wie gefährlich die Situation für die Bevölkerung war.

"Unglaublich gefährlich"

Die Anlage, die etwa 40 Kilometer von Houston entfernt liegt, war bereits am Sonntag wegen Überschwemmungen evakuiert worden. In der Nacht auf Donnerstag kam es dann nach Darstellung des Betreibers zu zwei kleineren Explosionen und Feuern. Der Leiter der Katastrophenschutzbehörde FEMA sagte in Washington, die Rauchwolke sei "unglaublich gefährlich". Der Sheriff von Harris County erklärte dagegen etwa zeitgleich in Texas, der Rauch sei nicht giftig. Es gebe keine Gefahr für die Bevölkerung.

Auch die US-Umweltbehörde EPA sieht keine Anzeichen für ein gefährliches Ausmaß an freigesetzten giftigen Stoffen.

15 Polizisten, die das Gelände gesichert hatten, kamen ins Krankenhaus. Nach Darstellung des Sheriffs wurden sie wegen brennender Augen und gereizter Lungen behandelt. Richard Rennard von der Betreiberfirma Arkema sagte, der Rauch sei schädlich. Die Giftigkeit sei aber "etwas Relatives". Wenn man den Rauch einatme, führe das zu Reizungen der Lunge.

Die Behörden richteten eine Sperrzone mit einem Radius von 2,4 Kilometern ein. Anrainer waren bereits am Mittwoch in Sicherheit gebracht worden. Die Betreiber rechneten damit, dass es in der Fabrik zu weiteren Bränden und Explosionen kommen könnte.

660 Liter Regen pro m2

Auch in anderen Orten in Texas blieb die Lage angespannt. Die Städte Beaumont und Port Arthur kämpften mit Überschwemmungen - hier waren innerhalb von 24 Stunden 660 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen. Nach Angaben der Behörden brach in Beaumont die Wasserversorgung zusammen, nachdem die zentrale Pumpanlage dem Druck eines angeschwollenen Flusses nachgegeben hatte.

Lage bleibt dramatisch

Auch in Houston war Entspannung nicht in Sicht, obwohl die Großstadt von weiterem Regen verschont blieb. Die Rettungsarbeiten dauerten an. Als vom US-Hurrikan-Zentrum herabgestuftes tropisches Tiefdruckgebiet zog "Harvey" weiter östlich durch Louisiana. Auch Mississippi, Tennessee und Kentucky rüsteten sich für mögliche Überschwemmungen.

"Harvey" war am Freitag erstmals in Texas auf Land getroffen; seither kämpft die Gegend mit den verheerenden Folgen. Binnen weniger Tage fielen in dem Staat mancherorts bis zu 125 Zentimeter Regen pro Quadratmeter - ein Rekord für das Festland der USA. Zahlreiche Flüsse, darunter der Colorado, traten über die Ufer, Stauseen ergossen ihre Fluten über die Dämme. Einige Dämme wurden zur Entlastung bewusst geöffnet, was zu weiteren Überschwemmungen führte.

"Unsere schlimmsten Befürchtungen haben sich bewahrheitet", erklärte Sheriff Ed Gonzalez. Die Behörden im Großraum Houston gingen von insgesamt mindestens 33 Toten im Zusammenhang mit Sturm "Harvey" aus.

Der texanische Gouverneur Greg Abbott sagte, hinsichtlich der Zahl der betroffenen Einwohner und der Ausdehnung des Unwetters sei "Harvey" viel schlimmer als der verheerende Hurrikan "Katrina" von 2005. Seiner Erinnerung nach seien nach "Katrina" mehr als 125 Milliarden Dollar (104,9 Mrd. Euro) in den Wiederaufbau geflossen. Nun werde es voraussichtlich noch deutlich teurer.

Die Katastrophe belastete auch die verbliebene Infrastruktur aufs Äußerste. Die Elektrizitätswerke gaben bekannt, in Texas und Louisiana seien fast 200.000 Kunden ohne Strom. "Unsere ganze Stadt ist unter Wasser", schrieb der Bürgermeister von Port Arthur, Derrick Foreman, auf Twitter. In der Stadt liegt die größte Ölraffinerie der USA, die wegen des Sturms geschlossen werden musste.

Die Katastrophe belastete auch die verbliebene Infrastruktur aufs Äußerste. Die Elektrizitätswerke gaben bekannt, in Texas und Louisiana seien fast 200.000 Kunden ohne Strom. "Unsere ganze Stadt ist unter Wasser", schrieb der Bürgermeister von Port Arthur, Derrick Foreman, auf Twitter. In der Stadt liegt die größte Ölraffinerie der USA, die wegen des Sturms geschlossen werden musste.

Freigabe von strategischen Ölreserven

Als Folge steigen die Benzinpreise. Die US-Regierung reagierte mit der Freigabe von strategischen Ölreserven. 500.000 Barrel Rohöl würden an eine Raffinerie in Lake Charles in Louisiana geliefert, teilte das Energieministerium mit. Die Anlage, die von Phillips 66 betrieben wird, ist bisher nicht von dem Hochwasser betroffen.

Polizei bestätigt Tod von sechs Familienmitgliedern

Bei den schweren Überschwemmungen in der texanischen Metropole Houston sind sechs Mitglieder einer Familie getötet worden. Die Leichen seien aus einem Fahrzeug geborgen worden, nachdem das Wasser langsam zurückgegangen sei, teilte Sheriff Ed Gonzalez am Mittwoch vor Journalisten mit. Die Familie, ein Paar mit vier Urenkeln im Alter von sechs bis 16 Jahren, sei seit Sonntag vermisst worden.

Die Familie hatten versucht, den steigenden Fluten, die der Wirbelsturm "Harvey" mit sich gebracht hatte, zu entkommen. "Harvey" war vor fünf Tagen in Texas erstmals auf Land getroffen und dann vom Landesinneren aus zurück aufs Meer gezogen. Über dem Golf von Mexiko nahm der Sturm dann erneut Feuchtigkeit auf und erreichte am Mittwoch den Bundesstaat Louisiana.

Hilfsbereitschaft

Zahlreiche US-Stars werben für Spenden zugunsten der Opfer des Tropensturms "Harvey" - unter anderem bekundeten Schauspieler wie Sandra Bullock, Leonardo DiCaprio, Kevin Hart und Amy Schumer, sowie Sängerin Beyonce ihre Hilfsbereitschaft. Popstar Miley Cyrus kündigte in der Sendung von Ellen DeGeneres an, 500.000 US-Dollar für die Katastrophenhilfe in Houston zu geben.

Trotz des schwelenden Konflikts zwischen Caracas und Washington will die venezolanische Regierung den Hurrikan-Opfern in den USA helfen. Venezuela werde bis zu fünf Millionen US-Dollar (etwa 4,2 Millionen Euro) für betroffene Familien in Houston und Corpus Christi bereitstellen, kündigte Außenminister Jorge Arreaza am Mittwoch an.

Auch Mexiko hatte trotz des Streits um die von US-Präsident Donald Trump geplante Grenzmauer und die konfliktreiche Nachverhandlung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens Nafta dem Nachbarland Unterstützung angeboten. Mexiko hatte bereits nach dem schweren Hurrikan "Katrina" den USA geholfen. Damals waren Hunderte Soldaten und Ärzte in die Vereinigten Staaten gekommen. Es war das erste Mal seit dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg 1846, dass die mexikanischen Streitkräfte die Grenze zu den USA übertraten.