Polizisten sprengten ein Loch in die Wand des Clubs, um Menschen zu retten.

© REUTERS/JIM YOUNG

Amoklauf
06/13/2016

Massaker in Orlando: Die letzte Nachricht eines Opfers

Ein Opfer schrieb aus dem Club eine SMS an seine Mutter: "Er kommt. Ich werde sterben."

Omar Mateen betritt den "Pulse"-Nachtclub und beginnt, um sich zu schießen. Panik bricht aus. Unter den Menschen ist auch Eddie Justice. Um 2:06 Uhr (Ortszeit Orlando) wird Mina Justice durch eine SMS ihres Sohnes wach. "Mommy I love you", schreibt der 30-Jährige. Kurz darauf: "Ich bin im Club, sie schießen."

Mina Justice versucht, ihren Sohn anzurufen. Um 2:07 Uhr kommt die nächste SMS: "Wir sind in den Toiletten gefangen." Seine Mutter soll die Polizei anrufen und sie zum Club schicken, schreibt Eddie. 32 Minuten später die nächste Nachricht: "Er kommt", "Ich werde sterben."

Zu diesem Zeitpunkt sitzt Eddie Justice in der Falle. Mit anderen Clubbesuchern ist er in die Damentoiletten gerannt, um sich vor dem Angreifer zu verstecken. Doch es dauert nicht lange und der Schütze Omar Mir Seddique Mateen entdeckt ihn und die anderen. "Beeil dich. Er ist hier bei uns in den Toiletten", schreibt Eddie Justice seiner Mutter um 2:49 Uhr. "Ist er bei dir in den Toiletten?", fragt Mina Justice. Der Sohn antwortet eine Minute später: "Ja." Es ist die letzte SMS an seine Mutter.

Das Massaker von Orlando ist die schlimmste Bluttat eines einzelnen Menschen in den USA. Mindestens 50 Menschen sind tot. 53 wurden verletzt - einige so schwer, dass sie in Krankenhäusern um ihr Leben kämpfen. Wie bekannt wurde, arbeitete Mateen für Sicherheitsfirma G4S in Florida und erwarb seine Waffen kurz vor der Tat legal. Das konnte er, obwohl das FBI 2013 und 2014 gegen ihn ermittelte. Dabei sei es auch um mögliche Verbindungen zum IS gegangen, sagte ein Vertreter der US-Bundesbehörde vor Journalisten.

IS bekannte sich zu Massaker

Die Extremisten-Organisation "Islamischer Staat" hat sich unterdessen zu dem Anschlag bekannt. "Einer der Soldaten des Kalifats in den USA hat einen Angriff ausgeführt, bei dem ihm der Zugang zu einem Treffen der Kreuzzügler in einem Nachtklub für Homosexuelle in Orlando, Florida gelungen ist", hieß es am Montag in einer IS-Stellungnahme im IS-Radiosender Al-Bayan.

Er habe über Hundert getötet oder verletzt, bevor er selbst getötet worden sei. "Gott hat Omar Mateen geholfen."Al-Bayangilt als offizielles Verlautbarungsorgan der Dschihadisten in ihrem Herrschaftsbereich in Syrien und dem Irak. Es wurde nicht gesagt, dass die Tat von der Führungsebene des IS geplant und in Auftrag gegeben wurde. US-Behörden ermitteln derzeit zu einem islamistischen Hintergrund der Schießerei.

FBI hatte Mateen wiederholt befragt

Einige Stücke des Puzzles, die nach dem Anschlag von Orlando nun akribisch zusammengesetzt werden müssen, hatte die US-Bundespolizei FBI bereits in den vergangenen Jahren zusammengetragen. Sie hatte Mateen in den Jahren 2013 und 2014 wiederholt befragt - zu angeblich radikalen Reden bei seiner Arbeit als Sicherheitsmann und zu seinen Kontakten zu dem späteren Selbstmordattentäter Moner Mohammad Abusalha. "Es gab nichts, was eine Fortsetzung der Untersuchung gerechtfertigt hätte", sagt Ronald Hopper vom FBI.

"Er war psychisch instabil, psychisch krank"

Seit 2007 und bis zum Attentat von Orlando, bei dem er von der Polizei getötet wurde, ging Mateen für das britische Sicherheitsunternehmen G4S seiner Tätigkeit als Wächter nach. "Er wollte Polizist werden", sagt seine Ex-Frau. "Also hat er mit seinen Freunden bei der Polizei trainiert, er hatte einen gültigen Waffenschein für Florida." Wenige Tage vor dem Anschlag kaufte Mateen ein Gewehr und eine Faustfeuerwaffe. Die Ex-Frau legt in ihrer Beschreibung Mateens den Akzent auf seine aufbrausende, unberechenbare Seite, nicht auf einen islamischen Fundamentalismus. "Er war psychisch instabil, psychisch krank", sagte Sitora Yusufiy. Er habe Steroide konsumiert, die bei falscher Dosierung Psychosen auslösen können, auch Paranoia. 2011 sei sie von ihrer Familie "seinen Armen entrissen" und damit "gerettet" worden.

"Das hat nichts mit Religion zu tun"

Mateen hat afghanische Wurzeln, geboren wurde er aber in New York. Sein Vater, Mir Seddique, ist in den afghanischen politischen Zirkeln in den USA eine kleine Berühmtheit. In der Durand Jirga Show macht er via YouTube Stimmung gegen die pakistanische Regierung. Gelegentlich ließ er einen überspannten Plan einfließen, er wolle afghanischer Präsident werden. Dass sein Sohn durch den Islam zu seiner Tat ermuntert worden sei, hält Seddique für ausgeschlossen: "Das hat nichts mit Religion zu tun." Er verweist vielmehr auf dessen Abneigung gegen Schwule und beschreibt eine Strandszene aus Miami, bei der sein Sohn über ein sich küssende Schwulenpaar "sehr wütend" geworden sei.

"Konnte furchteinflößend wirken"

Das meint auch Syed Shafeeq Rahman, der Imam des Islamischen Zentrums von Fort Pierce, das Mateen ab 2003 aufsuchte. "Das habe ich niemals erwartet", sagt Rahman nach dem Massaker von Orlando, einen Koran in der Hand. "Wir unterrichten Frieden und Gerechtigkeit." In dem Islamischen Zentrum tauchte Mateen noch in der vergangenen Woche mit seinem kleinen Sohn auf. Einer der anderen Gläubigen aus der Moschee, Bedar Bakht, sagt, Mateen habe in der vergangenen Woche sehr traurig und in sich gekehrt gewirkt. "Vielleicht hat er Ärger gehabt." Mateen habe sonst gerne über religiöse Fragen gesprochen. Wenn er mit etwas nicht einverstanden gewesen sei, habe er es direkt gesagt, er habe furchteinflößend wirken können.

Trump fordert Obama zum Rücktritt auf

Binnen Stunden ist die Tat zum Zankapfel im US-Wahlkampf geworden. Während die Ermittlungen zu den Motiven des Täters und einer möglichen Verbindung zur Terrormiliz IS noch laufen, holte Präsidentschaftskandidat Donald Trump zum Schlag gegen US-Präsident Barack Obama aus und forderte ihn zum Rücktritt auf.

Trump kritisierte, dass Obama in seiner Stellungnahme nicht die Worte "radikaler Islamismus" benutzt habe. Trump selbst geriet unter Beschuss, weil seine Äußerungen wie Besserwisserei gedeutet wurden und er zunächst kein Wort für die Hinterbliebenen übrig hatte.
In der Nacht zum Sonntag (Ortszeit) hatte in Orlando (Florida) ein 29-jähriger Mann in einem Homosexuellen-Klub 50 Menschen getötet und 53 weitere verletzt. Erst Stunden nach den ersten Schüssen stürmten Polizisten den Club und erschossen den Attentäter. Obama sprach von einem "Akt des Terrors und des Hasses" und der schlimmsten Bluttat eines Todesschützen in der US-Geschichte. Er ordnete Trauerbeflaggung an allen Bundesgebäuden in den USA an.
Die Bundespolizei FBI erklärte, der von den Ermittlern als Omar Mateen identifizierte Mann habe sich in einem Anruf bei der Polizei im unmittelbaren Zusammenhang mit der Bluttat zum Islamischen Staat (IS) bekannt. Zudem behauptete eine IS-nahe Nachrichtenagentur, den Angriff habe ein Kämpfer der Terrormiliz ausgeführt.
Die Ermittlungsbehörden legten sich zunächst auf kein Motiv fest. Es wurde auch in Richtung eines sogenannten Hassverbrechens ermittelt. Auch Obama betonte: "Wir haben noch kein endgültiges Urteil gefällt, was die genaue Motivation des Killers angeht." Ganz anders Trump: Er forderte auch die demokratische Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton auf, aus dem Rennen um das Weiße Haus auszusteigen, weil sie die Wörter "radikaler Islam" ebenfalls nicht verwendet habe. Der führende Republikaner und Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses, Paul Ryan, sagte, die USA befänden sich "im Krieg gegen islamistische Terroristen."
Der Täter, ein US-Bürger mit afghanischen Eltern, hatte gegen 2.00 Uhr kurz vor der Schließung des Nachtklubs "Pulse" das Feuer auf die Besucher eröffnet. Etwa drei Stunden später wurde der mit einem Sturmgewehr vom Typ AR-15 und einer Faustfeuerwaffe ausgerüstete Mann in einem Feuergefecht mit elf Polizisten getötet. Zuvor hatten sich die Beamten eigenen Angaben zufolge unter anderem mit Hilfe eines Sprengsatzes Zugang zum Club verschafft.
Wie bekannt wurde, arbeitete Mateen für eine Sicherheitsfirma in Florida und erwarb seine Waffen kurz vor der Tat legal. Das konnte er, obwohl das FBI 2013 und 2014 gegen ihn ermittelte. Dabei sei es auch um mögliche Verbindungen zum IS gegangen, sagte ein Vertreter der US-Bundesbehörde vor Journalisten.
Der Vater des mutmaßlichen Täters sagte dem Sender MSNBC, er glaube nicht an ein religiöses Motiv. Stattdessen deutete er an, dass sein Sohn starke Antipathien gegen Homosexuelle gehegt habe. Omar sei einmal sehr ärgerlich geworden, als sich zwei Männer in der Öffentlichkeit geküsst hätten. Mateens 2011 von ihm geschiedene Ex-Frau sagte, ihr Mann sei gewalttätig und psychisch labil gewesen. Sie bezeichnete ihn als nicht sehr religiös.
Ein noch schlimmeres Blutbad in dem Club, wo sich zum Tatzeitpunkt nach Polizeiangaben mehr als 300 Menschen aufhielten, wurde wohl nur knapp vermieden. Der Täter sei in der Nähe einer Eingangstür gewesen und in einem Feuergefecht getötet worden. "Mindestens 30 Geiseln konnten durch die Aktion gerettet werden", sagte der örtliche Polizeichef John Mina. Der Täter sei "sehr gut organisiert und vorbereitet gewesen".
Augenzeugen berichteten von Dutzenden Schüssen in schneller Folge - mindestens 40 seien es gewesen, sagte Christopher Hansen dem SenderCNN. "Ich dachte zuerst, es war Musik. Dann warfen sich die Menschen auf den Boden, und ich auch."
Die tödlichen Schüsse dürften im US-Wahlkampf die Debatte über die Waffengesetze neu anheizen. Einige US-Kongressmitglieder forderten umgehend schärfere Regelungen für den Verkauf von Waffen. Der demokratische Senator Robert Casey kündigte noch für Montag einen entsprechenden Gesetzentwurf an. Obama wollte gegen den Widerstand der mächtige Waffen-Lobby wiederholt die Waffenvorschriften verschärfen, scheiterte aber am Kongress, der von den Republikanern kontrolliert wird.

Als Zeichen der Trauer und Solidarität mit den Opfern des Massakers erstrahlt der Mast an der Spitze des World Trade Centers in New York in Regenbogenfarben. In der Nacht auf Sonntag (Ortszeit) hatte ein 29-jähriger Mann in dem Nachtclub "Pulse" mindestens 50 Menschen getötet und 53 weitere verletzt.

Zum Massaker in Orlando schreiben internationale Zeitungen am Montag:

La Repubblica (Rom):

"Das Blutbad in einem Homosexuellen-Klub in Orlando - etwa 50 Tote, das bisher schlimmste Massaker in Amerika - wird nicht nur die Debatte in den USA über Terrorismus, Waffen und den Islam beeinflussen, sondern natürlich auch die im November bevorstehende Präsidentschaftswahl - vor allem, sollte sich der Verdacht bestätigen, dass der Mörder, Omar Mateen, (...) aus religiösen und politischen Motiven gehandelt hat und einem Netz von Jihadisten angehört. (...) Terroranschläge haben gewöhnlich zur Folge, dass sich die öffentliche Meinung nach rechts verlagert, zumindest kurzfristig. Aber diese Tat wird auch die Debatte um den einfachen Zugang zu Waffen wieder anfachen, ein Thema, das Hillary Clinton oft in ihrem Wahlkampf aufgegriffen hat."

Neue Zürcher Zeitung:

"Besonders mit Blick auf die Präsidentenwahl im November dürfte dieser Sonntag zur Zäsur werden, die Amerika in ein 'Davor' und ein 'Danach' teilt. Beobachter sagen bereits seit längerem voraus, dass ein größerer Anschlag den Wahlausgang massiv beeinflussen würde.

Davon könnte speziell der republikanische Kandidat Donald Trump profitieren, schließlich hat er wiederholt demonstriert, wie gut er Ängste zu schüren versteht. Schon nach dem Anschlag in der kalifornischen Ortschaft San Bernardino im Dezember hatte Trump ein pauschales Einreiseverbot für alle Muslime gefordert. Wie sinnlos ein solches wäre, zeigt der jetzige Fall, denn der Attentäter war amerikanischer Staatsbürger. Dennoch fühlte sich Trump am Sonntag durch den Anschlag bestätigt, auf Twitter verlangte er mehr Härte und Wachsamkeit. Es mag verführerisch sein, zu glauben, es gebe einfache Lösungen auf komplexe Probleme wie das radikalisierter Bürger. Doch derartige Herausforderungen verlangen differenzierte Antworten und womöglich Zuwarten. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Amerikaner dazu bereit sind."

Le Figaro (Paris):

"Mit Blick auf das Urteil der Geschichte wird (US-Präsident) Barack Obama seine Strategie und seine Ziele im Krieg gegen den 'Islamischen Staat' (IS) überdenken müssen, er, der das Feld in den vergangenen Monaten faktisch dem Russen (Präsident) Wladimir Putin überlassen hat. In den USA werden sich der islamistische Terrorismus und die Waffenkontrolle als Themen aufdrängen. Für einen demokratischen Präsidenten, der darauf bedacht ist, den Amerikanern ein 'Vermächtnis' zu hinterlassen, ist dies ein Moment der Wahrheit."

de Volkskrant (Amsterdam):

"Das Bedürfnis nach Härte wächst nach jedem Anschlag. Bereits nach jenem in San Bernardino hatten Meinungsforscher bemerkt, dass die 'nationale Sicherheit' für amerikanische Wähler ein wichtigeres Thema wird. Republikanische Präsidentschaftskandidaten griffen das mit drohenden Reden über die Vorgehensweise gegenüber dem Nahen Osten auf, den sie als Quelle allen Übels darstellten. Donald Trump trug dazu mit seinem wohl berüchtigsten politischen Plan bei: Er will Muslimen die Einreise in die USA verwehren...

Paradoxerweise schließt sich Schwulenhass nahtlos an die Ideologie christlich-konservativer Strömungen an. Ein Kandidat wie Ted Cruz wollte Homo-Ehen für ungültig erklären. Trump hat sich in dieser Hinsicht stets flexibler aufgestellt und Stolz auf seine 'New Yorker Werte' verkündet. Nun, wo diese Werte angegriffen wurden, ist er ... noch besser positioniert, sich als deren Verteidiger aufzuschwingen."

The Guardian (London):

"Die furchtbare Wahrheit ist, dass die amerikanische Gesellschaft stärker durch derartige Angriffe gefährdet ist, weil sie glaubt, dass Freiheit auch den leichten Zugang zu tödlichen Waffen erfordert. Es stimmt zwar, dass nicht Waffen Menschen töten, wie es in einem Slogan heißt, sondern dass dies Menschen mit Waffen tun. Aber sie tun es nun einmal sehr viel schneller und effektiver als dies Menschen ohne Waffen machen könnten.

Es hat in den vergangenen zehn Jahren in den USA 43 Schießereien in der Öffentlichkeit gegeben, bei denen jeweils mehr als vier Menschen getötet wurden. Sehr wenige davon hatten erkennbare ideologische Motive. Manche ereigneten sich in US-Staaten wie Florida, wo es für nahezu jedermann, der eine Lizenz beantragt, legal ist, mit versteckten tödlichen Waffen herumzulaufen - was viele als Rückversicherung ansehen, bis sie erkennen, dass es niemandes Leben schützt, sobald wirklich die Patronen durch die Gegend fliegen.

Das Problem besteht darin, dass die USA - ein Land, das die Freiheit über fast alles andere erhebt - ihre wirkliche Freiheit beim Streben nach einer illusorischen beschädigen."

El País (Madrid):

"Das Blutbad von Orlando beweist, unter welcher Bedrohung wir heute leben. Wir haben es mit einer neuen Form des Terrorismus zu tun. Von den Botschaften des islamischen Radikalismus beeinflusste Täter versuchen, unter völlig wehrlosen Menschen und Gruppen einen möglichst großen Schaden anzurichten.

Das Massaker macht deutlich, dass absolut niemand vor dieser Gefahr sicher ist. Besonders verwundbare Gruppen sind das bevorzugte Ziel. Dazu gehören Besucher von Festsälen und Restaurants, Fahrgäste der U-Bahn und Reisende auf den Flughäfen. Im Kampf gegen diesen Terror darf die Wachsamkeit unter keinen Umständen nachlassen."

Orlando: Was weiß man bisher - und was nicht

50 Tote, 53 Verletzte: Was sich im Homosexuellen-Klub "Pulse" in Orlando über Stunden abgespielt hat, ist eine Tragödie. Die Einzelheiten des Massakers werden erst allmählich deutlich. Ein so folgenschweres Verbrechen eines einzelnen Täters hat es in den USA noch nie gegeben.

Was macht diese Gewalttat so besonders?

Orlando geht nicht nur als schlimmstes "mass shooting" in die Geschichte der USA ein. Das Massaker hat auch ungewöhnlich viele Dimensionen: Es geht möglicherweise um Islamismus, vielleicht auch um internationalen Terrorismus, in jedem Fall um Waffengesetze sowie um die Akzeptanz von Schwulen, Lesben und anderen sexuellen Minderheiten in den USA.

Was genau ist in dem Homosexuellen-Klub passiert, wie konnten so viele Menschen sterben?

Das ist noch nicht klar. Man muss sich das "Pulse" anders als den Konzertsaal "Bataclan", einen der Pariser Anschlagsorte, nicht als Halle mit einer Bühne vorstellen, sondern als recht verzweigtes Gebäude mit vielen Räumen. Der Täter nahm dort Geiseln. Ob die Polizei früher hätte stürmen können, muss noch geklärt werden. Auch viele Stunden nach der Tat lief noch die Bergung weiterer Opfer. Es muss ein entsetzliches Chaos gewesen sein.

War der Täter ein Islamist?

Das weiß man nicht. Der Todesschütze Omar M. soll sich bei der Polizei im Zusammenhang mit den Schüssen zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekannt haben. Der IS reklamiert die Tat offenbar für sich. Vater und Ex-Frau beschreiben M. als nicht sehr religiös, aber psychisch labil und gewalttätig. Er stand auf keiner Terrorliste und war laut FBI nicht aktuell unter Beobachtung.

Wie kam M. an die Waffen?

Es heißt, er habe sie wenige Tage vor der Tat völlig legal erworben. Das ist deswegen bemerkenswert, weil M. in den vergangenen Jahren bereits zweimal in Berührung mit dem FBI kam. Einmal sei es auch um einen islamistischen Hintergrund gegangen, aber nur ganz am Rande. Der Erwerb eines Sturmgewehrs, wie es der Täter benutzte, war früher verboten, ist es aber nicht mehr. M.s Arbeitgeber, Sicherheitsdienstleister, sagt: Das Tragen einer Waffe gehörte bei seinem Angestellten zum Alltag. Der Mann war seit 2007 für das Sicherheitsunternehmen G4S tätig gewesen und habe im Dienst eine Waffe getragen.

Warum wurde ausgerechnet der Club "Pulse" das Ziel?

Auch das ist noch nicht klar. M. fuhr immerhin 170 Kilometer weit mit einem Mietwagen zu seinem Ziel. Was ihn ausgerechnet dorthin trieb: offen.

Wird diese entsetzliche Tat auch Thema im US-Präsidentschaftswahlkampf?

Ja, das ist sie schon jetzt. Als noch überhaupt nicht klar war, was eigentlich genau passiert ist, setzte der Republikaner Donald Trump bereits die ersten Tweets ab, stellte einen islamistischen Zusammenhang her. Um diese Äußerungen entspann sich ein heftiger Streit auf Twitter. Unabhängig davon reagierten auch seine demokratischen Rivalen Hillary Clinton und Bernie Sanders sowie viel politische Prominenz. Später forderte Trump Obamas Rücktritt und Clintons Wahlkampfausstieg, weil beide sich geweigert hätten, die Wörter "radikaler Islam" zu benutzen.

AR-15-Halbautomat auch in Österreich erwerbbar

Das laut Medienberichten bei dem Massaker in Orlando verwendete halbautomatische Gewehr vom Typ AR-15 (Kaliber .223) ist auch in Österreich erwerbbar - allerdings unter den selben strengen Auflagen wie alle Waffen der Kategorie B (hauptsächlich Pistolen/Revolver). Das heißt, der Käufer muss im Besitz einer Waffenbesitzkarte (WBK) oder eines Waffenpasses (WP) sein.

Um eines dieser Dokumente zu erhalten, muss der Antragsteller einen psychologischen Test bestehen, seine Fähigkeit damit umzugehen theoretisch und praktisch bei der Ausstellung des sogenannten Waffenführerscheins beweisen und nicht zuletzt nachweisen, dass er die Waffen sicher verwahrt, etwa in einem Tresor. Letzteres wird zumindest alle fünf Jahre von der Polizei überprüft, dabei muss auch der Waffenführerschein neuerlich erworben werden. Davon ausgenommen sind Jäger.

Trotz der Aussagen so mancher Politiker und Waffengegner gibt es für diese halbautomatischen Gewehre durchaus Schießsportbewerbe, die sich unter heimischen Sportschützen einiger Beliebtheit erfreuen. Teilweise werden diese auch in Kombination mit Kurzwaffen (Pistolen oder Revolver) sowie Schrotflinten durchgeführt. Dabei werden nicht nur Varianten des AR-15, sondern auch andere Halbautomaten, wie die zivile Version des Steyr AUG, eingesetzt.

Das AR-15 ist eine halbautomatische Version des von Eugene Stoner konstruierten US-Sturmgewehrs M16, das inzwischen weiterentwickelt wurde. Sportschützen schätzen das Gewehr aufgrund seiner Präzision, die für dieses Waffenart relativ gut ist. Zudem lässt es sich diese "Plattform" durch Zubehör und verschiedene Lauflängen gut an die jeweiligen Bewerbe anpassen.

Das nach den Terroranschlägen von Paris von der EU-Kommission formulierte und in Angriff genommene Ziel, Halbautomaten nach Möglichkeit zu verbieten und Magazine mit großer Kapazität aus dem Verkehr zu ziehen, stößt bei Sportschützen naturgemäß auf wenig Gegenliebe und vor allem Unverständnis. Terroristen sind außerhalb der USA zumeist mit vollautomatischen Sturmgewehren des Typs Kalschnikows bewaffnet - die ohnehin als Kriegsmaterial illegal sind.

Da ein Magazinwechsel in Zehntelsekunden machbar ist, erscheint auch eine Reduktion deren Kapazität wenig sinnvoll. Die unter Bill Clinton erlassene Beschränkung auf zehn Schuss für Halbautomatische Waffen brachte auch wegen hunderter Millionen von High-Cap-Magazines im Privatbesitz nichts und wurde unter George W. Bush wieder aufgehoben. Auch in den meisten Bundesstaaten, wo diese noch verboten sind, gab es immer wieder sogenannte Mass-Shootings - in Österreich ist laut Experten Derartiges mit einem halbautomatischen Gewehr bisher noch nicht geschehen.

Mehr zum Thema in "Die USA und die Waffen - warum der ganze Wahnsinn?"

Prominente trauern um Orlando-Opfer

Auch Prominente haben fassungslos auf das Massaker mit 50 Toten in einem Homosexuellenclub in Orlando reagiert. Hier ein Überblick:

- Sänger und Produzent Pharrell Williams (43): "Ich werde nie verstehen, warum Menschen hassen. Keine Worte können jemals ausdrücken, wie traurig ich mich nach der Tragödie in Orlando fühle."

- US-Musikerin Lady Gaga (30): "Es ist eine traumatische und emotionale Zeit für viele Menschen. Ich träume von einer Welt, die sich darüber Gedanken macht, wie wir diese Gewalt ändern können."

- Popstar Justin Timberlake (35): "Ich versuche Musik zu machen, zu der Menschen hoffentlich Freude haben, tanzen, sich frei fühlen und lieben. Weil es nichts Reineres und Schöneres als diesen Akt gibt. Aber der Fakt, dass dies in der schlimmsten Massenerschießung der US-Geschichte resultierte, macht mich untröstlich... Ich hoffe, wir wachen irgendwann auf und realisieren, dass wir ALLE GLEICH sind. Nur Menschen. Eine Gattung. Die nur GELIEBT werden will."

- US-Sängerin Cher (70): "Es gibt dafür keine Worte. Wenn du verletzt, verwundet, ermordet wirst, weinen wir alle. Wir trauern alle. Wir sind alle weniger wert ohne euch."

- "Fast & Furious"-Star und Wrestler Dwayne Johnson (44): "Es ist lange überfällig, aber die Zeit ist reif, um zu handeln. Ich glaube an das Recht, Waffen zu tragen und seine Familien zu beschützen. Aber ich glaube auch an strengere Waffenkontrollen ... Als Folge dieser Terrorattacke werden wir vereint, beharrlicher und gestärkt zurückkommen. Zusammen. Sie können nicht etwas kaputtmachen, was sie nicht aufgebaut haben."

- Latino-Sänger Ricky Martin (44): "Ich bin schwul, und ich habe keine Angst. Liebe erobert alle."

- US-Schauspielerin Lena Dunham (30): "Wir leiden mit der schwul-lesbischen Gemeinschaft in Orlando. Unsicher, sogar an einem Ort, den sie sich selbst geschaffen haben. Wir leiden mit einem Land, wo die Nachrichten Tag für Tag so aussehen. Die besorgten Bürger der USA verlangen einen Wechsel."

- "Family Guy"-Schöpfer Seth MacFarlane (42): "Diese Schießereien sind eine wiederkehrende Erscheinung. Man kann nicht mehr "geschockt" sein, solange man nichts unternimmt, um sie zu stoppen. Verbietet automatische Waffen."

- Whistleblower Edward Snowden (32): "Wenn er gemordet hat, weil er zwei küssende Männer gesehen hat, sage ich: Findet jemanden zum Küssen. #WähltLiebe."

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